Zwischen Weltentor und Wölfen: Der Internationale Kunstwanderweg

Mit seinen rund 30 Installationen bildet der Weg einen roten Faden durch den Naturpark Hoher Fläming

  • Oliver Gerhard
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Kunstwerke bilden unverkennbare Landmarken im Fläming, wie jene Kuh-Objekte von Silke de Bolle.
Die Kunstwerke bilden unverkennbare Landmarken im Fläming, wie jene Kuh-Objekte von Silke de Bolle.

Alles beginnt mit den Narzissen: Jedes Jahr rund um Ostern überziehen Teppiche der gelben Frühblüher den Schlosspark von Wiesenburg. Wer sie verpasst, hat kurz darauf zwischen Mitte Mai und Mitte Juni die Chance auf ein weiteres Blütenevent, wenn die Rhododendren ihre Farben entfalten, angefangen bei den Vanille-Azaleen. Später blühen weitere Arten, darunter auch zwei eigens für den Park gezüchtete.

»Wir überlassen die Rhododendren weitgehend sich selbst, Neupflanzungen sind nur schwer umzusetzen«, sagt Juliane Heinrich, die sich in einem Förderverein für den Landschaftspark im englischen Stil engagiert und regelmäßig Gäste führt. Jetzt im Frühjahr fallen besonders die zahlreichen Feldlerchen über den Wiesen ins Auge und die verschiedenen Grüntöne der exotischen Baumarten: Goldlärche und Mammutbaum, Eisenholz- und Tulpenbaum, Sumpfzypresse und Flügelnuss.

Rotbuchen ragen aus dem hohen Gras, betagte Weiden lassen ihre Äste in Teiche hängen. Eine riesige Douglastanne bildet den Endpunkt einer Sichtachse zum Schloss. »Die Douglasie war das Markenzeichen des Parkgründers Ernst von Watzdorf«, erklärt die Landschaftsplanerin. »Der Adlige experimentierte als einer der ersten in Deutschland mit dieser Baumart und erkannte ihre Widerstandsfähigkeit gegen Wassermangel.«

Um von Watzdorf rankt sich aber auch eine tragische Legende: So soll er den Park einer unbekannten Dame gewidmet haben, seiner unerfüllten Liebe. Weil er den Freitod wählte, wurde er abseits des örtlichen Friedhofs in einem Erbbegräbnis im Park beigesetzt. »Das wäre bestimmt auch in seinem Sinne gewesen«, meint Heinrich. »Seine Anlage gilt heute als gartenhistorisch einzigartig im ostdeutschen Raum.«

Doch die meisten Wanderer, die den Park durchqueren, sind ganz anderen Installationen auf der Spur: Der Ort bildet den Auftakt des Internationalen Kunstwanderweges, dessen rund 30 Werke sich zwischen Wiesenburg und Bad Belzig verteilen: in Wäldern und auf Wiesen, in Dörfern und an Bachläufen. Manche bilden weithin sichtbare Landmarken, andere fügen sich so dezent in die Landschaft ein, dass man sie erst auf den zweiten Blick wahrnimmt.

Die Installationen sind das Ergebnis zweier Wettbewerbe. Alle Arbeiten mussten einen Bezug zur Landschaft des Fläming haben – oder zum 850-jährigen Jubiläum der Besiedlung der Region, in der sich besonders viele Menschen aus Flandern niederließen und dem Fläming seinen Namen gaben.

Je nach Geschmack kann man zwischen zwei Rund- und zwei Streckenwanderungen wählen: Ein bunter Wechsel von Wäldern und offenem Land sowie der Hagelberg, mit gut 200 Metern der zweithöchste Berg Brandenburgs (mit eigenem Gipfelbuch), prägen die 20 Kilometer lange Nordroute. Landschaftlich etwas weniger abwechslungsreich, entdeckt man auf der 17 Kilometer langen Südroute einige besonders originelle Kunstwerke wie die Wolfsskulpturen von Marion Burghouwt und die riesigen Kuheuter von Silke De Bolle.

Blick auf den Schlosspark mit Schlossteich und Springbrunnen in Wiesenburg
Blick auf den Schlosspark mit Schlossteich und Springbrunnen in Wiesenburg

Kürzlich wurde der Weg um digitale Kunst erweitert, die man unterwegs auf dem Smartphone ansehen kann: Virtuelle Avatare erklären sechs der bereits bestehenden Werke, dazu kamen fünf neue Arbeiten in Augmented Reality, die man über QR-Codes in der kostenfreien Bad-Belzig-App abrufen kann.

Die Kunst beginnt schon wenige Meter hinter dem Bahnhof von Wiesenburg: Ein Spalier aus geschnitzten Holzstelen mit Figuren aus Märchen und Legenden des Fläming markiert den Übergang zum Schlosspark – Ergebnis eines Jugendprojekts der Gemeinde. Die Schüler verwendeten dafür das Holz abgestorbener Bäume. Und gleich nach Verlassen der 1200-Einwohner-Gemeinde baumeln zwei goldene Wanderschuhe in einer durchsichtigen Stele, die an einen Eisblock erinnern soll: Symbol für die prägenden Gletscher der Eiszeit.

Zwischenstopp in Schmerwitz: Rund um das historische Gutshaus, das nach und nach saniert wird, herrscht teilweise noch der morbide Charme eines Lost Place. Lange war es Rittergut, die DDR bildete hier zeitweise Kampftruppen aus, nach der Wende entstand einer der größten Biohöfe Deutschlands. Im Hofladen findet man leckere Zutaten fürs Picknick oder man kehrt im Biorestaurant ein.

