Waffen zu Baustahl

Bundesweit abgegebene Pistolen und Gewehre werden eingeschmolzen

Nach dem Amoklauf von Winnenden verschärfte die Bundesregierung das Waffenrecht und ermöglichte bis Ende des vergangenen Jahres die straffreie Abgabe illegaler Waffen. Diese werden nun vernichtet.

Hamburg (dpa/ND). Zehntausende Schusswaffen werden in Deutschland eingeschmolzen. Waffenbesitzer aus dem gesamten Bundesgebiet gaben die Pistolen, Revolver und Gewehre in den vergangenen Monaten freiwillig bei der Polizei ab. Nun werden die Waffen zu Baustahl und Bahnschienen verarbeitet. Das Material dient auch zum Bau aller möglichen anderen Stahlprodukte. Allein die 34 000 Schusswaffen, die im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen abgegeben wurden, ergeben nach Schätzung des Innenministeriums in Düsseldorf 38 Tonnen Altmetall.

In Niedersachsen lieferten die Besitzer rund 20 000 alte Waffen ab. »Von selbst gebastelten Pistolen bis zu sehr gut erhaltenen historischen Waffen war alles dabei«, sagte Uwe Krummel vom Dezernat für Waffen und Einsatzmittel der Zentralen Polizeidirektion Hannover. Bis auf einige Exemplare für die Sammlung des Landeskriminalamtes (LKA) würden alle vom Stahlkonzern Salzgitter AG eingeschmolzen. Die weitere Verwendung ist vielfältig: »Autos, Kühlschränke, Röhren, Brückenstütz-Elemente – einfach alles, was aus Stahl und Blech so gemacht wird«, sagte Salzgitter-Sprecher Bernd Gersdorff.

Die Regelung zur Waffenabgabe habe das Land »sicherer gemacht«, meinte der Niedersachse Krummel. Anlass für die bundesweite Sammelaktion war der Amoklauf von Winnenden, bei dem ein Schüler im März mit einer Pistole seines Vaters 15 Menschen und sich selbst umbrachte. Der Bundestag hatte danach das Waffenrecht verschärft, darunter die Regeln für geerbte Waffen. Wer illegal Waffen besaß, konnte sie bis zum Jahresende straffrei bei der Polizei abgeben.

Die Polizei in Baden-Württemberg sammelte so 57 000 Schießeisen mit einem Gewicht von 92 Tonnen ein. Rund 6000 der abgegebenen Waffen seien illegal geführt worden. Alles Material werde nun zu Baustahl recycelt. Die Berliner Polizei untersucht die freiwillig abgegebenen Waffen vor der Vernichtung auf mögliche Spuren von Straftaten. In der Hauptstadt hatten die Besitzer bis Ende 2009 mehr als 600 Waffen abgegeben. In Bayern soll aus 19 000 abgelieferten Waffen Stahl für Eisenbahnschienen gewonnen werden.

In Brandenburg nutzten fast 330 Bürger die Möglichkeit, ihre Waffen straffrei abzugeben. Von 212 richtigen Schusswaffen und 251 Schreckschusspistolen stammten dort nur 29 aus illegalem Besitz. Hamburg will die Erlöse für den Stahlschrott als Einnahme der Verwaltung verbuchen. Fast überall registrierte die Polizei im Zuge der sogenannten Amnestie für illegalen Waffenbesitz mehr Ablieferungen als früher. 2008 waren in Baden-Württemberg beispielsweise nur 18 Tonnen alte Waffen abgegeben worden.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hatte mit noch mehr abgegebenen Waffen gerechnet. »Nach meiner Einschätzung und nach meiner Erwartung sind zu wenig Waffen abgegeben worden«, sagte BDK- Sprecher Bernd Carstensen. »Grob über den Daumen« gepeilt stammten etwa fünf bis zehn Prozent der abgegebenen Pistolen, Gewehre und Revolver aus illegalem Besitz. In Bayern nahm die Polizei sogar Kriegswaffen entgegen: Das LKA zählte 33 Maschinengewehre und Maschinenpistolen sowie ein Sturmgewehr 44.

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