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Podcast über den Fall Lenhardt: Ein Leben als Cliffhanger

Nach dem Hören des Podcasts »NDA – Die Akte Kasia Lenhardt« stellt sich die Frage: wie journalistisch mit unendlicher Faktenfülle umgehen?

  • Sebastian Lang
  • Lesedauer: 5 Min.

Das klassische Investigativstück, ob im Fernsehen oder gedruckt, war einmal eine trockene Sache: In hochverdichteter Form und unbeirrbar nüchterner, formalisierter Sprache präsentierte es uns das Ergebnis seiner Nachforschungen: eine streng getroffene Auswahl von Aussagen und Indizien, die uns davon überzeugen sollten, dass am angegebenen Ort ein bedeutender Missstand vorzufinden sei, der nicht nur die darin Verstrickten und die davon Betroffenen etwas angehe, sondern tatsächlich auch uns, uns alle. Aus heutiger Perspektive betrachtet, mutet dessen formaler Purismus beinahe rührend an – als spreche daraus ein inzwischen durch nichts mehr zu rechtfertigendes naives Gottvertrauen, dass das Wichtige und journalistisch Bedeutsame allein dadurch, dass es eben wichtig und bedeutsam sei, auch durchdringen und sich obendrein noch wirtschaftlich tragen werde.

Heute halten wir es längst für angebracht, ja für geboten, wenn das Investigative alle sich bietenden Mittel ausschöpft, um sich im Wettlauf um unsere Aufmerksamkeit halbwegs zu behaupten – und uns, sein Publikum, zu finden, wie es heißt. Wir verfolgen das Rennen, dessen Ziel wir sind, mit fachmännischem, geehrtem Interesse. Und sehen entsprechend auch in dem Wortpaar »Investigativrecherche« und »Unterhaltung« keineswegs mehr einen unversöhnlichen Widerspruch, sondern sind sofort bereit, zahlreiche Lieblingsbeispiele aufzuzählen, in denen die früheren Antipoden nicht nur ansprechende, sondern sogar besonders schlagkräftige Verbindungen eingegangen sind. Die lange Liste beginnt, ja, natürlich, mit Jon Stewarts »The Daily Show« – und da das Format inzwischen tatsächlich wieder aufgenommen wurde, erscheint es nicht undenkbar, dass es die Liste auch irgendwann einmal beschließen wird.

Die Sorge, ihre aktuelle, geradezu Ehrfucht gebietend akribische Recherche könnte nicht im ihr gebührenden Ausmaß wahrgenommen, nicht genügend diskutiert, geklickt und geteilt werden, dürfte wohl auch die Journalistinnen Maike Backhaus und Nora Gantenbrink umgetrieben haben. Jedenfalls haben sie sich dazu entschlossen, ihr Investigativstück – mit nachdrücklicher PR-Unterstützung durch den Spiegel-Verlag – in der Form eines wuchtigen sechsteiligen Podcasts zu veröffentlichen.

Der Podcast hat inzwischen einen vernehmbaren medialen Aufschlag gemacht und heißt »NDA – Die Akte Kasia Lenhardt«. Die Autorinnen gehen darin der juristisch bisher ungeklärten Frage nach, ob der Fußballspieler Jérôme Boateng seiner einstigen Geliebten Katarzyna »Kasia« Lenhardt durch Anwendung nicht nur körperlicher und seelischer Gewalt, sondern auch zweifelhafter bis unstatthafter juristischer Mittel in schwerstem Maße zugesetzt habe. Und selbstverständlich – auch wenn sie von den Autorinnen niemals explizit formuliert wird – stellt sich während des Hörens überdies die naheliegende Folgefrage. Nämlich die, ob Boateng nicht auch für Lenhardts Suizid, der nicht nur den Boulevard, sondern auch die sozialen Medien noch immer obsessiv beschäftigt, eine wenngleich nicht juristische, so doch ethische Mitverantwortung trage.

Angespornt von der Schwere dieses mehrfachen Verdachts, aber auch jener des übergeordneten Themas, des Massenphänomens der »partnerschaftlichen Gewalt«, scheinen Backhaus und Gantenbrink nachgerade alles, was sich überhaupt nach menschlichem Ermessen über einen solchen Fall herausfinden lässt, auch tatsächlich herausgefunden und mit der allergrößten Sorgfalt dokumentiert zu haben. Das zentrale Problem ihres über dreistündigen Podcasts liegt aber leider darin, dass er beim Hörer den ermüdenden Eindruck hinterlässt, es werde ihm all dies auch beinahe ausnahmslos und ungekürzt aufgezählt. Selbst wenn man die einzelnen Folgen allesamt mit höchster Aufmerksamkeit anhört, was dem üblichen Gebrauch eines Podcasts ja keineswegs entspricht, fällt es nicht leicht, dem in unerklärlicher Eile dahinfließenden Strom aus immer neuen Details, Anhaltspunkten, Vermutungen und Fakten zu folgen.

Als noch herausfordernder erweist sich der Versuch, das Gehörte auch noch eine Weile zu behalten und sinnvoll zu verarbeiten. Irgendwann meint man, die hier vorliegende Form sei mit dem titelgebenden Begriff der Akte tatsächlich unwillkürlich treffend beschrieben. Und ja, was wir am Ende gehört haben, gleicht weniger einer prägnanten, anschaulichen Erzählung als einer imposanten, aber eben vorrangig um Vollständigkeit bemühten Materialsammlung.

Dagegen, und selbst auch gegen das Fehlen einer einordnenden, höheren Reflexionsebene, wäre letztlich sogar kaum etwas einzuwenden gewesen – hätte man das Ganze als Text veröffentlicht, als freiwilliges Angebot zum Aktenstudium. Wird einem eine solche Sammlung aber über mehrere Stunden hinweg in unerbittlich hohem Tempo vorgelesen, möchte man das Studium am liebsten früh abbrechen.

Es sei zum Schluss noch angemerkt, dass es angesichts der luftabschnürenden Tragik des Lebensschicksals der Titelfigur vielleicht geboten gewesen wäre, nicht zum Ende jeder Folge mit einem grellen Cliffhänger zu arbeiten (»In der nächsten Folge sprechen wir darüber: Über die Todesakte von Kasia Lenhardt!«). Auch, die Hörer jedes Mal penetrant aufzufordern, den Podcast weiterzuempfehlen und zu liken und außerdem, bitteschön, auf der Stelle ein »Spiegel-Plus-Abo« abzuschließen, um so gleich alle Folgen auf einmal konsumieren zu können, wäre nicht zwingend nötig gewesen.

Dafür, dass mitten in der ersten Folge ausgerechnet eine abscheuliche True-Crime-Serie namens »Crime Scene Berlin – Nightlife Killer« beworben wird, können die Autorinnen natürlich nichts. Irgendjemand aber schon. Kasia Lenhardt hat, wie wir längst wissen, in Berlin ihrem Leben ein Ende gesetzt. Der unbekannte Jemand hat nun etwas, wofür er sich bei Gelegenheit ein wenig schämen möge.

Verfügbar auf allen gängigen Streamingportalen oder unter: www.spiegel.de

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