Träume in Metal

Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft von Sacha Gervasi

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Manche Rocker stehen noch mit Sechzig auf Bühnen, vor denen sich die Fans in Tausenden versammeln. Manche Rocker sind Multimillionäre, Stars der Fachmagazine wie der bunten Blätter, jede ihrer Affären ist eine Nachricht wert. Und manche Rocker sind das nicht. Steve »Lips« Kudlow und Robb Reiner von der Band Anvil (Amboss), wurde ihre Herkunft aus Toronto zum Verhängnis, was den Starruhm anging. Kanada, Vorstadt, Heavy Metal, das ging einfach nicht zusammen. 99 Prozent aller Rocker verdienen kein Geld mit ihrer Arbeit, sagt Lips Kudlow einmal resigniert zu Fans, und hat doch nie aufgehört, vom ganz großen Durchbruch zu träumen. Bald vierzig Jahre machen sein Schulfreund Robb und er mit wechselnden Mitstreitern nun zusammen Musik, und von welcher Band außer den Stones und The Who kann man das schon sagen, fragt einer ihrer Star-Kollegen in die Kamera?

Tagsüber arbeitet Kudlow, Mitte Fünfzig, wilde Zottelmähne und das Lächeln eines freundlichen Bernhardiners, als Fahrer für eine Firma, die Fertiggerichte an Schulkantinen liefert. Anstelle von Lautsprecherboxen manövriert er gestapelte Thermokisten durch den Schnee – und sagt, es könne ja immer noch besser werden, aber schlecht sei es doch jetzt schon nicht. In seiner Freizeit ist Lips Sänger und Lead-Gitarrist der Band, die anfangs sogar seinen Namen trug. Und spielt Gigs in Bars vor vollbärtigen Fans, die sich mit Heavy Metal-Kampfnamen wie Mad Dog, Wilder Hund, und Cut Loose, Losschlagen, schmücken. Kudlows Frau verdrückt ein paar Tränen, wenn sie von seinem Traum berichtet, der für die Familie ein Leben in Wartestellung bedeutet. Mutter und Schwester wären glücklicher, wenn das Hobby nicht wichtiger wäre als die »eigentliche« Arbeit. Und auch Robbs Ehefrau berichtet vom Hochzeitstermin, der sich nach den Auftritten richten musste, und einer Geburt, die eingeleitet wurde, damit der angehende Vater sie vor Tourbeginn noch mitbekam.

Trotzdem hatte Reiner es leichter. Sein Vater, Juwelier und ungarischer Auschwitz-Überlebender, schenkte ihm schon früh ein Schlagzeug und ein Paar goldene Drumsticks zum Umhängen. Weil gute Freunde auch mal streiten – und Lips verbirgt hinter seinem entwaffnenden Lächeln ein aufschäumendes Temperament –, musste die Kette, an der sie hängen, im Lauf der Jahre mehrfach repariert werden. Abgelegt hat Robb sie nie. Als Schüler ließen Lips und er sich erst von Eistüten, später von Geschichtsstunden über die Spanische Inquisition zu Song-Texten inspirieren, 1981 verschreckten sie die föhnfrisierten Zuschauer einer Fernseh-Talkshow mit den sexuell expliziten Texten ihrer Lieder. Mitte der Achtziger standen sie in Japan mit den Scorpions und Bon Jovi auf der selben Bühne. Dann ging es bergab.

Zu zwölf studioeingespielten Platten hatte die Band es trotzdem gebracht, als Sacha Gervasi, Drehbuchautor von Spielbergs »Terminal« und als Teenager einst Anvil-Roadie, sein filmisches Porträt der Band begann. Die dreizehnte, »This is Thirteen«, wurde während der Dreharbeiten produziert. Und es ist sicher nicht nur der verbale Anklang an »This is Spinal Tap«, den berühmtesten komplett erfundenen Rock-Dokumentarfilm der Filmgeschichte – gedreht unter der Regie von Rob Reiner, der den kritischen Anfangsverdacht aufkommen ließ, Gervasis Band-Porträt sei bloß eine weitere schauspielerbesetzte Scheindokumentation über eine gar nicht existente Gruppe. Dass »echte« Metal-Stars wie Metallicas Lars Ulrich, Slash von Guns’n’Roses oder Lemmy Kilmister von Motörhead darin über die Vorbildfunktion der frühen Anvil-Alben schwärmen, hätte die Sache nur durchtriebener gemacht.

Inzwischen ist »Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft« vom internationalen Dokumentarfilm-Netzwerk zum Film des Jahres 2009 gewählt worden. Dass er nicht nur dem Mockumentary »Spinal Tap«, sondern auch dem klassischen Psychoporträt einer Metal-Band, Berlingers und Sinofskys »Metallica: Some Kind of Monster« ähnelt, hat weder Gervasis Film noch seiner Lieblingsband geschadet. Anvil, mittlerweile nur noch dreiköpfig, tourt zur Zeit durch die USA und wird im April wieder in Japan auftreten. Vorbei die Zeiten, als nur Spucke und Hoffnung, ganz viel Hoffnung, den Lebenstraum zweier Schulfreunde aufrechthielten. Vorbei die Zeiten – hoffentlich! –, als ein Versuch, mit einer denkbar schlecht organisierten Europa-Tournee an die vergangene Zukunft jüngerer Jahre anzuknüpfen, die in unbezahlten Gigs und verpassten Zügen endete, und mit einem herzzerreißend dünn besuchten Konzert vor einer Megahalle in – Transsilvanien, wo statt der erhofften 10 000 Besucher ganze 174 kamen.

Gelegenheit, nebenbei, in Schweden auf einen an Anvil wenig interessierten Michael Schenker zu treffen, den »Beethoven unter den Lead-Gitarristen« und sich als Fans diverser anderer Rockgrößen zu outen, in deren teils doch heftig rauschmittelgezeichneten Gesichtern sich nebenbei ablesen lässt, was Anvil an zerstörerischen Begleiterscheinungen des internationalen Durchbruchs erspart blieb. In Polen beginnt Lips, von seiner Familiengeschichte eingeholt, jiddische Lieder zu singen, und am 32. Tag der Tour gerät dem Regisseur sein Bildmaterial aus der Spur, als er den Münchner Auftritt mit Bildern aus Schweden illustriert. Der Wirkung seines Films als Hymne aufs Festhalten an Träumen, die sich schließlich doch noch erfüllen könnten, tut das keinen wesentlichen Abbruch.

www.anvil-derfilm.de

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