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»Von hier aus regierst Du die Welt«

David Montgomery hat den Aufsichtsratsvorsitz bei der Heuschrecke Mecom abgegeben

Die Tageszeitung »The Sunday Times« meldete am vergangenen Wochenende fast nebenbei, dass der Zeitungsmagnat David Montgomery seinen Aufsichtsratsvorsitz bei der Mecom Group abgibt. Seine Position als Vorstandsvorsitzender der international agierenden Unternehmensgruppe will er jedoch behalten. Der Aktienkurs dieses noch vor kurzer Zeit so aggressiv expandierenden Unternehmens ist um mehr als 97 Prozent (!) innerhalb eines einzigen Jahres gefallen. Doch ganz offensichtlich ist Mecom nicht einfach ein Opfer der Finanzkrise. Bei der letzten Veröffentlichung ihres Quartalsergebnisses in London musste Mecom gar eine Gewinnwarnung herausgeben. Mit über 587 Millionen Pfund soll das Unternehmen bei Banken verschuldet sein. Der Aktienwert sank von fast einem Pfund pro Aktie auf mittlerweile nur noch gut einen Pence. Jetzt soll offenbar versucht werden, mit Sparprogrammen und Verkäufen ganzer Unternehmenszweige die Kuh doch noch vom Eis zu holen. Die Kuh, die doch eigentlich nur abgemolken werden sollte. In Norwegen, Polen, der Ukraine und den Niederlanden wird – mal offen, mal verdeckt – schon über Unternehmensverkäufe verhandelt. Und auch Gerüchte, Mecom will sich in Deutschland von der »Berliner Zeitung« und anderen Titeln trennen, kursieren derweil offen. Nur will ganz offensichtlich niemand kaufen. Und die Belegschaften kommen nicht zur Ruhe. Nach wie vor soll der Geschäftsführer der deutschen Tochter und Chefredakteur der »Berliner Zeitung« in Personalunion, Josef Depenbrock an einem Abbau von 150 Stellen konzernweit festhalten. Schon jetzt gibt es einen Einstellungs-, Investitions- und Reisekostenstopp. Ein Moratorium zum Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen ist zum 31. Oktober ausgelaufen. Nach Informationen von ver.di sollen keine weiteren Volontäre bei der »Berliner Zeitung« ausgebildet werden. Die »Netzeitung« soll in Zukunft auf freie Mitarbeiter verzichten, deren Grimme-Preis-nominierte Kolumne »Altpapier« soll der Sparwut von Josef Depenbrock zum Opfer fallen, war in der Novemberausgabe der Informationen des Konzernbetriebsrates (siehe Ausriss, ND-Repro: W. Frotscher) zu lesen.

Bei der letzten IVW-Quartalsanalyse der Verkaufsdaten von Presserzeugnissen in Deutschland war die »Berliner Zeitung« mit 6,7 Prozent Umsatzeinbuße einer der negativen Spitzenreiter. Für viele Mitarbeiter steht der Chefredakteur Depenbrock deshalb in der Kritik. In der Information des Konzernbetriebsrates wurde zum Beispiel ein »potemkinscher Arbeitsplatz« im Großraum in der 13. Etage des Verlagssitzes am Alexanderplatz Berlin beschrieben, »eingerichtet für Josef Depenbrock, neben diversen anderen Funktionen im Berliner Verlag ja auch Chefredakteur der ›Berliner Zeitung‹. Just einen Tag vor dem Besuch David Montgomerys am Mittwoch im Berliner Verlag wurde ein neuer Schreibtisch mit Laptop, Flat-Screen, zwei Großbildschirmen und Standuhr sowie eine Sitzgarnitur an der Stirnseite des Großraums platziert – jenes Raumes also, in dem der Politikteil der ›Berliner Zeitung‹ produziert wird und in den vor kurzen die Redaktion der ›Netzeitung‹ eingezogen ist. Der Auftrag an die für die Einrichtung zuständigen Mitarbeiter hat dabei gelautet: ›Es soll so aussehen, als ob Josef Depenbrock ständig für die Mitarbeiter der Berliner Zeitung und der Netzeitung ansprechbar ist.‹ Die Kollegen haben ihren Job offensichtlich gut gemacht. Denn Montgomery zeigte sich bei seinem Besuch dem Vernehmen nach tief beeindruckt: ›From here you govern the world (von hier aus regierst Du die Welt)‹, soll er zu Depenbrock gesagt haben, der jene gewagte Aussage mit Zustimmung quittiert haben soll ... Der Schreibtisch ist inzwischen wieder leerer geworden, und oft verwaist.«

Auf heftige Kritik der Mitarbeiter in Berlin und Hamburg stieß auch, dass Josef Depenbrock, ebenfalls Herausgeber der »Hamburger Morgenpost«, sich gemeinsam mit einem Freund ein Grundstück für 10 Millionen Euro aus dem zerfallenden Immobilien-Imperium der Osmani-Brüder, die »mutmaßlichen Paten des organisierten Verbrechens« mitten im Kiez von Hamburg gekauft hat. Jahrelang recherchierten die Redakteure der Zeitung gegen die Kiezgrößen. Dem Medienmagazin »Zapp« vom NDR war diese Angelegenheit einen ganzen Beitrag wert. Auch für die Redaktion der »Berliner Zeitung« war das Anlass, auf einer Redaktionskonferenz einstimmig zu erklären: »Leser und Redaktion dürfen vom Chefredakteur der ›Berliner Zeitung‹ zumindest erwarten, dass der Chefredakteur die Seriosität, den Ruf und die Glaubwürdigkeit des Blattes nicht durch Geschäftsbeziehungen zur Unterwelt beschädigt«.

David Montgomery ist seit dem Wochenende nicht mehr Aufsichtsratsvorsitzender von Mecom, er ist »nur« noch Vorstandsvorsitzender. Josef Depenbrock in Deutschland hat noch seine Doppelfunktion. In einem ND-Interview vor zweieinhalb Jahren zum Amtsantritt von Depenbrock (den die Belegschaft damals mit einer Notausgabe begleitete), antwortete die Betriebsratsvorsitzende, Renate Gensch, auf die Frage: »Chefredakteure kommen und gehen, die ›Berliner Zeitung‹ bleibt?: Ich hoffe, sie bleibt. Und ich hoffe, die ›Berliner Zeitung‹ wird nicht durch Renditejäger kaputtgespart«. Diese Hoffnung wurde in der letzten Zeit wohl sehr oft enttäuscht.

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