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Barocke Hülle mit Raumschiff – eine Mogelpackung?

In Berlin ist ein Streit darüber ausgebrochen, wie weit man bei der notwendigen Sanierung des denkmalgeschützten Opernsaals der Staatsoper gehen darf

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Zuschauersaal der Berliner Staatsoper ist sanierungsbedürftig. Nun streiten sich Architekten, Musiker und Politiker darum, was wichtiger ist: Denkmalschutz, traditionelle Architektur oder eine moderne Oper.

Es ist nur ein Entwurf, eine Zeichnung: drei weiße geschwungene Linien stellen die Ränge dar, getrennt durch ein dunkles Rot. Darüber schraubt sich die weiße Decke in die Höhe. Der Rest ist Schatten. Die Decke ist der Clou und zugleich der Anstoß des Streits. Sie verbessert die Akustik und schreckt doch wegen ihrer modernen Wirkung die Traditionalisten ab. »Das ist mir zu verrückt«, sagt eine Berlinerin, die sich gerade den Siegerentwurf des Wettbewerbs für einen neuen Zuschauersaal der Staatsoper Berlin ansieht. Ein auswärtiger Tourist in der Ausstellung, die alle eingereichten Beiträge zeigt, findet die siegreiche Idee gut. »Das ist ein konsequentes, modernes Konzept. Hier wird nichts vermengt. Das sollte gebaut werden«, fordert ein Architekt aus München.

La Traviata aus dem Lautsprecher

Der Entwurf, der so unterschiedlich aufgenommen wird, stammt vom Architekten Klaus Roth. Er hat die Jury überzeugt, das alte Bild des Zuschauersaals im Sinne verbesserter Sichtbedingungen und Akustik aufzugeben – mit Veränderungen, die vom Auftraggeber, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung des Landes Berlins, auch gewollt sind. Nicht nur, dass das Gold von den Sitzen langsam abplatzt. 300 der knapp 1400 Sitze in der Oper müssen zudem – rabattiert – verkauft werden. Während die Kurtisane Violetta Valéry zwei Stunden lang singt, drehen sich die Zuschauer an den Seiten des Rangs auf ihren Sitzen um 90 Grad, um »La Traviata« zu sehen, wenn das denn möglich ist – Logen versperren die Sicht auf die Hälfte der Bühne. Außerdem hören die Zuschauer die Musik per Lautsprecher aus einer elektronischen Nachhallanlage. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Roth in Generalmusikdirektor Daniel Barenboim seinen prominentesten Unterstützer hat.

Trotz aller Unzulänglichkeiten lieben die Berliner diesen Saal mit Geschichte. Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff erbaute die Oper Mitte des 18. Jahrhunderts. Danach wurde sie von Bränden und Bomben mehrfach zerstört und immer wieder aufgebaut, zuletzt von Richard Paulick nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war es, der wieder zum Original Knobelsdorffs zurückfand. Weiße Stühle mit rotem Samtbezug und goldenen Rändern, zwei große Logen an den Seiten der Bühne, goldene Verzierungen an den Rängen, ein großer Kronleuchter an der Decke. Für viele ist der Raum die Renaissance des Rokoko und starker Gegensatz zum Entwurf von Klaus Roth.

Der Zwist zwischen Tradition und Moderne durchzieht nun Berliner Medien und Politik. Kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Direktor, Tonmeister oder Dirigent veröffentlicht, auf welcher Seite er steht. Unter der Überschrift, dass der Erhalt des derzeitigen Bestands ein »Triumph des SED-Regimes« wäre, plädiert der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Stefan Rosinski, im »Tages-spiegel« für einen zeitgenössischen Saal. Die Zeitschrift »Theater der Zeit« plant dagegen ein Sonderheft, in dem sich die Herausgeber »für den Erhalt und die Sanierung der Staatsoper in ihrer Paulickschen Fassung« einsetzen.

Die CDU spricht sich ganz konservativ für ein Haus »in historischer Gestalt« aus. Ihr Sprecher, Michael Braun, will es »als Unikat in der Opern- und Theaterwelt innerhalb der Stadt erhalten«. Dagegen favorisiert die FDP Roths Entwurf, will jedoch noch einige Änderungen, die dem festlichen Gesamtambiente etwas mehr Rechnung tragen: »Man kann ja kein Raumschiff in die alte Staatsoper hineinbauen«, sagt ihr kulturpolitischer Sprecher, Christoph Meyer.

