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Leben in Erinnerungen

Goethes Enkel: Dagmar von Gersdorff schrieb ein Buch, das noch fehlte

Goethe war beinahe siebzig, als er Großvater wurde. 1818 ein erster Enkel, Walther, 1820 dann Wolfgang, der Liebling, meist Wolf oder Wölfchen genannt, schließlich, 1827, noch Alma, ein Mädchen, das nicht alt wurde. Ins Haus am Frauenplan zog noch einmal Leben ein. Goethe gefiel es. Mehr noch: Es machte ihn glücklich. Er, den mancher Besucher steif und majestätisch kühl erlebte, verwandelte sich, sobald die Kinder erschienen. Im Tagebuch der zwanziger Jahre hat er dieses Glück immer wieder ausgedrückt, wortreicher oft als andere Begebenheiten. Und auch in den Briefen kam er auf den Nachwuchs immer wieder zurück. »Indessen beschäftigt mich die Erziehung meines Enkels«, schrieb er, »welche wohlbedächtig darin besteht, daß ich ihm allen Willen lasse …« Und ein andermal, als Sohn und Schwiegertochter Ottilie verreist waren, berichtete er, dass er sich mit »großväterlicher Affenliebe, die größer als die der Eltern sein soll«, um den Enkel kümmere, den er »für das allerliebste Geschöpf von der Welt halte«.

Die Goethe-Literatur hat der Familie und dem Umfeld des Dichters anhaltend Beachtung geschenkt. Alle fanden sie Biografen, Goethes Mutter, Christiane, August, Ottilie, nur die Enkel blieben schwach beleuchtete Randfiguren, »mythische Persönlichkeiten«, hier und da erwähnt oder mit knappen Artikeln bedacht, aber »lebensvolle Gestalten«, wie Ludwig Geiger meinte, sind sie nicht geworden. Geiger war der Erste, der ihnen in seinem Buch »Goethe und die Seinen« ein ganzes, wenn auch nicht gerade opulentes Kapitel widmete. Es ist genau hundert Jahre her. 1962 kam eine Monografie von Wolfgang Vulpius hinzu, die sich allerdings nur mit Walther, dem letzten Enkel, befasste und eingehend die Auseinandersetzungen um den Goethe-Nachlass untersuchte. An der marginalen Existenz der Brüder Walther und Wolfgang hat aber auch das wenig geändert. Ihr Bild ist weder schärfer noch nuancierter geworden. Meist sieht man sie, wie Geiger anmerkte, als alte, »verknöcherte Junggesellen, die ewig krank, verdrossen und weltabgewandt wie Burgwächter dasitzen, ihre Schätze hütend, die sie selbst nicht kennen und nicht ansehen mögen und doch eifersüchtig jedem anderen den Zugang wehrend«. Erst jetzt haben wir eine Darstellung, die sich allein mit den Enkeln befasst, eine große, glänzend recherchierte und fesselnde Erzählung von Dagmar von Gersdorff. Es ist schon ihr fünftes Buch, das sich dem Lebenskreis des Dichters nähert.

Sie waren Goethes große Hoffnung: Walther, der freundliche und zutrauliche Junge, mit dem er sich unterhalten konnte wie mit seinesgleichen, Wolfgang, aufgeweckt und noch zutraulicher als der Bruder, und Alma, deren Geburt und Gedeihen er in Briefen feierte. Sie hatten es gut. In einem Haus, das bald schon unter den Zwistigkeiten, den Zerwürfnissen der Eltern litt, lebten sie wie Könige. Goethe gab sich Mühe. Er spielte mit ihnen, er förderte ihre Talente, war für sie immer erreichbar, und selbst sein Heiligtum, das Arbeitszimmer, das sonst nur wenige zu sehen bekamen, stand ihnen jederzeit offen.

Bis zum 22. März 1832 schien ihnen die Sonne. Der Verlust des Vaters im Oktober 1830 hat sie nicht so erschüttert wie der Tod Goethes. Der Boden, auf dem sie so lange sicher und behütet gestanden hatten, war urplötzlich geborsten, und alles wurde anders.

