Soziale Schönfärberei am Pranger

Lidl wirbt mit fairen Produktionsmethoden für seine Textilien – die Realität sieht anders aus

Textilien werden in immer größerer Zahl bei Discountern gekauft. Die Jeans ist bei Lidl für sechs Euro, ein Kinder-T-Shirt plus Shorts für 4,99 Euro und ein Damenshirt für schlappe 5,49 Euro zu haben. Bei diesen Preisen sind trotz gegenteiliger Werbung faire Arbeitsbedingungen bei den Lidl-Zulieferern kaum möglich. Gegen diese Praxis hat die Hamburger Verbraucherzentrale Klage wegen unlauteren Wettbewerbs eingereicht – unterstützt wird sie dabei von der Kampagne für saubere Kleidung. Die kämpft seit Jahren gegen die Dumpingmentalität in der Branche.

»Wenn wir Lohnerhöhungen fordern, sagen sie uns, wir sollen kündigen. Das haben sie schon bei vielen Arbeiterinnen so gemacht. Wir leisten viel mehr Überstunden als in den anderen Fabriken in der Nähe, aber wir bekommen nicht mehr Geld. Wenn ich dies einem Käufer erzählen würde, würde ich sofort entlassen werden,« erklärt eine Näherin aus der Newtex Design Fabrik in Karnaphuli. Sie will anonym bleiben, denn Mitarbeiter, die über ihre Arbeitsbedingungen sprechen, sind in vielen Textilfabriken Bangladeschs nicht erwünscht.

Dabei präsentiert sich die Firma, in der Waren für Lidl und andere Discounter hergestellt werden, nach außen als sauberer Betrieb: Auf der Internetseite des Unternehmens prangt neben Fotos der lang gestreckten Fabrikhalle und der Firmenzentrale ein Siegel, das besagt, dass alle Textilien auf schädigende Substanzen geprüft werden. Auch mit der Einhaltung der ISO 9001 Qualitätsmanagementnorm, die allerdings bereits aus dem Jahr 2000 stammt, wirbt das Unternehmen online.

Die Arbeitsbedingungen in der Halle sind jedoch alles andere als vorbildlich und stehen in scharfem Kontrast auch zur Selbstdarstellung des Discounters aus Neckarsulm. »Als verantwortungsbewusstes Unternehmen ist es grundsätzlich unser Bestreben, die sozialen und ökologischen Belange in Einklang zu bringen, um das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen«, heißt es auf der Lidl-Homepage. Die Wirklichkeit sieht bei den Lieferanten in der bengalischen Hauptstadt Dhaka, woher nicht nur Lidl einen großen Teil seiner Textilien bezieht sondern auch die Metrogruppe, Aldi oder der Textildiscounter KiK, allerdings deutlich anders aus. Von Überstunden, sexueller Diskriminierung und Hungerlöhnen berichten Angestellte mehrerer Textilfirmen, bei denen Lidl die Schnäppchen für den hiesigen Markt produzieren lässt.

Lidl auf die Finger geschaut

Mehrfach hatte die Kampagne für saubere Kleidung auf die fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei Zulieferern aufmerksam gemacht. So wurde im Januar 2008 ein Untersuchungsbericht mit dem Titel »Wer bezahlt unsere Kleidung bei Lidl und KiK« über Arbeitsrechtsverletzungen in den jeweiligen Zulieferbetrieben in Bangladesch von der Kampagne veröffentlicht. »Daraufhin ist es zwar zu direkten Gesprächen mit Lidl gekommen, aber letztlich haben unsere Appelle kaum gefruchtet«, erklärt Sandra Dusch von der christlichen Initiative Romero (CIR). Also begann man über Alternativen nachzudenken, denn die gebetsmühlenartige Parole »Aber wir machen doch…« der Unternehmen konnten die Referenten der Nichtregierungsorganisationen, die an der Kampagne beteiligt sind, nicht mehr hören.

So machte sich Gisela Burckhardt vom »Netz Bangladesh« daran, Informationen zusammenzutragen, neue Studien bei Partnerorganisationen in Bangladesch in Auftrag zu geben und Punkt für Punkt die Angaben und Zielvorgaben des Discounters zu überprüfen. »Wir haben ganz bewusst die Lieferanten von Lidl ausgewählt, die an so genannten Trainingsprogrammen teilgenommen haben. Geändert hat sich trotzdem nichts«, berichtet Burckhardt. Kein Wunder, denn die zugrunde liegenden Konditionen sind gleich geblieben. »Das ist die Quadratur des Kreises. Wenn man die Preise für die Produkte nicht anhebt, können die Löhne auch nicht steigen und in Bangladesch liegt der Mindestlohn unter dem Existenzminimum«, kritisiert die 59-jährige Pädagogin.

