Der Traum von der Queerokratie

Aus Protest gegen das Selbstbestimmungsgesetz haben queere Menschen einen kunstvollen Kongress organisiert

  • Anton Benz
  • Lesedauer: 5 Min.
Hut ab? Kopf ab! Selbstbestimmung heißt auch, neue Geschlechterbilder zu formen. Im Hintergrund das zerknüllte Selbstbestimmungsgesetz.
Hut ab? Kopf ab! Selbstbestimmung heißt auch, neue Geschlechterbilder zu formen. Im Hintergrund das zerknüllte Selbstbestimmungsgesetz.

Die Queerokratie – also die Herrschaft der Queers – beginnt im Bett. Genauer gesagt auf Matratzen im Veranstaltungsort »Vierte Welt« nahe dem Kottbusser Tor in Berlin. Dort fand am Wochenende die erste Konferenz für Selbstbestimmung statt, organisiert vom Bündnis Selbstbestimmung Selbst Gemacht. Ihr Name: Queerokratia, eine Zusammensetzung der Wörter Queer und dem griechischen kratia, was so viel bedeutet wie Macht oder Herrschaft.

Im sogenannten Studio sind mehrere Betten aufgestellt. Nicht wie in einem kargen Schlafsaal; es wirkt gemütlich, man merkt, dass den Veranstalter*innen daran gelegen ist, eine einladende Atmosphäre zu erzeugen. Zwei von ihnen, Mine Pleasure Bouvar und Laura, erzählen von ihrer Idee zur Konferenz. Halb sitzen, halb liegen sie dabei auf einem der Betten mit Blümchenbettwäsche.

»Wir wollten einen Raum schaffen, in dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen können«, so Mine. Ihnen sei es besonders wichtig gewesen, eine Ästhetik zu erzeugen, die Menschen zusammenbringt. Diskussionen sollen hier eben nicht zwischen Bühne und Publikum stattfinden. »Die Einladung ist, mit vom Selbstbestimmungsgesetz tangierten Menschen ins Bett zu gehen, Berührungsängste abzubauen und gemeinsam neue Lösungen und Ideen zu schaffen«, ergänzt Laura.

Mit vom Selbstbestimmungsgesetz tangierten Menschen ins Bett gehen: Das konnten die Teilnehmenden der Konferenz im »Studio«.
Mit vom Selbstbestimmungsgesetz tangierten Menschen ins Bett gehen: Das konnten die Teilnehmenden der Konferenz im »Studio«.

Denn auch wenn der Raum Wohligkeit versprüht, geht es auf der Konferenz um ein Thema, das für viele unbequem ist: das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG). Vom Bundestag beschlossen und im Bundesrat gebilligt, löst es im November das Transsexuellengesetz (TSG) ab, das von dem medizinisch veralteten Verständnis ausgeht, trans Menschen seien psychisch krank. Um ihren Geschlechtseintrag zu ändern, müssen diese deshalb bislang entwürdigende Gutachten vorlegen und gerichtliche Verfahren über sich ergehen lassen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte das TSG in mehreren Entscheidungen für verfassungswidrig. Dank des SBGGs kann die Änderung des Geschlechtseintrags in Zukunft beim Standesamt vorgenommen werden.

Für das Bündnis »Selbstbestimmung Selbst Gemacht« bietet das aber wenig Anlass zur Freude. Das neue Gesetz verspreche zwar Selbstbestimmung, enthalte aber zu viele Ausnahmen. Etwa in Bezug auf Geflüchtete, den Wehrdienst oder Elternschaft; die Gesundheitsversorgung von trans, inter und nicht-binären (TIN) Personen wird in dem Gesetz ganz außen vor gelassen, darunter fallen etwa geschlechtsangleichende Operationen.

»Historisch ist das Selbstbestimmungsgesetz nur in dem Sinne, dass die Zeit des Transsexuellengesetzes damit vorbei ist«, so Mine. Gleichzeitig sei das Gesetz ein Sieg der genderkritischen Bewegung, denn diese hätte den Diskurs bestimmt und ihre Ideen fänden sich in dem Gesetz wieder. Im Vergleich zu den Selbstbestimmungsgesetzen anderer Länder sei das deutsche am repressivsten. »Und das ist natürlich eine historische Entwicklung – nur nicht zum Guten.«

Was die Organisator*innen der Konferenz vom Selbstbestimmungsgesetz halten, wird auch in einem anderen Raum deutlich. Beim Betreten raschelt es zwischen den Schuhen, als würde man durch Herbstlaub waten. Ausgedruckte und zerknüllte Exemplare ebenjenes Gesetzes bedecken den Boden. Um an den Tisch in der Mitte zu gelangen, muss man es wortwörtlich mit Füßen treten.

