Treffen der Wirtschaftsmächte: Annäherung in der Krise

Der Apec-Gipfel in San Francisco könnte das Verhältnis zwischen den USA und China verbessern

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 5 Min.
Wird US-Präsident Joe Biden dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping in San Francisco die Hand schütteln?
Wird US-Präsident Joe Biden dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping in San Francisco die Hand schütteln?

Selten hat ein Gipfel wichtiger Wirtschaftsmächte unter solch ungünstigen Rahmenbedingungen stattgefunden. Das einwöchige Treffen der Asiatisch-pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) beginnt an diesem Samstag in San Francisco. Die Lage ist angespannt: Hohe Zinssätze, Inflation und Energiepreise belasten die Konjunktur. Dazu kommen geopolitische und ökonomische Risiken, die sich aus dem Ukraine-Krieg, dem Krieg zwischen Israel und der Hamas sowie dem kalten Wirtschaftskrieg zwischen den USA, der Europäischen Union und China ergeben. Gipfel-Optimismus sieht denn auch anders aus: Die globale Wirtschafts- und Finanzelite sieht deutlich mehr Gefahren als Chancen an den Märkten. Doch es gibt Hoffnungszeichen, wie das erwartete Gespräch zwischen US-Präsidenten Biden und seinem chinesischen Amtskollegen Xi am Rande des Apec-Gipfels.

Für die Asien-Pazifik-Region prognostizierte der Internationale Währungsfonds im Oktober ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nur noch 4,2 Prozent für das Jahr 2024. Verglichen mit historischen Daten und angesichts des Bevölkerungswachstums sei das ein äußerst schwacher Wirtschaftsausblick für die Region, schreiben Bankanalysten. Gründe dafür seien, neben einer anhaltenden Verlangsamung der asiatischen Exporte, die weiterhin schwächelnde chinesische Wirtschaft. Die Prognosen für das künftige BIP-Wachstum Chinas werden auch vom Privatsektor weiter nach unten korrigiert. Chinas größte Herausforderungen sind die »Vier D«. Der weltgrößte Exporteur hat eine vergleichsweise schwache Binnennachfrage (engl.: "Demand"). Die hohe Verschuldung ("Debt") von Industrie und Immobiliensektor bremst Investitionen. Ungünstig verläuft ebenfalls die demografische Entwicklung: Der Wirtschaft fehlen junge Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Das wohl größte Risiko für die chinesische Wirtschaft ist aber der vierte Faktor, das »Decoupling«, also die Entkopplung der Weltmärkte von China.

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So ist der Anteil Chinas an den US-Importen in den vergangenen fünf Jahren um rund ein Drittel gesunken. Dafür sorgten vor allem die von der Trump-Regierung 2018 eingeführten Zölle auf Einfuhren aus China. Pekings Gegenmaßnahmen dämpfen ihrerseits bis heute den Handel zwischen den beiden Ländern. Wie kürzlich zwischen China und Australien könnte der Apec-Gipfel jedoch eine handelspolitische Wiederannäherung zwischen China und den USA bringen, was einen Schub für beide Volkswirtschaften bedeuten könnte.

In den Vereinigten Staaten setzt Präsident Joe Biden wie sein Vorgänger auf Protektionismus: »America first«. Mit seiner üppigen Ausgabenpolitik und Subventionen für die heimische Wirtschaft treibt er die Inflation an und verprellt Handelspartner. Gleichzeitig zeigen sich die USA überraschend stark: Obwohl die US-Notenbank ihren Leitzins seit Anfang 2022 um fünf Prozentpunkte angehoben hat, wächst die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr um etwa zwei Prozent. Anders als in China – und Deutschland – treibt die kräftige Konsumnachfrage die US-Konjunktur an. Viele Verbraucher geben den zunächst gesparten Teil ihrer Corona-Schecks aus, mit denen Trump und Biden private Haushalte großzügig versorgt hatten. Dennoch klagen in der politisch tief gespalteten Weltmacht viele Menschen über hohe Preise für Lebensmittel, Benzin und Eigenheime. Im kommenden Jahr sind Präsidentenwahlen, und Biden benötigt wirtschaftliche Erfolge.

