Philipp Schaller: »Wir sind nicht immer lustig«

Der Kabarettist Philipp Schaller aus Dresden über Fatalismus, Stereotype und Humor in ernsten Zeiten

  • Interview: Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Philipp Schaller ist künstlerischer Leiter des Kabaretts Herkuleskeule in Dresden.
Philipp Schaller ist künstlerischer Leiter des Kabaretts Herkuleskeule in Dresden.

Herr Schaller, Sie machen politisches Kabarett, die Leute lachen, aber es kann auch ganz ernst sein. Was treibt Sie derzeit um?

Mir macht es sehr zu schaffen, dass dieser Raum, in dem noch ein Dialog möglich ist, immer kleiner wird.

Bitte erklären Sie das!

Der sprichwörtliche »Spalt durch die Gesellschaft«, findet sich auch im Publikum. Die Sichtweisen verengen und verhärten sich. Das Grundproblem ist die zunehmende Unfähigkeit zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Positionen.

Wie würden Sie Ihr Zeitgefühl beschreiben und wie wirkt es auf Ihre Themen- beziehungsweise Kommunikationsfindung ein?

An Themen mangelt es ja gerade nicht. Für mich ist dabei die Frage relevant, wie gehe ich mit meinen Wahrnehmungen und Analysen auf die Bühne, egal ob es das Thema Russland und die Ukraine oder speziell die Frage der Waffenlieferung oder anderes ist. Ich versuche, die Schwierigkeiten der Debatte selbst zum Thema zu machen.

Interview

Philipp Schaller ist Autor und Kabarettist. In Dresden ist er künstlerischer Leiter des Kabaretts Herkuleskeule. Viele Jahre arbeitete er gemeinsam mit der Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser. Sein aktuelles Soloprogramm trägt den Titel: »Sie mich auch!«

Gibt es Abende, an denen Sie enttäuscht sind von Ihrem Publikum?

Nein, überhaupt nicht.

Betrachten Sie das Gelingen einer Vorstellung als Teil Ihrer Verantwortung?

Ja, unbedingt. Manchmal aber merkt man, dass der Funke nicht so überspringt. Das passiert. So ein Abend lebt ja auch vom Dialog mit dem Publikum.

Was ist ein gelungener Abend?

Also wenn ich nur das auslöse, dass der eine und andere offener bleibt für eine andere Position innerhalb von Möglichkeiten, offen für Diskussionen, habe ich schon etwas erreicht, was mir wichtig ist. Mehr ist doch gar nicht zu erwarten.

Verändert sich Ihr Spielverhalten in diesen, sagen wir schwierigen Zeiten, bezogen auf die wachsende Zustimmung für die AfD?

Ich versuche bei aller Offenheit auf der Bühne klar zu machen, was meine Position ist, auch wenn ich das in eine Pointe rahme. Neu ist, dass ich irgendwie eine Art Bedienungsanleitung mitgebe, was allerdings die Kunst nicht freier macht.

Gibt es Grenzen, für die Kunst, für das Kabarett, Dinge, die man wirklich nicht sagt, um Menschen nicht zu verletzen?

Künstler sind ja gerade dafür da, auch quer zu schießen und Fragen zu stellen, ohne schon eine Behauptung aufzustellen. Ich arbeite mit Vereinfachung, ganz klar, aber dann folgt die Differenzierung. Man muss ganz genau seine Fragen destillieren. Das ist vielleicht heute mehr denn je erforderlich, dass man die eigentlichen Fragen stellt. Etwa die, warum reden wir nicht darüber, wie der Frieden erreicht werden kann?

Das gilt derzeit im politischen Raum als eine unerhörte Frage.

Es ist doch aber wichtig, dass wir fragen, warum werden Waffen in Krisengebiete geschickt? Die Grünen hatten in ihrem Wahlkampf damit geworben, keine Waffen in Kriegsgebiete zu entsenden. Und plötzlich wird darüber gar nicht mehr gesprochen. Ich darf das in der Kunst fragen, ohne eine Antwort zu haben. Weil die Frage an sich einen eigenen Wert hat. In ihr steckt ein Impuls, etwas auszulösen.

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Was bedeutet Ihnen Zweifel als Methode. Ist Zweifel für Sie ein Arbeitsimpuls?

Der Hauptimpuls ist auch der Zweifel an mir. Ich finde es vermessen, andere infrage zu stellen und sich selbst dabei auszulassen. Ich spreche über mich, über meine Zweifel, über meine Widersprüche. Ich denke laut darüber nach, wie wir alle in und mit diesen Widersprüchen leben ohne andere zu belehren. Das gilt auch für die Frage mit den Waffenlieferungen. Ich habe da keine eindeutige Meinung. Mir fällt aber auf, dass kaum einer fragt, wie wir unsere Kinder zur Friedensfähigkeit erziehen wollen, wenn die deutsche Bevölkerung zu Kriegstüchtigkeit aufgerufen wird? Wer diese Frage stellt, ist ein »Putinfreund«. Es ist zum Verzweifeln.

