Lieferando: Arbeitskampf bis an die Haustür

Lieferando-Kuriere in Potsdam treten für einen Tag in den Ausstand

  • Andrea Ries
  • Lesedauer: 5 Min.
Lieferando-Kurier*innen warnen vor Auslagerung.
Lieferando-Kurier*innen warnen vor Auslagerung.

»Fists up!«, ruft Mo vom Lieferando Workers Collective (LWC), während sich die Potsdamer Kurierfahrer*innen zum Gruppenfoto für Presse und Social Media aufstellen. Zwischen den orangenen Arbeitsjacken leuchten heute vor allem die lilafarbenen LWC-T-Shirts hervor – das Kollektiv nutzt den Tag zur Mobilisierung, Vernetzung und Aufklärung. Am vergangenen Freitag ruft der Betriebsrat alle Lieferando-Kurier*innen aus Berlin und Potsdam zur verlängerten Versammlung. Gemeinsam halten sie ihre Arbeit zurück – de facto ein Streik, gerichtet gegen die »fortlaufende Prekarisierung durch Profitsteigerungen«. Die Aktion ist Teil einer bundesweiten Welle: Im Juli wurde in Hamburg und dem Rhein-Main-Gebiet gestreikt, im August folgten Dortmund, Braunschweig, Hannover und Göttingen.

Im Hof stehen die Arbeiter*innen in der Pause zusammen. Viele tragen Kopfhörer um den Hals gehängt – der Betriebsrat hat Flüsterübersetzungen organisiert: Alle, die sich informieren oder organisieren wollen, sollen dabei unabhängig von Sprachkenntnissen unterstützt werden. Der Job im Lieferbetrieb ist ein typischer Einstiegsjob für Migrant*innen, auch mit geringen Deutsch- oder Englisch-Kenntnissen ist man dabei. Nun jedoch droht vielen der Verlust ihres Arbeitsvertrags, und damit eine dringend benötigte Absicherung.

Am 17. Juni bekamen etwa 60 Kurier*innen eine Mail: Zur Steigerung von »Agilität und Effizienz« sei es notwendig, den Potsdamer Standort zu schließen. Ein konkretes Datum wurde nicht genannt, Ende Oktober kursiert als wahrscheinlich. In fürsorglichem Ton schreibt die Personalabteilung: »Falls du zusätzliche Unterstützung suchst, wende dich an das psychosoziale Beratungsangebot der B.A.D Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH«. Das Team des externen Dienstleisters (seit 1. Juli 2025 BG prevent GmbH) stehe unabhängig und vertraulich »auch in privaten Krisensituationen« zur Verfügung.

Was können die Betroffenen konkret davon erwarten? Der Dienstleister wurde für Arbeitsschutz eingestellt. Merle vom Betriebsrat erklärt dazu: »Bei den Kollegen ist aber eher der Eindruck entstanden, dass es vor allem darum ging, das so billig wie möglich zu machen.« Als klar wurde, dass Standards nicht eingehalten wurden, erwirkte der Betriebsrat die Zusammenarbeit mit einer anderen Fachkraft. Ob die tatsächlichen Bedürfnisse der Angestellten bei B.A.D beziehungsweise BG Prevent auf die richtige Expertise treffen, ist fraglich. Ihre Sorgen sind existenziell: Arbeitslosigkeit, Altersarmut, Wohnungslosigkeit oder Verlust des Aufenthaltsstatus. Die Kurier*innen hier im Hof können über das Angebot nur die Augen rollen. Vertrauen sieht anders aus.

Auf eine nd-Anfrage hin erklärt ein Lieferando-Sprecher, dass das Angebot der B.A.D. im Unternehmen bekannt sei und regelmäßig kommuniziert werde. Die Beratung erfolge vertraulich und durch Expert*innen aus den jeweiligen Fachbereichen. Das Angebot werde zwar wahrgenommen, der Beratungsbedarf sei aktuell aber nicht auffällig hoch.

Der 60-jährige Kurier Yordan hat die Kündigung bangend kommen sehen. Lieferando musste in den letzten Jahren Umsätze einbüßen – das machte sich bemerkbar. Seit der Mail im Juni empfindet er nur noch Stress. In seinem Alter hat er wenig Hoffnung, wieder einen sicheren Job zu finden. Dabei mochten er und viele seiner Kolleg*innen die Arbeit: Flexibel, eigenständig, in Kontakt mit Leuten, in Bewegung. Andere hingegen benennen klare Missstände: Schlampig ausgeführte Kündigungen in der Probezeit, unzureichendes Spritgeld, fehlerhafte Lohnabrechnungen. Außerdem teilen viele migrantische Fahrer*innen ein Gefühl, dass man sich bei ihnen mehr Nachlässigkeit erlaube. Dennoch: Lieferando sei eine der wenigen Firmen in der Branche mit direktem Arbeitsverhältnis.

