Debatte nach Silvesternacht: Gewalt mit 1000 Ursachen

Berliner Sozialarbeitsträger Outreach warnt vor pauschaler Verurteilung straffälliger Jugendlicher mit Migrationshintergrund

  • Patrick Volknant
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer in Berlin nach Erfahrung mit sozialer Jugendarbeit sucht, wird bei Outreach fündig. Seit 31 Jahren ist der Verein in den Bezirken aktiv und widmet sich Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren. Geschäftsführer Ralf Gilb ist von Anfang an dabei. »Wir machen in Altglienicke ähnliche Erfahrungen wie in Neukölln«, erklärt der Sozialarbeiter in einem Gespräch über Jugendgewalt am Dienstag, initiiert vom Mediendienst Integration. Immer wieder ließen sich bei straffälligen Jugendlichen die gleichen wesentlichen Faktoren beobachten – »unabhängig vom Migrationshintergrund«, wie er hinzufügt: zu wenig Geld, mangelnde Zukunftsperspektiven, Gewalt in der Familie, Leben in sozial abgehängten Gebieten. Kämen diese Faktoren zusammen, bildeten sich Gruppen, die sich in ihrer Gewalt gegenseitig unterstützten.

»Das Problem ist, es wird nicht differenziert, sondern Migranten pauschal verurteilt«, sagt Gilb. Oft werde suggeriert, dass Gewalt nur von ihnen ausgehe. Die Folgen spürt er in seinem beruflichen Umfeld: »Selbst unsere Mitarbeiter fühlen sich mitschuldig nach den Silvesterkrawallen.« Der Sozialarbeiter spricht von einer »fatalen Entwicklung«.

Die Debatte über jugendliche Gewalttäter und deren Herkunft wird so intensiv geführt wie lange nicht. Tatsächlich ist die Delinquenz unter Jugendlichen im Verlauf der vergangenen 20 Jahre deutlich gesunken: Noch 2007 lag deutschlandweit der Anteil von Jugendlichen, die wegen Gewaltdelikten bei der Polizei registriert waren, bei 1,09 Prozent. 2015 waren es nur noch 0,49 Prozent.

Seit 2016 steigt der Anteil zwar wieder, bleibt 2022 mit 0,68 Prozent allerdings noch immer hinter dem Wert von 2007 zurück. All das zeigt eine aktuelle Datenauswertung, die Kriminologe Christian Walburg für den Mediendienst Integration erstellt hat. Die Forschung, heißt es in der Studie, sei sich einig: »Eine eigene oder familiäre Migrationserfahrung ist keine direkte oder gar zentrale Ursache für Delinquenz.« Dass viele Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte an den Berliner Silvesterkrawallen beteiligt waren, verwundere zudem kaum. Mitte 2023 lag der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Haupstadt bei rund 55 Prozent.

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Von einer Pauschalisierung wird auch in der Studie ausdrücklich abgeraten. Zu heterogen sei die Gruppe, zu viele Faktoren verzerrten die Genauigkeit der polizeilichen Kriminalitätsstatistiken. Was bleibt, sind Befragungsstudien, bei denen die Rate selbst berichteter Gewalt bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus der ersten und zweiten Generation bei 11 Prozent liegt, bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund bei 6 Prozent.

Aussagekräftiger sind andere Angaben, auf die verwiesen wird: Die Armutsgefährdung unter 15- bis 17-Jährigen mit Migrationshintergrund liegt fast dreimal so hoch wie bei Personen ohne Migrationshintergrund. Zugewanderte Menschen haben deutlich häufiger keinen Schulabschluss, machen häufiger Diskriminierungserfahrungen und werden nachweislich öfter von der Polizei kontrolliert.

»In der jetzigen Generation fühlen sich die jungen Menschen nicht angekommen in der Gesellschaft«, sagt dazu der Outreach-Vorsitzende Gilb. Racial Profiling sei eine von vielen Alltagssituationen, in denen nichtweißen Jugendlichen vermittelt werde, nicht dazuzugehören. Selbst wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen seien.

Gewalt habe es in Berlin schon immer gegeben, fährt Gilb fort. »Nur früher wurde das nicht so medial verbreitet.« Von Law-and-Order-Politik, die mit starker Polizeipräsenz in entsprechenden Kiezen vorgeht, hält der Sozialarbeiter eher wenig. Als Beispielt nennt er die Köllnische Heide im Südosten der Stadt. »Da hört man sehr viel Negatives: Die Anwohner fühlen sich kontrolliert, Jugendliche spielen Katz und Maus mit der Polizei«, berichtet Gilb. Was Outreach allerdings seit Jahren fordere, sei eine schnellere Bestrafung von Gewalttäter*innen. Ein halbes bis ein ganzes Jahr lang lasse die in der Regel auf sich warten.

Die Antwort liegt für Gilb deshalb noch lange nicht in rein aggressiver Rhetorik, sondern vielmehr in zielgruppenübergreifender Sozialarbeit. »Wenn Gewalt schon in der Familie entsteht, muss man Jugendarbeit auf Eltern erweitern«, sagt er. Mit Workshops, bei denen Jugendliche, Eltern und auch das Jugendamt zusammengeführt werden, habe Outreach Erfolge erzielt, genauso wie mit Freizeitangeboten gegen Langeweile. Für gesellschaftliche Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit werden andere sorgen müssen.

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