»Die aufgeklärte Mitte« ist heute schon ein Schmähwort. Ist aufgeklärt sein zu kritisieren?

Nein, nicht aufgeklärt sein an sich. Aber ich blicke kritisch auf jemanden, den ich als »sogenannten Aufgeklärten« bezeichnen möchte. Es sind Mitbürger, die sich selber schon für die besseren Menschen halten, weil sie die bessere Sprache haben und weil sie glauben, dass sie mit der besseren Sprache schon die Welt besser machen.

Schon immer hat man gegen Spießbürger, die sich besser als andere fühlten und sich als moralisch integer wahrnahmen, die Wortmesser gewetzt.

Ja, und der Spießbürger ist ja nicht mehr nur in seinem Garten zu finden, sondern auch im Bioladen und im Café. Warum kann er sich für etwas Besseres halten, nur weil er sozusagen bewusster konsumiert? Dieser Slogan, weniger aber gesünder einkaufen, auch wenn es mehr kostet, erfasst eben nicht die Lebenssituation vieler Menschen in unserem Land.

Den Biomarktbesucher, den gibt es ja eigentlich auch nicht. Wie vermeidet man Klischees?

Kabarett kommt nicht ohne Stereotype aus. Das heißt aber, wenn ich eine Vereinfachung mache, muss mir wenigstens noch bewusst sein, dass es eine ist. Das muss ich nicht immer dazusagen, weil ich manchmal darauf hoffen darf, dass die Leute dies erkennen.

Haben Sie ein Stammpublikum, ein eigenes oder womöglich auch schon aus den Zeiten, als Ihr Vater das Ensemble aufgebaut und geleitet hatte?

Es gibt ein Stammpublikum. Einen Teil haben wir auch verloren, die mit dem, was ich mache, oder besser, meine Kollegen gemeinsam mit mir, nicht so viel anfangen können. Wir haben auch neue Besucher hinzugewonnen. Es gleicht sich ungefähr aus. Zu unserem neuen Zwei-Mann-Stück kommt ein wesentlich jüngeres Publikum.

Wie schaffen Sie es, Ihre Balance zu finden? Hilft Fatalismus?

Eine gute Frage! Der Begriff Fatalismus ist nämlich ein zentraler Bestandteil des letzten Drittels meines Kabarettprogramms. Es geht um Fatalismus und Utopie als Gegenpositionen auf der Bühne und die von uns zumeist gelebte Form der Kapitulation. Kapitulation in dem Sinne, dass man nicht immer alles so dicht an sich heranlassen kann, wenn man den nächsten Tag schaffen will.

Wann haben Sie das erste Mal ein politisches Interesse verspürt?

Ich war elf, als die Mauer fiel. Das heißt, ich kam ja gar nicht daran vorbei, mir Gedanken zu machen. Die Lehrer haben sich plötzlich verändert in ihrer Haltung und in ihrem Auftreten. Deren Verunsicherung habe ich deutlich mitgekriegt. Ob du das mit elf schon aussprechen kannst, ist eine andere Frage. Aber ich habe mitkriegt, dass sich in der Gesellschaft was Fundamentales bewegt.

Es gibt mehrere kabarettistisch begabte Menschen in Ihrem familiären Umfeld. Wie muss man sich das Miteinander vorstellen?

Wir sind nicht unablässig lustig oder wetteifern mit Pointen. Wir kommen, wenn wir sprechen und das Private ist abgehackt, relativ schnell zu gesellschaftlichen Fragen. Es geschieht, weil es uns interessiert und dabei immer die Überlegung mitschwingt, wie bringen wir das, was uns bewegt, auf die Bühne? Diese Frage beschäftigt meine Schwestern genauso wie meinen Vater.

Was bedeutet Ihnen Gisela Oechelhaeuser?

Sie ist für mich die wichtigste Freundin und der wichtigste Mensch in meiner Arbeit. Wir haben ja viele Jahre gemeinsam Projekte erarbeitet, mal mehr erfolgreich, mal weniger. Trotzdem haben wir zueinander gestanden. Auch jetzt noch. Wir telefonieren alle paar Tage miteinander. Sie hat mich sehr geprägt in der Art, wie ich mir versuche die Welt und die Menschen begreiflich zu machen, aber auch, wie man miteinander umgeht. Obwohl sie ja damals schon eine gestandene Kabarettistin war, hatte sie sich wirklich auf mich als jungen Spund eingelassen. Auf Augenhöhe! Es war das Entscheidende.

Wo trifft man Sie außerhalb von Proben und Bühne?

Sehr gern mit dem Rad auf dem Elberadweg.

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