»Für uns stellt sich die Frage, wie es nach dem SBGG weitergeht«, erklärt Mine. Bislang seien TIN-Personen nicht ausreichend organisiert. Das soll die Konferenz ändern. Der politische Kampf sei für diese Gruppe besonders herausfordernd, denn im Alltag gehe es für sie »ständig um die akute Selbsterhaltung«, sagt sie*. Es ist kräftezehrend, sich selbstständig um die eigenen medizinischen Belange kümmern zu müssen, zum Teil tiefgreifende körperliche Veränderung durchzumachen und währenddessen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Auch deshalb sei ihnen das besondere Konzept der Konferenz – einer Mischung aus Kunstausstellung, Diskussionsplattform und Netzwerkevent – wichtig, es gehe darum, einen Ort zu schaffen, an dem sich TIN-Menschen als »selbstwirksame Subjekte begreifen können«, so Mine.

Auf der Konferenz wurde das Selbstbestimmungsgesetz mit Füßen getreten – nicht nur im übertragenen Sinn.
Auf der Konferenz wurde das Selbstbestimmungsgesetz mit Füßen getreten – nicht nur im übertragenen Sinn.

Schon vor der Queerokratia hat das Bündnis einen eigenen Gesetzesvorschlag für ein adäquates Selbstbestimmungsgesetz erarbeitet. Doch damit ist es für die Organisator*innen nicht getan. Neben Diskussionsrunden zur rechtlichen Lage geht es auf der Konferenz unter anderem um: Finanzierungsmodelle für Transitionsbehandlungen, DIY-Hormontherapie und die Frage, wie man TIN-Personen mit Migrationsgeschichte unterstützen kann.

Die Gesprächsrunden über diese Themen finden auch im »White Cube« statt. Dieser ist mit transparenter Malerfolie ausgekleidet. Zwischen den Pfeilern des Großraums und in seinen vielen Ecken und Nischen befinden sich graue Skulpturen mit weichem Pelzüberzug: die sogenannten Fellinseln. Wie die anderen Zimmer wurde auch der White Cube von dem Künstler Fadi Aljabour gestaltet. Laura erklärt das Motiv: Geschlechtliche Intimität sei immer auch eine »haarige« Angelegenheit und Körperbehaarung nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema.

Die Fellinseln jedenfalls laden dazu ein, sich hineinfallen zulassen und darin zu versinken. Laura und Mine setzen sich in eine Art Höhle. Für sie* wirke es, als sei hier alles mit weichem Moos überzogen, sagt Laura, während sie* mit ihrer Hand über den Boden streift.

Ein paar Inseln weiter liegen zwei Personen und ruhen sich aus. Die Teilnehmenden seien nicht nach ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität ausgewählt worden, erklärt Mine, sondern aufgrund ihrer politischen Tätigkeit. Denn auch das soll auf der Queerokratia deutlich werden: Der Streit um Selbstbestimmungsgesetz betrifft nicht nur trans, inter und nicht-binäre Personen, sondern die gesamte Gesellschaft. Vor allem Anfeindungen gegenüber trans Frauen, die häufig als gefährlich oder übergriffig verunglimpft werden, seien eine Hauptspielart des rechten Kulturkampfes, sagt sie*. Stichwort Frauentoiletten oder Frauensauna. Das solche Narrative weltweit an Einfluss gewinnen, müsse man als Frühwarnung begreifen, vor einer global um sich greifenden Faschisierung der Gesellschaften. Dieser Blick auf die Machtverhältnisse in der Welt zeigt, dass es mit der Queerokratie ist, wie mit so vielen schönen Dingen, die im Bett entstehen; sie ist vor allem eines: ein Traum. 

Eine Fellinsel zwischen Vorhängern aus Malerfolie: Hier fanden Diskussionsrunden auf der Queerokratia statt.
Eine Fellinsel zwischen Vorhängern aus Malerfolie: Hier fanden Diskussionsrunden auf der Queerokratia statt.
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