Werbung

Priorität hat das Geld

Zum Ärztetag häufen sich Ideen zu Lasten der Krankenversicherten

Gesundheits-Riester, Prioritätenliste und höhere Praxisgebühren – im Vorfeld des heute in Mainz beginnenden Ärztetages haben die Vertreter des heilenden Berufsstandes mit kontroversen Vorschlägen die gesundheitspolitische Debatte angeheizt.

Eine Prioritätenliste für die Behandlung der Patienten fordert der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. Er will weder die Behandlung des Skiunfalls, noch die Therapie für kranke Dicke bezahlen, die ihre Leiden selbst herbeigeführt haben. Leonhard Hansen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, kann sich steigende Praxisgebühren vorstellen, denn nach seiner Meinung gehen die Menschen zu oft zum Arzt. Es wäre vorstellbar, für jeden Besuch beim Facharzt Gebühren zu zahlen. Der Marburger Bund, der die Krankenhausärzte vertritt, fordert eine staatlich geförderte private Zusatzkrankenversicherung für gesetzlich krankenversicherte Menschen, eine Art »Gesundheits-Riester«.

Mit einem neuen Tarifsystem in der Krankenversicherung wollen die Kassenärzte die medizinische Versorgung sichern. Neben dem bisherigen Tarif, der Versicherten freien Zugang zu allen Ärzten ermöglicht, wäre bei einer zweiten Tarifoption ein Besuch beim Hausarzt verpflichtend, schlug der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, vor. Bei diesem Modell könne die Praxisgebühr wegfallen. Bei einem dritten Tarif – für junge und gesunde Versicherte – trete der Patient beim Arztbesuch in Vorkasse und rechne dann mit der Krankenkasse ab.

Allen Vorschlägen liegt die Annahme zugrunde, dass die finanziellen Mittel, mit denen das Gesundheitssystem ausgestattet ist, unzureichend sind. Daher erfolge seit Langem eine Rationierung der Leistungen für die Kranken, die man nach Meinung des Ärztekammerpräsidenten endlich öffentlich machen müsse. Trotz der kürzlich erfolgten Aufstockung der Honorare um 3,5 Milliarden Euro sehen sich die Ärzte unterbezahlt – Proteste und Praxisschließungen unterstreichen das.

Allerdings sind nicht alle Akteure in der Gesundheitspolitik der Meinung, dass die Konsequenzen aus der unbefriedigenden Situation im Gesundheitswesen allein den Patienten übergeholfen werden sollten. »Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Ärztevertreter gleichzeitig über mehr Honorar für die Ärzte und Leistungskürzungen und Zuzahlungserhöhungen für die Versicherten reden«, sagte die die Vorsitzende des Spitzenverbandes der Krankenkassen, Doris Pfeiffer. »Die gute Versorgung der Patientinnen und Patienten gehört in das Zentrum der Debatte und nicht Arzthonorare oder Spekulationen über Leistungskürzungen.«

Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte macht darauf aufmerksam, dass Deutschland das drittteuerste Gesundheitswesen der Welt habe. Angesichts dessen von chronischem Geldmangel zu reden, sei nicht nachvollziehbar. Ebenso absurd, wie von Hungerlöhnen unter niedergelassenen Ärztinnen, die im Durchschnitt ungefähr das Drei- bis Vierfache dessen verdienten, was die Bevölkerung in Deutschland insgesamt durchschnittlich erhalte. Anstatt für Rationierung und zusätzliche Belastung Einkommensschwacher einzutreten, stünde es der Ärzteschaft gut an, Über-, Unter- und Fehlversorgung zu bekämpfen, um eine gute Versorgung für alle gesetzlich Versicherten zu ermöglichen.


Lexikon

Der Deutsche Ärztetag ist die Hauptversammlung der Bundesärztekammer. Sie findet einmal jährlich statt. Präsident des Deutschen Ärztetages ist seit 1999 Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Auf der Tagesordnung des 112. Ärztetages in Mainz vom 19. bis 22. Mai stehen Gesundheits-, Sozial- und ärztliche Berufspolitik, Patientenrechte in Zeiten der Rationierung, die Zukunft des Arztberufes sowie die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung. Auf den Ärztetagen positionieren sich die Mediziner zur Gesundheitspolitik der Regierung und tragen ihre Forderungen vor. ND

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung