Matrosenshirts: Hochseefischen mit Karl Lagerfeld

Textile Texte (4): Früher pfui, später hui, heute so lala. Sozialer Aufstieg und Niedergang des maritimen Streifenshirts

  • Georg Leisten
  • Lesedauer: 4 Min.
Albert Finney und Audrey Hepburn 1967 beim Dreh von »Zwei auf gleichem Weg«.
Albert Finney und Audrey Hepburn 1967 beim Dreh von »Zwei auf gleichem Weg«.

Der Tod strickt mit. Oft blieb von ertrunkenen Matrosen nur noch ein zerfetztes Stück Stoff übrig. Das sprichwörtliche letzte Hemd, angespült an irgendeinem Strand. Da jedes Küstendorf in der Bretagne ein eigenes Streifenmuster für seine Fischer entwickelt hatte, konnte man zumindest noch den Herkunftsort des Unglücklichen bestimmen.

Mit dieser bitteren Legende beginnt der Siegeszug eines Modeklassikers: der Marinière. Seit einem Jahrhundert steht das gestreifte Jerseytrikot wie kein anderes Textilobjekt für ein sommerleichtes Lebensgefühl mit französischer Note. Savoir-vivre zwischen Gauloises und Café au Lait. Doch wie schaffte es die bretonische Arbeitskluft, zum coolen Must-have zu werden, das sich jede und jeder über die Schultern wirft? Ob an den palmengesäumten Promenaden der Côte d’Azur oder in der Sylter Bar, wo die Nazi-Schnösel grölen.

Textile Texte

Mode und Verzweiflung: In diesem Sommer beschäftigt sich das nd-Feuilleton mit Hosen, Hemden, Hüten und allem, was sonst noch zum Style gehört.

Begonnen hat der beispiellose Siegeszug des weiß-blauen Shirts bei der französischen Marine. Die ließ sich im 19. Jahrhundert für die Dienstkleidung ihrer Matrosen vom traditionellen bretonischen Vorbild inspirieren. Dabei erfuhr das Design eine Vereinheitlichung, die, trotz vieler Abwandlungen, bis heute als Leitbild gilt: weiß und indigoblau, U-Boot-Ausschnitt und 21 Streifen. Eine Zahl, die auf die von Napoleon errungenen Siege abzielt. Dass der Korse ausgerechnet bei Seeschlachten krachende Niederlagen einfuhr, versteckt die Grande Nation ja lieber.

1913 oder 1917 soll Coco Chanel in der Sommerfrische den nautischen Look entdeckt haben. Beim Datum sind sich die modegeschichtlichen Hagiografien ebenso uneinig wie beim Ort, der mal in der Normandie, mal an der baskischen Küste liegt, jedenfalls nicht in der Bretagne. Aber egal, maßgeblich ist: Die Haute-Couture-Göttin hat das militärische Ausstattungsstück in die Welt der mondänen Strandbäder und der Pariser Salons gehievt. Aus Seide schuf Chanel die erste Marinière-Version für Damen, zeigte sich aber auch selbst gern in Bretonenbluse. Der Modeschöpferin kam das geradlinige und geometrische Marineshirt nicht zuletzt deshalb entgegen, weil sie angeblich keine komplexen Schnittmuster beherrschte.

Zwar haben Faschismus und Zweiter Weltkrieg die Entwicklung zum Unisex-Klassiker vorübergehend gebremst – aufzuhalten war das kleine Gestreifte aber nicht mehr. Die 60er Jahre vollendeten die von Chanel angestoßene Revolution. Audrey Hepburn und Brigitte Bardot zeigten sich geringelt, Edelschneider wie Karl Lagerfeld oder Jean Paul Gaultier spielten und spielen in ihren Kollektionen mit unbezahlbaren Variationen des nautischen Habits.

Erst schlicht, dann Luxus – woran erinnert uns das bloß? Genau, an Gentrifizierung. So wie die Ansiedlung von Galerien Wohnviertel verteuert und armutsbetroffene Mieter*innen vertreibt, war auch unter denen, die mithalfen, die Seeleutekluft zu gentrifizieren, ein Künstler: Pablo Picasso posierte häufig in seemännischer Gewandung.

Soziologisch gesehen, zählt das »Tricot rayé« zum aufgestiegenen Kulturgut. Neben dem gesellschaftlich meist wenig geachteten Seefahrts- oder Fischfanggewerbe ist die Streifenoptik auch mit einer Gruppe assoziiert, die noch viel tiefer in der Klassenhierarchie rangiert. Seit Jahrhunderten wurden gebänderte Anzüge Häftlingen aufgezwungen. Die auffällige Montur sollte sie bei einer Flucht sofort brandmarken.

Darauf verweist der Nouvelle-Vague-Film »Außer Atem«, der Jean Seberg zu einem ikonischen Gesicht des Matros*innenlooks machte. Sie spielt die Studentin Patricia, die sich in einen Ganoven (Jean-Paul Belmondo) verliebt. Die Garderobe symbolisiert den Übertritt der Heldin in die soziale Randsphäre.

Schaut her, ich bin ja so authentisch. In Wahrheit würde ich lieber Wolfsbarsche fischen.

Ob Freizeitschiffer*innen auf dem Jachtdeck der sozialhistorische Ursprung ihrer Garderobe bewusst ist? Kaum, gehört Maritimes doch längst zu einer elitären Suggestionsstrategie dazu, die glauben machen will, sie hätte sich eine gewisse Einfachheit bewahrt. Nach dem Motto: »Schaut her, ich bin ja so authentisch. In Wahrheit würde ich lieber Wolfsbarsche fischen.« Floskeln, wie Vermögende sie immer wieder verwenden. Privatflieger Friedrich Merz ist ja auch »Mittelschicht«.

Wie ein Kostüm erhöht der Ringelstrick die Glaubwürdigkeit des Bescheidenheitstheaters. Dass sich die Besatzungen, die auf modernen Hochseetrawlern schuften, die Edel-Pullis vom Monte Carlo Beach Club kaum leisten können, bringt die Jetset-Sprechblase freilich schnell zum Platzen.

Doch damit ist der soziokulturelle Transferprozess noch nicht beendet. Für das Angestelltenproletariat des 21. Jahrhunderts sind die diversen Langarm-, T-Shirt- oder Hoodie-Varianten der Marinière zur internationalen Sommeruniform geworden. Jenes ewige Dilemma des textilen Chics, das schon Georg Simmel aufdeckte, wirkt auch hier. Mode will den Individualismus der Tragenden betonen, endet aber in der Gleichförmigkeit. Statt »Oh, là là« nur noch so lala.

Dass maritime Trikots, aus wenig noblem Stoff in Bangladesch gefertigt, auch bei Discountern zu haben sind, ändert freilich nichts an der Psychologie hinter der Streifenwahl. Abgeschaut von Picasso oder Bardot, von Jean Seberg oder von Audrey Tautou im Chanel-Biopic, können sich fast alle das Gefühl von Meer überziehen und den Hängemattentraum vom Müßiggang bei leichter auflandiger Brise träumen. Auch wenn dieser Traum meist nie länger dauert als bis zum Ende des Pauschalurlaubs.

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