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  • Nach der Ermordung Benazir Bhuttos

Tod der »Tochter des Ostens«

Präsident Pervez Musharraf ist einer unbequemen Widersacherin ledig / In Pakistan herrschen Anspannung und Ungewissheit

  • Von Hilmar König, Delhi
  • Lesedauer: 4 Min.
Während die am Donnerstag ermordete Benazir Bhutto nach dem Freitagsgebet in ihrem Heimatdorf Garhi Khuda Baksh in der südpakistanischen Provinz Sindh unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen wurde, herrscht in der öffentlichen Meinung Ungewissheit über die Zukunft des Landes.

Wenig ist in Pakistan derzeit klar. Klar sei, dass Pakistan ohne Benazir Bhutto, einer »seiner feinsten Töchter«, nie wieder sein wird wie zuvor, hieß es am Freitag in der pakistanischen Zeitung »Dawn«. Doch die Auswirkungen der Ermordung der Politikerin würden sich erst in den nächsten Monaten, ja Jahren offenbaren, nimmt »Dawn« an.

Mohammedmian Soomro, der Premier der Übergangsregierung, äußerte, vorerst gebe es keine Pläne, die für den 8. Januar angesetzten Parlaments- und Provinzwahlen zu verschieben. Doch jähe Wendungen gehören in Pakistan zum politischen Alltag. Wenn Präsident Pervez Musharraf und dem Militär die neuerliche Verhängung des Ausnahmezustands und die Verschiebung der Wahlen opportun erscheinen, dann veranlassen sie das, ohne mit der Wimper zu zucken im Handumdrehen.

Attentat schürt die Gewalt
Das unmittelbare Nachspiel des Attentats – als sich der Attentäter anschließend selbst in die Luft sprengte, kamen mindestens 20 Menschen ums Leben und 50 wurden verletzt – sorgte für weitere schlimme Nachrichten. In verschiedenen Städten, vor allem aber in der Provinz Sindh, wo der Bhutto-Clan zu Hause ist, bekundeten politische Aktivisten »auf pakistanische Art« ihre Trauer und Wut über den Tod der »Tochter des Ostens«, wie sie sich in ihren Memoiren betitelte. Sie attackierten unter Rufen »Killer Musharraf« Banken und Geschäfte, Parteibüros, Bahnhöfe und Tankstellen, zündeten Busse und staatliches Eigentum an. Dem Ausbruch der Gewalt fielen allein am Donnerstag mindestens zehn Menschen zum Opfer.

Nach den Hintermännern des Attentats wird fieberhaft gesucht, ebenso wird die Echtheit eines angeblichen »Al-Qaida-Bekennerschreibens« zu dem Verbrechen überprüft.

Obwohl Benazir Bhutto während ihrer zweiten Amtszeit als Regierungschefin Pakistans das Entstehen der Taliban als radikal militante Bewegung begünstigte, gab sie sich nach dem 11. September 2001 und bis zuletzt als Gegnerin religiöser Fanatiker, Fundamentalisten und Terroristen. Das machte sie zur Verbündeten des Westens und vor allem der USA, die Frau Bhutto mit Präsident Musharraf zusammenspannen wollten, um Pakistans »Rückkehr zur Demokratie« abzusichern. Der Mord hat diese Absicht Washingtons zunichte gemacht. So ist Musharraf wieder allein der pakistanische Hauptpartner der USA im »internationalen Krieg gegen den Terrorismus«.

Benazir Bhutto, vor allem als Führerin der von ihrem 1979 hingerichteten Vater Zulfikar Ali Bhutto gegründeten Pakistanischen Volkspartei (PPP) anerkannt und von der Bevölkerung Sindhs verehrt, präsentierte sich in der Wahlkampagne der letzten Tage als Heilsbringerin, als »Retterin« der Demokratie und als Anwältin der kleinen Leute, auch wenn sie deren Erwartungen in ihren beiden früheren Regierungsperioden schwer enttäuscht hatte. Mit ihrem unbändigen Drang zur Macht, der mit unberechenbaren politischen Manövern verbunden war, sorgte sie für beträchtliche Verwirrung in der politischen Landschaft. Mit der Wahlteilnahme der PPP fiel sie der Protestbewegung der Richter und Anwälte in den Rücken, trieb einen Keil in die Allparteien-Demokratiebewegung und sperrte sich gegen gemeinsames Vorgehen mit der anderen großen Partei, der Pakistanischen Muslimliga des ehemaligen Premiers Nawaz Sharif. Trotz Sharifs offizieller Trauerbekundungen dürfte er nicht unglücklich darüber sein, dass es nun einen Spaltpilz weniger auf der politischen Bühne gibt.

Fragezeichen hinter den Wahlen
Auch General a.D. Pervez Musharraf, der die Ermordung Benazir Bhuttos als »nationale Tragödie« bezeichnete, könnte insgeheim aufatmen, weil er die lautstärkste und unbequemste Widersacherin los ist. Angesichts des von Nawaz Sharif verkündeten Wahlboykotts der Muslimliga bleiben für Musharrafs Partei, die PML(Quaid), kaum noch ernsthafte Konkurrenten. Es sei denn, dass die Bhutto-Partei (wenn sie sich nicht auch zum Boykott entscheidet) auf einer Sympathiewoge für ihre Märtyrerin die meisten Stimmen erhält.


Pakistans Chronik

1947: Pakistan wird im Zuge der Aufteilung Britisch-Indiens ein unabhängiger Staat.

1971: Ostpakistan erklärt sich als Bangladesch für unabhängig. Zulfikar Ali Bhutto wird Staatspräsident Pakistans.

1973: Eine neue Verfassung stärkt die Rolle des Ministerpräsidenten; das Amt hat Bhutto inzwischen übernommen.

1977: Militärputsch: Machtübernahme durch Zia ul-Haq.

1979: Hinrichtung Zulfikar Ali Bhuttos.

1981: Verkündung einer Übergangsverfassung, die fundamentale Bürgerrechte abschafft.

1985: Wiederzulassung von Parteien.

1988: Die Bhutto-Partei PPP gewinnt die Wahlen, Tochter Benazir wird Premierministerin.

1990: Präsident Islaq Khan entlässt Bhutto.

1993: PPP gewinnt Wahlen, Benazir Bhutto wieder Ministerpräsidentin.

1996: Bhutto erneut abgesetzt, Rivale Nawaz Sharif gewinnt Wahlen und wird Premier.

1997: Bhutto geht ins Exil.

1999: Militärputsch von Pervez Musharraf.

2001: Eintritt in die Anti-Terror-Koalition um die USA.

März 2007: Bündnis von Justiz, Bhutto und Sharif gegen Mu-sharraf.

Oktober 2007: Bhutto kehrt aus Exil zurück, Pakt mit Musharraf.

November 2007: Musharraf verhängt Ausnahmezustand, Bhutto kündigt Pakt auf.

Dezember 2007: Aufhebung des Ausnahmezustands am 15.12.; Ermordung Benazirs am 27.12.

ND

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