Was bleibt, ist das System der Subunternehmen – und hier liegt die Hauptquelle des Misstrauens. Bei den Anwesenden bei der Betriebsversammlung ist man sich sicher: Lieferando wird zwar den Standort schließen, aber über Unternehmen wie »Fleetlery GmbH« weiter den Markt bespielen. Die Streikenden sprechen vom »kriminogenen Subunternehmer-Sumpf«. Wer weiterarbeiten will, wird sich gezwungen sehen, dorthin zu wechseln. Das ARD-Magazin »Kontraste« legte kürzlich in einer investigativen Recherche die Strukturen bei Fleetlery offen: Bargeldübergaben auf Parkplätzen statt Verträgen, keine Sozialabgaben, keine Versicherungen.

Die Streikenden sprechen vom »kriminogenen Subunternehmer-Sumpf«.

Der Beitrag wurde auf der Betriebsversammlung vormittags in mehrere Sprachen übersetzt. Man will zeigen: Das ist eure Zukunft, wenn ihr euch nicht wehrt.

Diese Zukunft beginnt für manche bereits: Zwei Fahrer*innen berichten, wie sie über Freunde oder Facebook-Gruppen zu Fleetlery kamen. Jetzt sind sie in verschiedenen Whatsapp-Gruppen, über die Personen, von denen sie nicht mehr als den Profilnamen kennen, Schichten und Aufträge managen. Sie tragen weiter die Lieferando-Jacken, doch viele sehen nie Verträge. Ein schlechter Deal mangels Alternativen.

Ein Lieferando-Sprecher erklärt auf nd-Anfrage, dass der übergroße Teil der Standorte weiter durch den Mutterkonzern beliefert werden soll. »Die für andere Städte angekündigten Änderungen betreffen nur einen überschaubaren Teil der Flotte«, schreibt der Sprecher. Wo Arbeitsplätze wegfallen würden, schaffe man einen Interessensausgleich und einen Sozialplan in Zusammenarbeit mit dem Gesamtbetriebsrat.

In Berlin hat der Abgeordnete Damiano Valgolio (Linke) im Juli eine Anfrage an den Senat bezüglich der Ahndung von Verstößen gegen das Nachweisgesetz gestellt. Die Antwort: Von 2022 bis 2025 gab es nur 13 Beschwerden – keine einzige führte zum Bußgeld. Der Abgeordnete fordert: »Der Senat muss die Branche endlich mehr kontrollieren und gegen Verstöße richtig vorgehen, statt nur eine Mailadresse zu einer unterbesetzten Beschwerdestelle anzugeben!«

Auch in Brandenburg gibt es eine solche Mail-Adresse – doch kaum einer der Fahrer*innen weiß davon. Und selbst wenn: Meldungen sind nicht anonym möglich und die Angst überwiegt. Wer sich beschwert, riskiert den Job. »Und wie soll man dann die Miete zahlen?«, fragt ein Fahrer.

Die streikenden Lieferando-Fahrer*innen wollen es nicht so weit kommen lassen: Sie wollen ihre Jobs behalten. Deshalb kämpfen sie. Flyer sollen nun in die Briefkästen Berlins und Potsdams wandern: »Tausende werden gezwungen, krank Essen auszuliefern!«, werden Kund*innen gewarnt, begleitet von einer Zeichnung eines auf ein Essenspaket hustenden Kuriers. Ziel ist nicht nur Aufklärung über Subunternehmen, sondern der Aufruf zur Solidarisierung im Arbeitskampf: »Das schadet nicht nur den Kurieren. Wenn wir das zulassen – was hindert deinen Arbeitgeber daran, das Gleiche zu tun?«

Wir sind käuflich. Aber nur für unsere Leser*innen.

Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser:innen und Autor:innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:

→ unabhängig und kritisch berichten
→ übersehene Themen aufgreifen
→ marginalisierten Stimmen Raum geben
→ Falschinformationen etwas entgegensetzen
→ linke Debatten voranbringen

Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.