Faire Preise und faire Löhne lautet deshalb auch eine Kernforderung der Kampagne für saubere Kleidung. Die betritt in Kooperation mit der Verbraucherzentrale Hamburg nun Neuland und klagt gegen den Konzern, der sich in den letzten Jahren mit der Aufnahme von Fair-Trade-Produkten ins Sortiment und medienwirksamen Kampagnen bemüht hatte, sein angeschlagenes Image zu verbessern. Wegen »unlauteren Wettbewerbs« muss sich das Unternehmen nun vor dem Landgericht Heilbronn verantworten. Der Prozess könnte zum Meilenstein in der Rechtsprechung werden: »Es ist die erste Klage dieser Art, denn Lidl suggeriert dem Verbraucher, dass Sozialstandards eingehalten werden. Doch das haben wir am Beispiel von vier Fabriken widerlegen können«, erklärt Burckhardt.

Verhaltenskodex nur zur Imagepflege

»Die Klage könnte neue Maßstäbe setzen, denn bisher schmücken sich viele Unternehmer mit ihren freiwilligen Selbstverpflichtungen«, erklärt Ingeborg Wick, Welthandelsreferentin am kirchennahen Südwind-Institut. Die Selbstverpflichtung ändere aber faktisch kaum etwas an den Verhältnissen in den Fabriken, kritisieren Forscher im Bereich der Arbeits- und Sozialstandards wie Khorshed Alam aus Bangladesch. Alams Studien in der Textilindustrie, die rund um Dhaka angesiedelt ist, haben ergeben, dass der Verhaltenskodex oft nur zur Werbung und Imagepflege dient.

Ein handfester Vorwurf, der allerdings immer öfter zu hören ist. So kritisiert Ingeborg Wick, dass nicht nur die Discounter, in der NGO-Szene als Preisdrücker bekannt, sondern auch renommierte Unternehmen wie Adidas sich mit lapidaren Bemerkungen über Arbeits- und Sozialstandards hinwegsetzen. »Bei uns in China ist alles in Ordnung, hat ein Adidas-Manager wenige Wochen vor der Olympiade in Peking den Journalisten in die Blöcke zitiert – dabei weiß doch selbst der Laie, dass den Belegschaften in China elementare Arbeitsrechte vorenthalten werden«. Folgerichtig plädiert Wick dafür, die Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen.

Das ist ein Plädoyer für Sanktionen, denn die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist ein zahnloser Tiger, der zwar minimale Sozial- und Arbeitsnormen definierte, aber keine Möglichkeiten hat, deren Einhaltung durchzusetzen. Überstunden, die oftmals noch nicht einmal bezahlt werden, die Entlassung von Arbeitervertretern, das Verbot gewerkschaftlicher Organisationen in den Betrieben, sexuelle Belästigungen durch Vorarbeiter oder die Nichtauszahlung von Gehältern sind typische Probleme in den Weltmarktfabriken Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. So sind die Sportartikelhersteller Adidas und Puma mehrfach in Lateinamerika in die negativen Schlagzeilen geraten, ebenso wie Tchibo, Triumph oder Lidl in Asien.

Die gehören, wie nahezu alle großen Unternehmen der Branche, dem Europäischen Programm für Sozialstandards (BSCI) an. Dessen gemeinsames Ziel ist es, minimale Sozial-, Arbeits- und Umweltstandards in den weltweiten Zuliefererketten durchzusetzen. Auch Lidl ist Mitglied in der Vereinigung, die aus rund 500 Unternehmen besteht – darunter die Schwergewichte der Branche.

Sonderlich energisch gehen die Unternehmen dabei allerdings nicht vor, so die Verbraucherzentrale in ihrer Presseerklärung zur Klage. Die Mitgliedschaft verleihe den Unternehmen den Anschein fairer Arbeitsbedingungen in ihren Zulieferbetrieben, heißt es da. Bei den Kritikern wird das Programm hingegen oft als »Feigenblatt der Industrie« bezeichnet. Zu Recht, wie das Beispiel Lidl zeigt: Das Unternehmen weist regelmäßig auf die Mitgliedschaft hin, wie in der Klageschrift hervorgehoben wird. Die hat das Ziel, dem Konzern zu untersagen, weiter wie bisher zu werben. Ein aufsehenerregender Schritt, aber nicht mehr.

Für existenzsichernden Grundlohn

Auch Gisela Burckhardt weiß, dass Lidl seine Werbestrategie leicht ändern könnte. Deshalb engagiert sich die Kampagne für saubere Kleidung parallel in der in Asien gestarteten Initiative für einen existenzsichernden Grundlohn. »Dort liegt der staatlich fixierte Mindestlohn oft unter dem Existenzminimum – nicht nur in Bang-ladesch. Das ist ein Grund, weshalb die Frauen Überstunden machen wollen, denn sonst können sie kaum ihre Kinder ernähren«, erklärt Sandra Dusch das Dilemma. Der Asian Floor Wage (asiatischer Grundlohn) sorge für die Basis, um über weiterführende Arbeits- und Sozialstandards sprechen zu können. »Bisher haben die Arbeiterinnen doch kaum eine Chance, für ihre Rechte einzutreten – der Asian Floor Wage könnte daran etwas ändern.« Dann wären die Frauen nicht gezwungen, jede Überstunde zu akzeptieren.

Das BSCI unterstützt die Initiative jedoch nicht. Stattdessen plädiert die Vereinigung dafür, eher den Mindestlohn in Ländern wie Bangladesch anzuheben und die Lohnfrage an Runden Tischen vor Ort zu diskutieren.

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