Stephan Lessenich: »Es geht ums Ganze«

Der Direktor des Instituts für Sozialforschung spricht über die krisenhafte Reproduktion des Bestehenden und Kämpfe auf dem Campus Bockenheim

  • Interview: Johanna Lehne und Lukas Geisler
  • Lesedauer: 10 Min.
Ist die Theorie auch wütend? Die Räumung der Dondorf-Druckerei zeigte die gesellschaftlichen Widersprüche direkt »vor der Nase« des IfS.
Ist die Theorie auch wütend? Die Räumung der Dondorf-Druckerei zeigte die gesellschaftlichen Widersprüche direkt »vor der Nase« des IfS.

Herr Lessenich, die Welt scheint aus den Fugen geraten, wir begreifen sie nicht mehr wirklich …

Ja, genau mit dieser Krisendiagnose sollen sich die künftigen Forschungen des IfS beschäftigen. Das Rätsel – was letztlich nicht wirklich eines ist – lautet, wie eine hochgradig destruktive Gesellschaftsform sich immer wieder von Neuem, und dann auch noch scheinbar produktiv, reproduzieren kann.

Dieses »Rätsel« haben Sie auch in den Forschungsperspektiven des IfS festgehalten. Welche Antwort hat das Institut darauf?

Unsere Antwort lautet – in einfachster Weise formuliert –, dass der Verstrickungszusammenhang so intensiv ist, dass »ganz normale« Subjekte in vielfältigster Hinsicht in dessen Funktionsweisen eingebunden sind. Nicht nur ihre materiellen Interessen, sondern auch ihre Bedürfnisse und ihre Handlungsorientierungen, selbst ihre Vorstellungen von einer anderen Zukunft sind in bestimmter Weise davon eingenommen. Es gibt sozusagen eine gesellschaftliche Eigenlogik der Reproduktion dieses Zusammenhangs. Er reproduziert sich, obwohl er erkennbar und zunehmend offensichtlicher auf so vielen unterschiedlichen Ebenen destruktive Folgen zeitigt – sozial, ökologisch, kulturell und politisch. Man könnte auch sagen, dass er im engeren Sinne ökonomisch destruktiv ist, weil der Wertschöpfung so viel Wertzerstörung entgegensteht.
Diese Reproduktion ist einerseits ein Rätsel, das sich aber der Kritischen Theorie oder der kritischen Gesellschaftsforschung insgesamt schon lange und auf unterschiedlichen Reproduktionsstufen immer wieder neu stellt. Anderseits ist es eben kein Rätsel. Wir wissen um die Subjektverstrickungen und müssen immer wieder von Neuem aufklären, warum das Ganze funktioniert. Scheinbar gehört die Krisenhaftigkeit selbst zum Funktionszusammenhang dieser Gesellschaft. Da kann man auf die Idee kommen, in Anlehnung an Walter Benjamin: Dass das schlecht Funktionierende weitergeht, ist die Katastrophe.

Interview

Stephan Lessenich ist seit 2021 Direktor des Instituts für Sozialforschung und Professor für Gesellschaftstheorie und Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

In den Forschungsperspektiven des IfS, die Sie in einem Working Paper aus dem Dezember 2023 festgehalten haben, ergänzen Sie diese »Krisentheorie des Funktionierenden« mit einer »Praxistheorie des Möglichen«.

So ist es. Die Krisentheorie des Funktionierenden liefert gewissermaßen das, was gerne plakativ als Negativität der Kritischen Theorie dargestellt wird, nämlich eine Diagnose des falschen Ganzen. Sie nimmt eine Weise des Funktionierens in den Blick, die krisenhaft ist, weil sie sich über Krisen hinweg vermittelt und reproduziert, die aber auch krisenhaft im Sinne ihrer sozial und ökologisch verheerenden Folgewirkungen ist. Und um dieser Negativität eine Perspektive auf den Bruch mit dem Gegebenen und Bestehenden entgegenzusetzen, stellen wir dem eine Praxistheorie des Möglichen zur Seite. Diese soll aber jetzt nicht so daherkommen wie in vielen linken Texten, dass nämlich auf 100 Seiten gesagt wird, wie totalitär der gesellschaftliche Zusammenhang eigentlich ist, wie er alles durchdringt und in alle Kapillaren der Gesellschaft eindringt inklusive der Subjekte – um dann am Ende noch pflichtschuldig einen Absatz anzufügen, dass es doch auch Brüche oder Uneindeutigkeiten in diesem Ganzen gibt.

