1. FC Union Berlin: Umbau auf allen Ebenen

Sportchef, Trainer und Team: Kompletter Neuanfang nach dem Klassenerhalt in Köpenick

Keinen Koffer mehr in Berlin: Robin Knoche verlässt Union nach vier Jahren.
Keinen Koffer mehr in Berlin: Robin Knoche verlässt Union nach vier Jahren.

In Köpenick kursieren auch nach der Verpflichtung von Trainer Bo Svensson und Sportchef Horst Heldt weiterhin viele neue Namen. Ein alt bekannter ist Robin Knoche. Der 31-Jährige ist eine beispielhafte Figur für den Weg des 1. FC Union. Mit dem Abwehrchef haben sich die Berliner bis in die Champions League gespielt, weder Knoche noch dem Verein wurde solch eine Entwicklung zugetraut. Am Sonntag verließ er nach einem Mannschafts-Frühstück die Alte Försterei mit gepacktem Koffer, einen Tag später vermeldete der Verein die Trennung nach vier gemeinsamen Jahren. Das »glückliche Ende einer schlechten Saison«, wie Kapitän Christopher Trimmel bilanzierte, ist der Anfang eines notwendigen, großen Umbaus bei Union.

Neuer Trainer

Einen gebührenden Abschied bekam Knoche nicht, dafür stehe heute zu viel auf dem Spiel, hatte Stadionsprecher Christian Arbeit am Sonnabend vor dem Anpfiff der Partie gegen den SC Freiburg verkündet. Diese Ehre erfuhr ein Gast: Trainerlegende Christian Streich wurde vor seinem letzten Einsatz an der Seitenlinie von den Berliner Fans als »Fußballgott« begrüßt. Die Fußballgötter in Rot und Weiß zeigten danach genau das, was sie in dieses dramatische Abstiegsfinale gebracht hatte: Druck und Angst waren größer als Können und Selbstvertrauen. Auch deshalb war Interimstrainer Marco Grote wohl keine Option für den vakanten Chefsessel, am Donnerstag wurde ehemalige Mainzer Trainer Bo Svensson in Köpenick vorgestellt.

Grotes zweite kurze Amtszeit beim 1. FC Union fand trotz der dramatischen Rettung in der Nachspielzeit dann auch ein unwürdiges Ende. »Wir beenden das hier jetzt«, sagte Christian Arbeit nach gerade mal zwei Fragen auf der Pressekonferenz. Weil dies für beide Trainer ein emotionaler Moment sei, begründete Unions Medienchef. Vielleicht wollte er damit auch nur den eigenen schützen. Denn Unions U19-Coach verlor sich in seinen Sätzen, manch einer wollte darin eine Bewerbungsrede erkannt haben. Und Grote verkannte im Moment des Erfolgs das zuvor auf dem Platz Geschehene. Das Team war das Spiel keineswegs »anders« oder »offensiver angegangen«, Selbstbewusstsein und Mut zeigte es erst nach dem Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit – als mit dem 0:3-Rückstand des 1. FC Köln in Heidenheim klar war, dass zumindest die Relegation sicher ist.

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Erstaunlicher Einblick

Tief blicken ließ kurz Trimmel: »Das gab es noch nie bei Union«, befand der Kapitän, »dass wir als Mannschaft so zerfallen.« Er ist seit zehn Jahren in Köpenick – und sprach über das 2:3 beim 1. FC Köln in der Vorwoche, das erste von zwei Spielen unter Grotes Verantwortung nach der Entlassung von Nenad Bjelica. Gleiches geschah gegen Freiburg nicht, auch trotz zwei verschossener Elfmeter gab sich das Team nicht auf. Als es mit dem direkten Abstieg der Kölner nichts mehr zu verlieren gab, ging Union durch Benedict Hollerbach in Führung. Dem Freiburger Ausgleich folgte in der 93. Minute das erlösende 2:1 durch Jannik Haberer im Nachschuss des zweiten Strafstoßes. Union war gerettet, Bochum muss nach dem 1:4 in Bremen in die Relegation.

Trimmel kehrte schnell zur Tagesordnung zurück. Er bedankte sich bei dem Trainerteam um Grote sowie dessen Assistenten Marie-Louise Eta und Sebastian Bönig und lobte das durch sie wiedergewonnene Selbstvertrauen und die Rückkehr unter ihnen zu den Union-Tugenden. Das gehört sich so. In der Analyse der Saison muss der Verein jedoch ehrlicher und klar sein. »Wenn wir über Fehler sprechen, fange ich bei mir an«, deutete Dirk Zingler zumindest eine allumfassende Aufarbeitung an. Ungewöhnlich in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass das traditionelle Abschlussgespräch mit dem Präsidenten – üblicherweise einen Tag nach dem Saisonende – noch nicht angekündigt wurde. Zingler wollte sich auch »erstmal volllaufen lassen«. Offensichtlich waren es aber auch zu viele Fehler, um gleich öffentlich darüber berichten zu können.

Viele Fehlinvestitionen

Das große Zittern und der Zustand des Teams ist nur teilweise die Schuld der drei Trainer in dieser Spielzeit. Egal ob unter Urs Fischer, Bjelica oder Grote: »Wir haben als Mannschaft nie richtig zusammen gefunden«, bilanzierte Kapitän Trimmel. Den Anfang vom Ende des großen Erfolgs markiert das Erreichen der Champions League. Union verzeichnet auf dem Transfermarkt dieser Saison ein Minus von mehr als 30 Millionen Euro. Bei dem enorm gestiegenen Umsatz auf 175 Millionen in der vergangenen Saison, wurden die teuren Spielerverpflichtungen vom Präsidenten als »Investitionen« beschrieben.

Neuer Führungsduo

Viele waren Fehlinvestitionen: Ob sportlich oder charakterlich – namhafte Neuzugänge passten nicht in das System von Erfolgscoach Fischer. Robin Knoche ist nicht der einzige Abgang, fast eine ganze Fußballmannschaft hat sich schon aus Köpenick verabschiedet, weitere werden folgen. Dafür ist Oliver Ruhnert verantwortlich. Er bleibt, ob als Sportchef, hatte der Präsident zuletzt noch offen gelassen. Am Dienstagabend teilte der Verein mit, dass Horst Heldt den Posten übernimmt und Ruhnert auf eigenen Wunsch wieder Chefscout des Vereins wird. Ein neues Führungsduo wurde mit Heldt und Trainer Svensson ziemlich schnell gefunden. Egal, wer jetzt noch alles nach Köpenick kommt – in der Alten Försterei gilt in jedem Fall: Aus Fehlern lernen, heißt siegen lernen.

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