Mit Krallen

Reiner Kunze / Der Dichter erhielt den Freiheitspreis »Memmingen 1525«

Das Werk ist schmal, das Gedicht kristallin, der Mann von einer Dünnhäutigkeit, die Vorsicht gebietet: Die Sensiblen entwickeln ihre zähe Kraft aus der Not, unterschätzt zu werden. Reiner Kunze schreibt bittende, scheue, wunderbar gottesfürchtige Gedichte (»sensible wege«, »zimmerlautstärke«, »auf eigene hoffnung«, »eines jeden einziges leben«, »lindennacht«). Mit diesen Dichtungen kann man über alles reden, was das Herz berückt und bedrückt. Der erzgebirgische Bergarbeitersohn, Jahrgang 1933, bildete als wissenschaftlicher Assistent in Leipzig junge Parteijournalisten aus, stürzte aus dem voraussetzungslosen sozialistischen Enthusiasmus in den begründeten Hass auf die Gefrierkost des Dogmas. 1977 wurde er ausgebürgert.

1990 fanden Mitglieder eines Bürgerkomitees auf einer Müllkippe bei Pößneck fast 3500 Blätter Stasi-Denunzierprosa wider Kunze. Das daraus entstandene Buch »Deckname Lyrik« ist eines der erschütterndsten Zeugnisse staatlich organisierter Seelenverwüstung und psychischer Vernichtung. Nach wie vor eine bitter empfehlenswerte Lektüre zu Zeiten, da die Erinnerungen an die DDR wieder verstärkt aufeinanderprallen und manche Reflexion den Eindruck hinterlässt, das System sei einzig von Fremdkräften, also von außen besiegt worden, nicht von innen, vom Volk selber. Das Buch ist ein Protokoll der schmählichen tückischen Umzingelung durch Spitzelmacht. Wegen einer Dichtung, die Mut machte. Friedrich Schorlemmer, nach dem befragt, was ihn damals als Bürgerrechtler standhalten ließ im ständigen Anwurf der Oberen, sagt immer wieder: auch und gerade die Gedichte von Kunze! »Laß uns, herz, ein stück des wegs/ auf katzenpfoten gehen// Der steine sind genug, die krallen/ freundlich zu schärfen«.

Jetzt erhielt er einen Freiheitspreis. Memmingen 1525 – das erinnert an zwölf Artikel Aufständischer im Bauernkriegsjahr, die als erste Formulierung von Grund- und Menschenrechten in Deutschland gelten. »Wo Freiheit ist ...« lautet ein Interviewband Kunzes. Darin der Satz, viele Menschen in der DDR hätten eine Freiheit ohne Risiko erwartet, eine verwaltete Freiheit. Da könne er nur sagen: »Nichts ist unbequemer als die Freiheit. Aber auch nichts ist begehrenswerter.«

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