Solch dialektische Volten gefallen Ihnen nicht?

Doch, sehr sogar, so sie überzeugend dialektisch sind. Für gewöhnlich scheint mir diese Wendung aber ein bisschen gewollt und beliebig zu sein. Es wird eine Totalanalyse betrieben und dann gesagt, »aber irgendwo gibt es doch auch noch das Rettende«. Kritisch-theoretisch wäre ja eher zu sagen, dass die Möglichkeit des Anderen der Funktionsweise selbst eingeschrieben ist. Daher wird dieses Andere natürlich nicht nur in gesellschaftlichen Nischen, sondern auch in den alltäglichen Praktiken der Leute mit produziert. Eine Praxistheorie des Möglichen muss sich das nicht herbeiwünschen, aber kann es auch nicht herbei theoretisieren. Es ist also wichtig, dass Praxistheorie und Krisentheorie ineinandergreifen. Es geht um eine auf das alltagspraktische Handeln der Leute bezogene Theoretisierung dessen, was trotz der Reproduktion des Ganzen möglich erscheint und in vielen kleineren Belangen ja auch real ist. Diese Doppelperspektive muss als Gesamtpaket gesehen werden: Wie krisenhaft die Funktionsweisen sind und wie über diese Krisenhaftigkeit vermittelt Möglichkeiten bestehen, die aber, aus zu klärenden Gründen, nicht wirksam ergriffen werden – und vielleicht nicht ergriffen werden können.

Das Institut war und ist auch räumlich in solche Auseinandersetzungen um Möglichkeiten eingebunden. Welche Rolle spielt der Ort der Forschung, also Frankfurt selbst?

Der Ort spielt natürlich auf verschiedene Weise eine Rolle. Das IfS sieht sich selbst in einer klaren theoretischen Tradition, aber es wird auch in der Fremdsicht so wahrgenommen. Diese Tradition ist nicht nur »altehrwürdig«, sondern will auch noch die heutigen gesellschaftlichen Widerspruchskonstellationen durchdringen. Der Ort, das sagen wir auch in dem Perspektivenpapier, ist zudem relevant, weil wir darum wissen, so situiert zu sein. Wenn man so möchte, argumentieren wir aus einem der Zentren der kapitalistischen Globalisierung heraus und die Widerspruchskonstellationen, die wir hier dann in Anschlag bringen, haben wir in aller Regel nicht wirklich am eigenen Leib zu durchleben und durchzustehen. Wir argumentieren aus dem geschützten Raum der Lebensweisen und Reproduktionsmöglichkeiten hier vor Ort. Zudem sind wir offensichtlich am ehemaligen Campus Bockenheim verortet. Im Grunde genommen ist das IfS ein wenig von den universitären Gegebenheiten und auch von den Kämpfen abgeschnitten, seit dem Umzug der Goethe-Universität auf den IG-Farben-Campus im Frankfurter Westend. Gleichzeitig gibt es seit dem Beginn des Umzugs neue Kämpfe um das alte Campusgelände in Bockenheim, weshalb wir uns durchaus auch in einer räumlichen Scharnierfunktion sehen.

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Ist diese Scharnierfunktion der Grund, warum das IfS sich dieses Jahr in das Festival Kulturcampus Open Air in Bockenheim einbringt?

