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Spekuliert auf Dummheit

Der 1942 geborene Politikwissenschaftler war bis 2006 als Professor an der FU Berlin tätig.
Der 1942 geborene Politikwissenschaftler war bis 2006 als Professor an der FU Berlin tätig.

Im Grunde ist die Situation dieselbe wie 1967. Einen demonstrierenden Studenten durfte man straflos erschießen. Aber wehe, man war Kommunist. Herr Kurras, ein autoritärer, waffenbesessener, ziemlich tumber und labiler Charakter, damals wie heute, konnte von beliebigen Herrschenden gebraucht werden. So einer – der noch 40 Jahre später sagt: » Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur ein Mal; fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen.« – wäre in Auschwitz ebenso wie im Gulag verwendbar gewesen. Blöd gelaufen war nur, dass er in West-Berlin etwas übertrieben hatte, als er Benno Ohnesorg einfach so erschoss. Die Stimmung in der Stadt war von der Springer-Presse und dem Albertz-Senat aufgehetzt - ja, auch der später liebe und reumütige Pastor Heinrich Albertz gehörte als Regierender Bürgermeister zu den Gnadenlosesten.

Einen Demonstranten zu erschießen, das hat K. nicht besonders gequält. Ihm war wohl nur die Ordnung wichtig. Und die wurde gestört durch die Studentenbewegung, die gegen Diktaturen, Genozidkriege führende Schutzmächte, autoritäre Verhältnisse und Nazi-Verstrickung der Eltern antrat. K. konnte sich aber durchaus als Vollstrecker des Mehrheits- und Regierungswillens in West-Berlin fühlen. Innensenator Büsch hatte dem Polizeipräsidenten Duensing am 8.Mai 1967 versichert, dass »ihre Vorgesetzten auch dann für sie eintreten, wenn sich bei der nachträglichen taktischen und rechtlichen Prüfung Fehler herausstellen sollten«.

Nun kam heraus, dass K. nicht nur hart zupackender West-Berliner Zivilfahnder, sondern außerdem MfS-Agent und sogar SED-Parteimitglied war. Als solches war er die exakte Personifizierung des Grundes, weshalb Rudi Dutschke die Revolution im Westen für aussichtsreicher hielt als in Luckenwalde. Dennoch war die Stasi nicht sein Auftraggeber für den Todesschuss auf Ohnesorg. K.'s Auftraggeber war der Senat von Berlin, samt Springerpresse und aufgehetzter Bevölkerungsmehrheit.

Obwohl niemand dies bestreiten kann, wird in den Medien eine Diskussion losgetreten, ob die Geschichte nicht völlig anders gelaufen wäre, wenn man 1967 schon gewusst hätte, dass K. SED-Mitglied gewesen ist. Die Schuld an K’s Todesschuss scheint sich nun irgendwie doch noch der Seite des Bösen im Osten zuschieben zu lassen; die West-Berliner Verteidiger der westlichen Freiheit (u.a. in Iran und Vietnam) sind nachträglich exkulpierbar: Auch an Ohnesorgs Tod soll nun der teuflische Kommunismus schuld sein.

Wieviel Dummheit möchten diese Geschichtsumschreiber eigentlich ihrem Publikum zumuten oder zutrauen? Wenn es darum ging, die Aufregung der beginnenden Apo zur Wut zu steigern, dann hätte die Stasi genauso in der Springer-Presse und im Senat von Berlin, ja auch im von Walter Sickert geführten DGB tätig gewesen sein müssen, eine Riesenarmee von agents provocateurs steuernd.

Als Zeitzeuge füge ich hinzu: Wenn ich am 3. Juni 1967 erfahren hätte, dass Kurras DDR-Agent und SED-Mitglied sei, hätte ich laut gelacht – über die Erklärungsnöte der Herrschenden. Und die antiautoritäre Tendenz in der Studentenbewegung, für die Dutschke stand, wäre noch stärker geworden. Stärker – bequemer aber nicht.

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