In der EU wird die depressive Stimmung zusätzlich befeuert durch die Schwäche Deutschlands. In Medien ist vom »kranken Mann Europas« zu lesen. Wie Chinas Wirtschaft leidet auch die extrem exportorientierte deutsche an der schwächelnden Nachfrage aus vielen Exportmärkten. In ihrem gerade erschienen Jahresgutachten rechnen die »Wirtschafsweisen« damit, dass Deutschlands BIP in diesem Jahr sogar um 0,4 Prozent schrumpft – das grüne Wirtschaftswunder bleibt bislang aus. Die fünf Spitzen-Ökonomen sorgen sich, dass Politik im kurzfristigen Denken gefangen bleibe und langfristigen Problemen lieber aus dem Weg gehe.

Genau dies droht auf dem Gipfel in San Francisco. Doch es gibt Lichtblicke. In den vergangenen Monaten hatte eine wilde Reise-Diplomatie zwischen den drei Zentren der Weltwirtschaft eingesetzt. EU-Chefdiplomat Josep Borrell besuchte China; US-Außenminister Blinken reiste nach Peking, sein chinesischer Amtskollege weilte kürzlich für drei Tage in den USA. Und selbst das Eis zwischen Australien, dem wichtigsten Verbündeten der USA in der Region, und China scheint nach einem Besuch des australischen Premierministers Anthony Albanese zu schmelzen.

China sieht sich von den USA umzingelt und bedrängt. Die wiederum sehen – wie Australien – China zunehmend als Bedrohung im indopazifischen Raum an. Mit Spannung wird erwartet, ob Xi Jinping wie erwartet kommende Woche in den USA eintrifft. US-Präsident Biden hatte den letzten Gipfel noch geschwänzt und damit China das Feld überlassen. Was in vielen Hauptstädten als politischer Fehler gewertet wurde.

Die Welt mag regionaler werden, wie es viele westliche Ökonomen erwarten. Doch wenigstens in Asien ist die Globalisierung quicklebendig. Die Wachstumsraten sind in Vietnam, Thailand oder Indonesien vergleichsweise hoch, der innerasiatische Handel legt weiter kräftig zu. Die Globalisierung in Asien bewege sich »entschieden« weg von einem exportorientierten Wachstumsmodell hin zum Konsum, beschreiben Hongkonger Investmentbanker den neuen Trend.

Politisch gesehen ist Japan – vor Deutschland die Nummer drei der Weltwirtschaft – eine attraktive Alternative für Unternehmen und Investoren, die sich von China abwenden wollen. Allerdings ist zu beachten, dass ein Großteil des Umsatzes japanischer Unternehmen in China gemacht wird. Auch in Indien sehen Manager und Analysten großes Potenzial.

Und noch ein Lichtblick: Der weltweite Handel geht nach schwachen Vormonaten im Oktober deutlich nach oben, meldet das Kiel Institut für Weltwirtschaft. Getragen werde der Aufschwung insbesondere auch von den Mitgliedsländern der Europäischen Union, wo die Wirtschaftsleistung zuletzt leicht schrumpfte. Die starken Handelszahlen seien daher »ein positives Zeichen«. Ob ein solches auch vom Apec-Treffen in San Francisco ausgehen wird, bleibt abzuwarten.

Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft (Apec)

Die Asia-Pacific Economic Cooperation (Apec) wurde im Jahr 1989 gegründet. Ihr Ziel ist die Einrichtung einer Freihandelszone im asiatisch-pazifischen Raum. Davon scheint die formal größte Wirtschaftszone der Welt aber vor dem Gipfel-Treffen in San Francisco weiter denn je entfernt zu sein. Nicht zuletzt, weil die politischen Spannungen zwischen den Mitgliedsländern, darunter Russland, China und den USA, in den letzten Jahren zugenommen haben. Wirtschaftspolitisch geht es in San Francisco um Strafzölle und grundsätzlicher um das Spannungsverhältnis zwischen »freiem, fairem und offenem Handel« (US-Regierung) einerseits, sowie Handelshemmnisse und nationalem Protektionismus anderseits, wie ihn die USA, aber auch die EU und China in der Praxis pflegen.
Die 21 Apec-Mitglieder stehen für rund 40 Prozent der Weltbevölkerung, 50 Prozent des globalen Handels und mehr als 60 Prozent des Welt-BIP – und der US-amerikanischen Exporte. Apec-Mitglieder wiederum haben 1,7 Billionen Dollar in den USA investiert, was mehr als zwei Millionen Jobs entspricht.
Weitere Mitglieder sind Australien, Brunei, Chile, Hongkong, Indonesien, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Peru, Philippinen, Singapur, Südkorea, Taiwan, Thailand und Vietnam. Deutschland und die EU gehören schon aufgrund ihrer geografischen Lage nicht zur Apec. Sie bemühen sich aber um verstärkten wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Südostasien. HP

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