Ja und nein. Unsere Teilnahme hat vor allem auch einen ganz pragmatischen Grund. Schon vor zwei Jahren eigentlich haben wir für den 22. Juni 2024 den Abschluss unserer Jubiläumsfeierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Instituts geplant. Der 22. Juni 1924 war der Tag, an dem das IfS an seinem alten Standort in der damals noch Viktoria-Allee 17, also schräg gegenüber von dem heutigen Gebäude, seine Pforten geöffnet hatte. Wir hatten sowieso vor, an diesem Tag das Institut auch im öffentlichen Raum zu präsentieren – idealerweise mit einer Sperrung der Senckenberganlage, also der großen Hauptstraße am Campus. Adorno hat ja bekanntlich die Fußgängerampel in Höhe des Instituts »verschuldet«, und wir wollten im Gegenzug gerne diesen Autobahnzubringer mal für einen Tag stilllegen. Und dann hat sich eben ergeben, dass zeitgleich das Kulturcampus Open Air stattfindet. Da haben wir uns gerne eingeklinkt. Und es ist auch Ausdruck dessen, dass wir öffentliche Wissenschaft zu betreiben beabsichtigen und unsere aktive Verankerung in der Stadtgesellschaft uns ein wichtiges Anliegen ist.

Inwiefern?

Weil die Fragen, die uns wissenschaftlich bewegen, nicht nur aus dem Institut heraus, sondern hunderttausendfach im Alltäglichen, in der sozialen Welt »da draußen« gestellt werden. Eine realitätsnahe Sozialwissenschaft tut gut daran, die Fragen, die gesellschaftlich aufkommen und aufgeworfen werden, auch ernst zu nehmen.

Daran anknüpfend: Welche Rolle spielt für Sie kritische Intellektualität?

Wenn man davon ausgeht, dass wir in einem nicht nur krisenhaften, sondern zerstörerischen gesellschaftlichen Zusammenhang leben und wider Willen Teil davon sind, dann muss man auch wissenschaftlich in die Öffentlichkeit treten. Das haben wir uns nicht ausgesucht, da sucht uns die Welt heim. Daher ging auch die klassische Botschaft der Kritischen Theorie an die eigene Adresse: eine aufgeklärte Selbstreflexion zu betreiben und sich immer Rechenschaft darüber abzulegen, welche Rolle man selbst im gesellschaftlichen Geschehen spielt und von welcher Position aus man dieses Geschehen betrachtet und kritisiert. Deshalb ist eine Wissenschaft gefragt, die nicht nur irgendwie versucht, ihr Wissen an die Leute zu bringen, sondern eine, die wirklich im Austausch steht mit den sozialen Akteur*innen, die alltäglich Gesellschaft machen. Und deswegen scheint es mir mit der Frage ums Ganze zu gehen, ob man Wissenschaft in der wissenschaftlichen Eigenlogik betreibt oder ob man wissenschaftliche Praxis, um deren Eigenlogik wissend, mit anderen gesellschaftlichen Logiken zu verbinden versucht. Da steht das IfS klar zur Tradition der Kritischen Theorie, nämlich einer Theoriebildung, die Gesellschaftsanalyse und empirische Sozialforschung in emanzipatorischer Absicht betreibt. In diesem Dreieck von Analyse, Kritik und Veränderungswillen, so meine Auffassung, bewegt sich das IfS seit 100 Jahren und sollte es auch weiterhin tun.

Im Dezember 2023 wurde auf dem Campus die Besetzung der Dondorf-Druckerei von der Polizei beendet. Die Aktivist*innen hatten sich gegen einen Abriss des Gebäudes und stattdessen für eine vielfältige Nutzung für die Stadtgesellschaft ausgesprochen. Der Institutsrat des IfS formulierte dazu ein Statement, das folgendermaßen überschrieben ist: »Die Irrationalität des Ganzen, gleich an der nächsten Ecke ist sie alltagspraktisch zu besichtigen.« Was ist damit gemeint, und wie kam es dazu?

Das passte eigentlich ganz gut ins Entstehen unseres Perspektiven-Papiers. In guter kritisch-theoretischer Tradition beschäftigten wir uns gerade mit der irrationalen Rationalität der Funktionsweise dieser Gesellschaft. Die Räumung war ein entsprechender Sachverhalt, der die Irrationalität des vermeintlich Rationalen auf unschöne Weise illustrierte sowie – und das war für uns entscheidend für eine öffentliche Intervention – um die Ecke, vor unserer Nase passierte. Trotz vernünftiger Argumente dagegen wurde die Räumung der besetzten Druckerei durchgesetzt. Die praktischen Gründe, dies als Ausdruck der Irrationalität des Ganzen zu begreifen, sind von den Aktivist*innen hinlänglich eingebracht worden.

