Am Anfang war der Drache

Dialog der Kulturen in Bad Pyrmont

  • Jack Rodriguez
  • Lesedauer: 3 Min.
Was ist Kunst? Und was ist Kunsthandwerk? Obwohl gute Handwerker immer mit Blick auf die Ästhetik arbeiten müssen und Künstler auch handwerkliche Fertigkeiten beherrschen, gibt es zwischen beiden Berufsgruppen Berührungsängste. Das ist außerhalb Europas oftmals anders. Somit macht die Ausstellungsreihe »Dialog der Kulturen« im Landkreis Hameln-Pyrmont nicht nur auf unterschiedliche Formensprachen aufmerksam, sondern auch auf unterschiedliche Anschauungen über das Verhältnis von Kunst und Kultur. Jan Kollwitz (Jg. 1960) jedenfalls verschwendet keinen Gedanken daran, ob er nun Töpfer oder Bildhauer ist. Das muss der Urenkel von Käthe Kollwitz auch nicht. Denn sein Atelier im holsteinischen Dorf Cismar läuft hervorragend. Ihm bereitet es immer wieder Freude, wenn er von seinen Kunden hört, dass sie seine Becher zum Trinken benutzen. Und genau das ist die Kunst für ihn: Gefäße so herzustellen, dass sie formschön und praktisch zugleich sind. Dabei bedient er sich eines Formenkanons und der Anagama-Brenntechnik, die in Japan seit Jahrhunderten gepflegt werden und die er in Echizen (Japan) erlernte. Seine Aufgabe sieht Kollwitz darin, die tradierten Formen in höchster Vollendung umzusetzen. Damit steht er im Gegensatz zur westeuropäischen Auffassung, die geniale Einfälle und einen unverwechselbaren Stil höher bewerten, als die stringente Durchführung eines Gedankens. Somit ist Jan Kollwitz, dessen Gefäße im Museum im Schloss Pyrmont ausgestellt sind, ein Paradebeispiel für die Ambivalenz von Kunst und Kunsthandwerk. Die diplomierte Metallgestalterin Stephanie Winter (Jg. 1971) überführt künstlerische Gestaltung und spezielle Schmiedetechniken in funktionale Objekte wie Klangkugeln oder Schalen. Ebenso funktionsbezogen arbeitet Maria Kaluza (Jg. 1954), wenn sie Amulette schafft. Doch ihre aus edlen Metallen, Steinen und antiken Fundstücken zusammengesetzten Werke könnten ebenso eigenständige Objektkompositionen sein. Andersherum hat die Designerin Kathrin Herstelle (Jg. 1964) die japanische Lacktechnik aus der traditionellen Kunst auf ihren modernen Schmuck übertragen. Doch nicht nur im Bereich der angewandten Kunst entstand durch Berührung mit anderen Kulturen Neues, sondern auch in der bildenden Kunst. Der Grafiker Horst Jannsen (1929-1995) wurde durch den japanischen Holzschnitt eines Drachen zu einem Zyklus inspiriert, in dem er die ursprünglichen Formen immer wieder nachzeichnete und fortführte. Der in Hamburg aufgewachsene und in Kyoto (Japan) lehrende Professor Jörg Schmeisser (Jg. 1942) ritzt direkt vor Ort seine Radierungen in Druckplatten und geht nicht den Umweg über Abbildungen oder Skizzen. Dagegen zeigt der Indonesier FauZie AsAd (Jg. 1968), wie Europa asiatische Künstler beeinflusst. Er ist einer der wenigen Künstler, die Maler und Bildhauer in Personalunion sind. Und genauso verleugnen seine fließenden Formen der Marmorskulpturen nicht seine Herkunft, wie auch in dem Gemälde »Lebensornament in Rot« sich die traditionelle Freude am Zeichenhaften und Fabulieren mit einem aus der Moderne übernommenen monochromen Farbfeld die Waage halten. Allein acht zeitgenössische Künstler und zwei Galerien mit alter Kunst Zentral- und Südostasiens haben dem Schlossmuseum kostenlos Leihgaben zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug haben Besucher die Möglichkeit, nach der Ausstellung Werke von den Leihgebern zu erwerben. Insgesamt sind 16 Galerien, Vereine und Museen zwischen Hameln und Bad Pyrmont mit einzelnen Beiträgen beteiligt. Neben Antiquitäten aus Afrika und Asien kann man so 31 ausländische und deutsche Künstler kennen lernen, die sich intensiv mit anderen Kulturkreisen auseinander setzen. Die Idee zu dem Ausstellungsmarathon entstand schon Monate vor den Ereignissen seit dem 11. September, die einen politisch gewollten kriegerischen Kampf der christlichen und der islamischen Kultur heraufbeschworen. Dem setzt nun der niedersächsische Landkreis ein Plädoyer für einen kulturellen Dialog entgegen. Obwohl die jeweilige Herkunft der Schaffenden unverkennbar ist, bleibt ihre Sprache doch universell verständlich. Museum im Schloss Bad Pyrmont, Schlossstraße 13: Dialog der Kulturen. Bis 30. 6., außer 4.-7.6., Di-So 10-17 Uhr, Tel.: (05281) 949248. Auskünfte über weitere Ausstellungen und Veranstaltungen: (05151) 93210.
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