Bundestrainer Julian Nagelsmann mit erschreckender Erklärung

Der neue Bundestrainer wiederholt die Fehler seiner Vorgänger, der DFB stellt maßlose Ansprüche

  • Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Schrecken ohne Ende: Die deutschen Fußballer um Leon Goretzka (l.) und Serge Gnabry waren in Wien chancenlos.
Schrecken ohne Ende: Die deutschen Fußballer um Leon Goretzka (l.) und Serge Gnabry waren in Wien chancenlos.

Was hält Rudi Völler von den deutschen Fußballern? »Die Qualität ist nicht die allergrößte wie noch vor einigen Jahren.« Das hat der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Juni gesagt. Seine Meinung dürfte sich nicht geändert haben, jedenfalls nicht zum Positiven. Eine neue Mannschaft gibt es ja nicht, nur weitere Niederlagen. Drei Tage nach dem 2:3 gegen die Türkei verlor das DFB-Team am Dienstagabend in Wien gegen Österreich mit 0:2.

Erstaunlich ist, was zwischen diesen beiden Spielen geschah. »Das Thema Weltklasse kann ich nur unterstreichen.« Diese Worte stammen von Bernd Neuendorf. Der DFB-Präsident sprach nicht über Argentinien, Frankreich oder Spanien, sondern über die deutsche Nationalmannschaft: »Dieser Kader ist erstklassig besetzt, und wir müssen uns da international überhaupt nicht verstecken.« Und wo er schon einmal mit so viel Selbstbewusstsein vollgepumpt war, gab Neuendorf gleich das Ziel für die Europameisterschaft im kommenden Sommer aus: »Das Endspiel muss der Anspruch sein.«

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Die verbale Diskrepanz der beiden leitenden Angestellten des DFB erinnert an das Spiel »Guter Bulle, böser Bulle«. Erfolge wie in Polizeikreisen wird diese psychologische Taktik auf dem Fußballplatz nicht bringen. Vielmehr offenbart der Verband damit seine Ohnmacht, begleitet den sportlichen Absturz seit Jahren hilflos. Und ratlos ist er auch: Mit dem Trainerwechsel im September von Hansi Flick zu Julian Nagelsmann wurde wohl die letzte Option vor der EM schon gezogen.

Nach den letzten beiden Niederlagen ist die Nationalmannschaft keinen Schritt weiter als im Sommer 2018. Dem historischen Vorrundenaus bei der WM in Russland folgte drei Jahre später bei der EM die Abfuhr im Achtelfinale: Bundestrainer Joachim Löw ging, Flick übernahm. Vor einem Jahr scheiterten die deutschen Fußballer bei der WM erneut in der Gruppenphase: Flick durfte noch ein wenig weiter werkeln, dann kam Julian Nagelsmann. Die Liste der Enttäuschungen ist lang, der vorerst letzte Eintrag ist das 0:2 im Ernst-Happel-Stadion. Der Ratschlag des DFB-Präsidenten Neuendorf lautet, »nicht alles schlechtzureden«, denn »das war es nicht«.

Ob Nagelsmann besser ist als ein Weltmeistertrainer und ein Coach, der mit dem FC Bayern die Champions League gewonnen hat, muss er noch beweisen. Alle drei eint zumindest eine ungesunde Uneinsichtigkeit. Mit dem beratungsresistenten Löw begann die Krise, Flick spielte das Dilemma als »Ergebniskrise« herunter und versprach voller Überzeugung, dass die Erfolge schon noch kommen würden. Nagelsmann analysierte das 2:3 gegen die Türkei nicht als Niederlage. Und am Dienstagabend beschwerte er sich dann allen Ernstes über eine hemmende »Opferrolle« seiner Spieler, in die sie die »kritische Medienlandschaft« hereindrücke.

»Robert Andrich hat super gespielt«, lobte Nagelsmann. Eine halbe Stunde durfte der zweikampfstarke Mittelfeldspieler gegen Österreich ran. Wie Andrich sei auch Grischa Prömel ein Kämpfer und Arbeiter, »er ist nur deswegen Profi geworden«. Pascal Groß sei sogar ein Paradebeispiel dafür. »Ich habe selten einen Profi gesehen, der sich selbst nicht so wichtig nimmt«, sagte er – aber lässt auf den wichtigen zentralen Positionen meist nur Joshua Kimmich und Leon Goretzka spielen. Dass mal der eine, mal der andere neben Ilkay Gündogan aufgestellt wird, begründet der Bundestrainer dann mit einer Variabilität. Er wolle »verschiedene Pärchen« testen.

Sowohl beim FC Bayern als auch im Nationalteam werden weder Kimmich noch Goretzka der anspruchsvollen Aufgabe gerecht, zwischen Abwehr und Angriff für defensive Stabilität zu sorgen. Entweder hat Nagelsmann keinen Plan B oder will einfach nichts ändern. Auch das hat er mit seinen Vorgängern gemeinsam: Kimmich, Goretzka, Antonio Rüdiger, Mats Hummels, Thomas Müller, Julian Brandt, um nur einige zu nennen, sind alle Gesichter der Krise des deutschen Fußballs – sie waren schon bei der WM 2018 dabei. Seitdem begleitet das DFB-Team die Kritik, nicht als Mannschaft aufzutreten, der Zusammenhang ist offensichtlich.

Bei alldem scheint es sehr vernünftig, sich gegen die vermessenen Ansprüche des DFB und seines Präsidenten zu wehren. Nicht aus Angst zu scheitern, sondern aus Vernunft und wegen der Lehren der Vergangenheit: Denn das ist wirklicher Ballast für Team und Trainer. Wie Nagelsmann sollte man es allerdings nicht machen. Nach dem 0:2 in Wien auf die ebenfalls schon jahrelangen defensiven Probleme angesprochen, antwortete er: »Wir sind und werden keine Verteidigungsmonster.« Warum? Weil auch all seine Spieler nicht aus Vereinen kämen, die sehr defensiv spielten. Eine erschreckende Erklärung! Mannschaften gewinnen Meisterschaften und Titel, weil sie nicht nur offensiv, sondern auch defensiv die stärksten sind. Ein Beispiel: Der überragende FC Barcelona mit Pep Guardiola und Lionel Messi bekam zu seinen besten Zeiten in 38 Ligaspielen gerade einmal 21 Gegentore.

In vier Monaten geht es für das DFB-Team weiter. Zum Abschied vebreitete Nagelsmann zumindest etwas Hoffnung. »Schmeiße ich im März alles um?«, fragte er und antwortete: »Darüber muss ich nachdenken.«

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