Was sind das für praktische Gründe?

Ein Gebäude mit einer jüdischen Geschichte soll einem Neubau weichen. Und das in einer Zeit, wo man darüber spricht, dass man vielleicht nicht immer überall neu bauen sollte, sondern bestenfalls aufstocken oder verdichten. Besonders absurd erschien uns der geplante Neubau mit einer teilhistorisierenden Klinkerfassade, die an das Alte erinnern soll, das man soeben zerstört hat, und dem man eine neoliberale Raumgestaltung vorzieht. Das schien uns wirklich illustrativ zu sein für eine lokale, mikropolitische Widerspruchskonstellation. Und dann kam dazu, dass die Dondorf-Druckerei quasi in Sichtweite des Instituts liegt. Insofern gab es eine räumliche wie auch zeitliche Koinzidenz, die Besetzung und die politische Eskalation rund um die Druckerei waren in verschiedener Hinsicht gleichläufig zu dem Forschungsgeschehen am Institut.

Ganz konkret hat das IfS auch ein Interesse an der Nutzung von Räumlichkeiten in der Druckerei. Warum ist das Gebäude interessant?

Ja, es ist interessant aus den genannten Gründen. Für uns selbst wäre die Mitwirkung an der zukünftigen Ausgestaltung der Druckerei ein Baustein einer Realisierung unseres wissenschaftlich-politischen Anliegens. Es wäre tatsächlich also »Realisierung« im Doppelsinn, etwas zu erkennen und dann auch zu verwirklichen. Wobei ich aber gleich sagen möchte: Wenn jetzt gefragt wird, ob wir Interesse an einer Nutzung haben, dann möchte ich mit einem »Ja« keiner Initiative irgendeinen Raum streitig machen. Das IfS stellt sich ganz hinten in die Reihe, wenn es da um Verteilungskämpfe gehen sollte. Uns geht es um das Signal – also zunächst symbolisch, aber dann eben idealerweise auch materiell –, dass wir durch unsere Anwesenheit vor Ort Teil des Geschehens sind und uns in der Auseinandersetzung mit den anderen Akteur*innen einbringen wollen. Es geht nicht darum, dass wir akuten Platzmangel hätten und dringend drei Büros bräuchten.

Welche Mitnutzung schwebt dem IfS denn vor?

Unsere Idee wäre, an diesem besonderen Ort das zu tun, was wir in naher Zukunft ohnehin machen werden, nämlich im Kontext eines neuen, in der Humangeografie angesiedelten Graduiertenkollegs ein Wohnlabor einzurichten, bei dem es um partizipative Forschung im Feld von Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik, Wohngestaltung und Wohnweisen geht. Dieses Wohnlabor könnten wir uns sehr gut in der Druckerei vorstellen. Nicht zuletzt, weil es hier um grundlegende Fragen gehen wird, die auch den Kampf um dieses Gebäude bewegt haben. Das sind Fragen der Bodennutzung und der Raumgestaltung, ja der Lebensraumgestaltung. Dabei verfolgen wir den methodologischen Anspruch, Problematisierungen und Wissensproduktion im Austausch mit den Akteur*innen vor Ort zu entwickeln. Es wäre erneut eine zeit-räumliche Koinzidenz – auch kritische Gesellschaftstheorie muss eben mit dem Glück im Bunde sein.

Das Interview wurde im Rahmen der Ausstellung »Leerstand und Utopie. Die Kämpfe um den Campus Bockenheim« geführt. Dass kritische Gesellschaftstheorie selten mit dem Glück im Bunde ist, zeigte sich, als am 7. Juni die Stadt Frankfurt und das Land Hessen auf einer gemeinsamen Pressekonferenz bekannt gaben, dass die Dondorf-Druckerei zur Zwischennutzung für die zu renovierende Schirn-Kunsthalle bis 2027 zur Verfügung gestellt wird. Damit ist zwar der Abriss vom Tisch, die Nutzungspläne anderer Initiativen bleiben aber unklar.

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