Gleich nebenan drehen sich bei Königsblau Keramik die Töpferscheiben – für Tassen, Krüge, Teller und Töpfe aus Steinzeug in einem dunklen Blauton. »Diese Farbe ist mit Abstand am beliebtesten – wir haben sie deshalb über die Jahre immer weiter verfeinert«, sagt Marcel Konitzki und krault dabei der Werkstattkatze den Kopf, die sich vom Lärm der Maschinen nicht stören lässt.

Tipps
  • Anreise: Start- und Endpunkt der Route in Wiesenburg/Bad Belzig liegen an der Strecke des Regionalexpresses RE 7 (Berlin-Dessau).
  • Einkehren: Das Eiscafé »Zur Postmeile« (mit Brauerei und Whiskybrennerei) bietet zwei Dutzend Eisvariationen aus eigener Herstellung, www.eiscafe-bad-belzig.de. Im Restaurant von Gut Schmerwitz stehen Flammkuchen und weitere Gerichte mit Biozutaten auf der Karte, www.gut-schmerwitz.de. Selbst gebackene Kuchen mit Früchten aus der Region sind die Spezialität von Simones Parkcafé im Schlosspark Wiesenburg.

  • Weitere Infos:
    Audioguide zum Kunstwanderweg unter www.wandern-im-flaeming.de
    www.reiseregion-flaeming.de
    www.kunst-land-hoher-flaeming.de

    Die Töpferei habe einen gemeinnützigen Hintergrund, erklärt der Handwerker: »Fast alle Mitarbeiter haben ein Suchtproblem. Im Gegensatz zu anderen Therapien können sie bei uns bis zu 18 Monate bleiben und einen Beruf erlernen. Das klappt nicht immer – aber wer die ersten zwei oder drei Monate übersteht, bleibt meist bis zum Schluss.« Konitzki kam bereits vor mehr als 20 Jahren dazu, heute ist er als Töpfer fest angestellt.

    Vogelschwärme fliegen durch die Hecken aus Schlehen, Weißdorn, Holunder und Pfaffenhütchen, die den nächsten Wanderabschnitt begleiten. Doch die Üppigkeit täuscht über den Wassermangel der Region hinweg – Thema der nächsten Installation mit neun Schwengelpumpen, die unerreichbar hoch auf einem Kreis aus rostigen Stahlmasten installiert sind.

    Das Weltentor hat der Künstler Sebastian David geschaffen, der aus der Region stammt.
    Das Weltentor hat der Künstler Sebastian David geschaffen, der aus der Region stammt.

    »Der Fläming übt eine magnetische Wirkung auf Menschen aus, die den Mut haben, visionär zu denken und Dinge auszuprobieren – deshalb habe ich das Gefühl, hier richtig zu sein«, sagt Sebastian David. Der 50-jährige »Ureinwohner« ist gleich mit mehreren Werken am Kunstwanderweg beteiligt. Mehr noch: Das Allroundtalent tritt als Musiker und Clown auf, spielt Theater, veranstaltet Workshops mit Kindern und baut Klangskulpturen.

    Seine beeindruckendste Arbeit auf dem Kunstwanderweg ist das »Weltentor«, eine geheimnisvolle hölzerne Pforte mitten in der Natur. Doch der Anschein von Wildnis trügt. »Hier stand eine Scheune, dort drüben war der alte Dorfteich«, sagt David und zeigt auf kaum noch erkennbare Spuren des Dorfes Groß Glien. »Der Ort ist ›wüst gegangen‹, weil die Menschen hier nicht mehr wirtschaften konnten.«

    Geblieben sind die Grundmauern der Kirche, um die herum Eschen eine grüne Halle gebildet haben. »Man hat dadurch das Gefühl, tatsächlich noch in einem Kirchenschiff zu stehen«, sagt der Künstler. Dann öffnet er das »Weltentor« und bringt dabei die eingebauten Klangstäbe und Qi-Gong-Kugeln zum Tönen. Die Tür lässt sich nur auf einer Seite öffnen. »Es ist wie im Leben«, erklärt David, »oft gibt es kein Zurück, angefangen bei der Geburt.«

    Seit das Tor in der Landschaft steht, ist die Wüstung zu neuem Leben erwacht: Viele Besucher nutzen sie als Rückzugsort oder einfach, um mit der Natur in Verbindung zu sein. »Manche kommen auch zu Ritualen wie einem Schwellengang: eine Jugendweihe, ein Geburtstag, ein Hochzeitstag«, sagt David. Und in der Naturkirche unter den Eschen wurden schon Hochzeiten gefeiert.

    Ankunft in Bad Belzig! Über dem Städtchen thront die Burg Eisenhardt mit ihren trutzigen Mauern, Wehrtürmen und dem 24 Meter hohen Bergfried. »Wollen Sie wirklich auf den Turm? Ich würde mich da immer drücken«, scherzt Museumsleiter Thomas Schmöhl – und begleitet die Gäste dann doch zu einer kurzweiligen Führung nach oben. Am Ende lassen alle noch einmal den Blick in Richtung Kunstwanderweg schweifen. Diesmal war es die Nordroute – sie hat Lust gemacht auf den Rückweg über die Südroute.

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