Dagmar von Gersdorff beschreibt, wie es kam, dass sich die Hoffnungen, die der Großvater in seine Enkel gesetzt hat, nicht erfüllten. Wie Ottilie, die Mutter, unstet und unfähig, das Leben der Familie in die Hand zu nehmen, verblendet ihren Liebschaften folgte. Wie alles in Unordnung geriet, die Tochter mit 16 Jahren an Typhus starb und das Gerücht aufkam, die Mutter habe sie vergiftet. Wie der schüchterne, verzärtelte Walther ein Desaster nach dem anderen erlebte. Erst das Scheitern im Musikunterricht bei Felix Mendelssohn, später der Misserfolg mit einer Oper, von der auch Robert Schumann (mit dem er vorher eine homoerotische Beziehung hatte) nichts hielt. Schließlich ein Zusammenbruch.

Wolfgang, dem Jüngeren, erging es nicht besser. Sein Traum von einer Karriere als Dichter platzte beizeiten. Von der ersten Publikation, einem Büchlein mit dem Titel »Studenten-Briefe«, das Gersdorff das unausgereifte Werk eines Einsamen nennt, hat er sich später selber distanziert. Er litt, erkrankte immer wieder, wurde Weimarischer Kammerherr, dann preußischer Legationsrat in Rom, lebte ein paar Jahre in Dresden und kehrte 1870 ins Goethe-Haus zurück. Er starb 1883 in Leipzig.

Sie standen vor einem unlösbaren Problem: Sie hießen Goethe, hatten aber nicht das Zeug, den Erwartungen, die der Name weckte, zu entsprechen. August, ihr Vater, vermochte es nicht und sie noch viel weniger. Dagmar von Gersdorff macht das Dilemma der Brüder auf bestechende Weise deutlich. Sie schildert eingehend ihre Mühen, es zu etwas zu bringen, ihr tragisches Scheitern, und sie erzählt, wie die Erfolglosigkeit sie immer scheuer machte, kraftloser, einsamer, sonderbarer. Beide wachten in all den Jahren streng über Haus und Hinterlassenschaft Goethes. Sie tasteten nichts an, aber sie ließen auch nicht zu, dass irgendjemand einen Blick in Goethes Papiere werfen konnte. Gelegentlich wurden anfangs noch Besucher durchs Vorderhaus geführt. Einmal, 1842, durfte der Schriftsteller Karl Immermann kommen. Er schrieb danach, ergriffen, einen langen Bericht. Mehr wurde der Nachwelt nicht offenbart. Das Angebot des Deutschen Bundes, das Haus am Frauenplan mitsamt den Sammlungen zu kaufen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, führte 1842 zu heftigem Streit mit der Mutter. Dann lehnten sie ab. Sie konnten sich über die Summe nicht einigen. So blieb alles noch jahrzehntelang beim Alten, bis auch Walther, der großherzogliche Kammerherr, der sich zuletzt am liebsten mit freundlichen alten Damen umgab, 1885 gestorben war.

Die Testamentseröffnung, mit unglaublicher Spannung erwartet, machte aller Ungewissheit ein Ende. Walther, der immer in Erinnerungen an den Großvater gelebt hatte und in seiner Verfügung nie von seinem, nur von Goethes Vermächtnis sprach, übergab Häuser und Gärten dem Staat Sachsen-Weimar und den literarischen Nachlass der Großherzogin Sophie, die sofort einen Stab prominenter Germanisten anheuerte, um nun endlich das gesamte Werk zu erschließen. Umgehend gab sie auch den Bau des Goethe- und Schiller-Archivs in Auftrag.

Sie sind schrullige, belächelte Männer gewesen, ein Brüderpaar, das nach den Sternen nie greifen konnte und sich am wohlsten in der strahlenden Vergangenheit fühlte. Sie haben Goethes Erbe ängstlich verborgen, aber auch dafür gesorgt, dass es nicht verstreut wurde, nicht verkauft, um die finanzielle Lage zu bessern, und nicht dezimiert, ein Blättchen hier, ein Andenken dort. Sie haben mit der letzten Bekundung ihrem Leben, wie Großherzog Carl Alexander schrieb, den »glanzvollsten Schluß« gegeben. Dagmar von Gersdorff bekräftigt diese Sicht. Sensibel und mit großer Eindringlichkeit zeigt sie, wie aus aufgeweckten Kindern Leidende wurden, Sonderlinge, die zu festem Selbstvertrauen nicht fanden, und wie sie andererseits die Liebe, die der Großvater ihnen geschenkt hat, als Verpflichtung ansahen, an der nicht gerüttelt wurde.

Dagmar von Gersdorff: Goethes Enkel. Walther, Wolfgang und Alma. Insel Verlag. 287 Seiten, geb., 19,80 EUR.

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