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  • Donald Sutherland ist tot

Einer mit Aura

Der Hauptdarsteller für die Nebenrollen: Wie Donald Sutherland die Filmwelt prägte

  • Frank Jöricke
  • Lesedauer: 4 Min.
Als wäre er stets in seiner Rolle, vorher und auch nachher: Donald Sutherland als Jurymitglied der Berlinale 2019
Als wäre er stets in seiner Rolle, vorher und auch nachher: Donald Sutherland als Jurymitglied der Berlinale 2019

Schauspieler ist auch nur ein Beruf wie jeder andere. Am Ende muss das Geld reinkommen – egal wie! Michael Caine, Sohn einer Putzfrau und eines Fischmarktpförtners, kann darüber einiges erzählen. Er spielte in 160 Filmen mit; viele davon sind B- und C-Ware. Doch Caine steht dazu. Lieber mit Schund reich werden als in Armut sterben wie sein Vater!

Auch Donald Sutherland war nie sonderlich wählerisch, wenn es um Rollen ging. Aber was will man von einem Schauspieler erwarten, zu dessen Frühwerk ein billiger Horrorstreifen namens »Das Schloss der lebenden Toten« zählt, in dem er aus Kostengründen gleich drei Parts übernehmen musste!

Geboren und aufgewachsen in der kanadischen Provinz, an der Ostküste in New Brunswick, dem einzigen zweisprachigen Bundesstaat, ging er in den 60er Jahren nach London, auf die Schauspielschule. Der Durchbruch kam 1967 mit dem US-Kriegsfilm »Das dreckige Dutzend« von Robert Aldrich. Zugegeben, ein Klassiker, aber keiner der Sorte, mit denen man einen Oscar für schauspielerische Leistungen gewinnt. Doch immerhin war Sutherland damit im Geschäft. Rund 190 Kino- und Fernsehproduktionen sollten folgen. Noch 2023, mit 87 Jahren, spielte er in »Miranda’s Victim« und »Heart Land« mit – beides Nebenrollen.

Oft waren es kleinere Parts, die er annahm. So blieb er im Gespräch. Man vergisst ja gern, dass Arbeitslosigkeit in Hollywood kein Einzelschicksal ist. Selbst Stars sind nicht dagegen gefeit, plötzlich auf der Straße zu stehen, wie das Beispiel Meg Ryan zeigt. Von den späten 80ern bis Ende der 90er spielte sie in über einem Dutzend Filmen gefühlt die gleiche Hauptrolle. Doch als sich die Zuschauer an diesem Frauenbild sattgesehen hatten, war sie als Akteurin »verbrannt«.

Diese Gefahr bestand bei Donald Sutherland nie. Er repräsentierte keinen Typus. Weder war er ein Strahlemann wie Robert Redford noch ein Psychopath wie Christopher Walken. Und wiewohl er in unterschiedlichste Rollen schlüpfte, praktizierte er kein Method Acting. Er war kein Dustin Hoffman, der heute einen heruntergekommenen Ganoven (»Asphalt-Cowboy«), morgen eine vermeintliche Frau (»Tootsie«) und übermorgen einen Autisten (»Rain Man«) spielt und hinter jeder dieser Figuren verschwindet.

Das Gegenteil war der Fall. Donald Sutherlands Stärke bestand darin, dass er stets als Donald Sutherland erkennbar war. Das mag erklären, warum er nie für einen Oscar nominiert wurde. Selbst dann nicht, wenn er in hochprämierten Filmen wie »Eine ganz normale Familie« (1980, Regie: Robert Redford) mitwirkte. Denn ähnlich wie Steve McQueen schauspielerte er nicht, sondern verkörperte eine Aura. Es ging um Atmosphäre, nicht um mimische Verrenkungen. Daher konnte er es sich erlauben, Under- statt Overacting zu betreiben – sogar wenn er wie in »Klute« und »Wenn die Gondeln Trauer tragen« die Hauptrolle innehatte. Sutherlands Leinwandpräsenz war derart massiv, dass er selbst Konfektionsware wie »Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen« aufwertete.

Das lag natürlich an seiner Körpergröße (1,93 Meter), aber noch mehr an seinen eisblauen Augen, von denen etwas Unergründliches, bisweilen Unheimliches ausging. Dafür musste er nicht unbedingt wie in »Die Tribute von Panem« den Bösewicht spielen. Seine schiere Anwesenheit genügte, um dem Zuschauer zu signalisieren, dass mit dieser Welt einiges im Argen liegt.

Auch wenn sie vermeintlich heil ist. »Eine ganz normale Familie« zerbricht daran, dass einer der beiden Söhne bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Einmal mehr ist es dabei Sutherlands versteinertes Gesicht, das deutlich macht: Man sollte besser kein Happy-End erwarten. In Dalton Trumbos berühmte Antikriegsfilm »Johnny zieht in den Krieg« spielt er sogar Jesus Christus. Und für Fellini einen traurigen Casanova.

Und wo eh mit dem Schlimmsten zu rechnen ist, kann man sich auch in Galgenhumor flüchten – lustig geht die Welt zugrunde. Weshalb Donald Sutherland auch die Idealbesetzung für anarchische Komödien wie »MASH« oder »Ich glaub’ mich tritt ein Pferd« (Originaltitel: »Animal House«) war. Auf einmal löst sich die Anspannung, die er in so vielen Filmen zur Schau trägt. Die Maske zerbricht, und heraus birst eine Wildheit, die erahnen lässt, wie viel Anstrengung es ihn gekostet haben muss, immer wieder den selbstbeherrschten, in sich gekehrten Skeptiker darzustellen. 2018 bekam er dann den Ehrenoscar für sein Lebenswerk.

Am 20. Juni starb Donald Sutherland im Alter von 88 Jahren in Miami (Florida).

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