»Am liebsten würde ich alles so lassen wie es ist«, meint eine andere Berlinerin, die gerade aus der Ausstellung kommt. Auch diese Hoffnung hat ihre politischen Fürsprecher. Der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl von der LINKEN spricht sich für eine Instandsetzung des Saales aus. Für ihn steht der Denkmalschutz an erster Stelle. Paulicks Arbeit »ist eine bedeutende Leistung des Nachkriegsaufbaus in der DDR«, sagt er. »Ich merke auch, dass die Skrupel wachsen, ein anerkanntes Denkmal zu zerstören.« Von einem neuen Saal, der nur so aussähe wie der alte, hält er nichts. »Ein Paulick 2.0 ist nicht sinnvoll.«

In diesem Punkt besteht Einigkeit mit dem kulturpolitischen Sprecher der Linksfraktion, Wolfgang Brauer, für den die unterlegenen Entwürfe nur Mogelpackungen darstellen. »Alle kloppen den Paulick raus, um einen neuen Saal mit ähnlichen Elementen reinzustecken. Das ist kein Denkmalschutz«, sagt Brauer. Trotzdem steht er hinter Roths moderner Arbeit. »Berlin erhielte damit einen ästhetisch ansprechenden Opernsaal, der auch international jedem Vergleich standhalten wird.« Es wäre auch eine Verbesserung für diejenigen, die sich die Karten im Parkett nicht leisten können, und im 3. Rang »leiden« müssten, sieht Brauer eine soziale Komponente im Streit.

Wowereit spürt Druck aus eigener Partei

Die Entscheidung fällt der auch für Kultur zuständige Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD). Der hat sich öffentlich noch nicht geäußert, spürt aber den Druck seiner Partei. Wolfgang Thierse unterschrieb unlängst einen Appell, der vor der »Zerstörung« des alten Zuschauersaals warnt und ein Veto von Wowereit verlangt.

»Ich bin auch für den Siegerentwurf«, sagt derweil die Begleitung des Münchner Architekten, »aber der wird hier in Berlin nie gebaut. Dafür fehlt der Mut.« Skepsis, die ausgerechnet Klaus Roth nicht teilt, obwohl in Berlin schon einige Entwürfe von Wettbewerbssiegern am Ende nicht gebaut wurden. Roth glaube nicht daran, dass, wie von einigen Politikern gefordert, der zweitplatzierte Entwurf aus dem Hause Hentrich-Petschnigg & Partner ab 2010 umgesetzt wird. Dieser behalte nach Ansicht der Jury weitestgehend das Erscheinungsbild des Paulickschen Zuschauerhauses, greife aber erheblich in die Substanz ein. »Entweder man lässt alles so oder man baut den Saal um. Wenn man aber so viel Geld investiert, muss man das Herzstück der Oper auch so umbauen, dass der Raum funktioniert«, meint Roth. Er habe sich auch viele Gedanken darüber gemacht, wie man das Wesen des Saales erhalten könne. Ausgerechnet die modern anmutende Dachkonstruktion ist Roths »barockes Element durch Architektur – aber übersetzt in unsere Zeit«.

Auch der renommierte Architekturkritiker Bruno Flierl hat sich die Ausstellung angesehen. Ihm ist ebenfalls wichtig zu betonen, dass die Leistung von Richard Paulick großartig war. Der Wiederaufbau sei im Geiste Knobelsdorffs geschehen und habe doch wesentliche Verbesserungen enthalten. Für den führenden Architekturtheoretiker der DDR wird die Diskussion zu überhastet geführt: »Das Publikum ist noch gar nicht gefragt worden.« So fordert Bruno Flierl eine öffentliche Debatte. Zunächst müsse geklärt werden, wohin man mit der Staatsoper gehen wolle: »Sollte man sich bescheiden mit einer Oper in Tradition oder will man ein modernes Opernhaus?« Dies sei keine Frage, die auf dem Rücken der Architekten ausgetragen werden dürfe, so Bruno Flierl, sondern »ein komplexes Phänomen«, das weiterer Überlegung bedarf, selbst auf die Gefahr hin, den Bautermin zu verzögern.

Nun liegt es also an Klaus Wowereit, ob er das Unvereinbare vereinbaren kann. Er wäre gut beraten, sich noch etwas Zeit für seine Entscheidung zu nehmen und sich auf eine breite Diskussion einzulassen. Eine Ausstellungsbesucherin bringt es auf den Punkt: »Wenn der das am Ende alleine entscheidet, hätten sie genauso gut mich fragen können.«

Weitere informationen dazu und zu den weiteren Platzierten sind im Internet unter www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell einzusehen.

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