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Lohnverzicht oder Jobverlust

General Motors erpresst Beschäftigte in Straßburg – mit Erfolg

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Im GM-Werk in Straßburg stimmten die Arbeiter gravierenden sozialen Einschnitten zu, die die Unternehmensleitung ihnen im Gegenzug für eine Arbeitsplatzgarantie abverlangt.

Die Direktion von General Motors (GM) hat die Beschäftigen des Getriebewerks in Straßburg mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze erpresst und sie hat gewonnen. Mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter stimmten der Forderung zu, die Kosten um zehn Prozent zu senken, indem die Löhne mindestens bis 2013 eingefroren werden und die Beschäftigten auf Prämien und einen Teil ihrer freien Tage aus Überstunden verzichten. Davon hatte die General Motors Company, die die Nachfolge des insolventen GM-Konzerns angetreten hat und an der die US-Regierung zu 60 Prozent beteiligt ist, die erneute Übernahme des 2008 aufgegebenen Werks abhängig gemacht.

Das Straßburger Werk wird derzeit durch einen Treuhänder geleitet und ist auf Gedeih und Verderb von den Aufträgen durch GM abhängig. »Die Direktion der GM Company erwartet von den Arbeitern, dass sie Anstrengungen unternehmen, um den Unterschied der Kosten im Vergleich zum GM-Werk in Mexiko auszugleichen«, erklärte ein Konzernsprecher. Von den 979 eingeschriebenen Arbeitern beteiligten sich 97 Prozent an der Abstimmung. Dabei votierten 645 für den Vorschlag und 268 dagegen.

Die im Werk führende Gewerkschaft CFDT sowie die Gewerkschaften FO und CFTC hatten sich für die Annahme ausgesprochen, nur die CGT hatte zur Ablehnung aufgerufen. Das nächste Tauziehen wird es um den Kollektivvertrag geben, der die neuen Bedingungen festschreibt. Er muss bis Ende der Woche unterzeichnet werden und die GM-Direktion fordert, dass er von allen vier Gewerkschaften mitgetragen wird. »Die Beschäftigten haben sehr wohl verstanden, wovon die Zukunft ihrer Arbeitsplätze abhängt«, heißt es in einer Erklärung der Direktion. »Wir wollen nicht hoffen, dass jetzt noch einer der Belegschaftsvertreter die Verantwortung auf sich nimmt, die Zukunft des GM-Werks in Straßburg und der damit verbundenen Arbeitsplätze aufs Spiel zu setzen.«

Die CGT ist weiter nicht gewillt, den »sozialen Abstieg« zu akzeptieren. »Das Abstimmungsergebnis war keine Überraschung nach dem Druck und den Erpressungen seitens der Direktion«, erklärt Roland Robert, der CGT-Vertreter im Betriebsrat. »Wir lassen uns nicht mit Arbeitern vergleichen, die in Mexiko, China oder sonst wo ausgebeutet werden.« Die Auseinandersetzungen verlagern sich jetzt in den Betriebsrat. »Ich hoffe, dass es die CGT nicht darauf ankommen lässt und dass sie sich bewegt«, erklärt Jean-Marc Ruhland von der CFDT. »Wenn der Deal ihretwegen platzt, dürfte es heiß hergehen.«

Kritiker der durch GM durchgesetzten »Lösung« verweisen darauf, dass dies nicht der erste Versuch einer derartigen Erpressung ist. Das Ergebnis bei den Beispielen aus den vergangenen Jahren war sehr kontrastiert. Bei der französischen Filiale von Bosch konnte die geplante Verlagerung in die Tschechische Republik abgewendet und die 300 Arbeitsplätze in Frankreich gerettet werden. Bei Hewlett-Packard (HP) wurden durch Abstriche der Belegschaft an sozialen Errungenschaften nicht wie geplant 1200 Arbeitsplätze, sondern »nur« 800 abgebaut. Doch Marc Amiaud vom HP-Betriebsrat fühlt sich trotzdem »über den Tisch gezogen«. Vor drei Monaten hat die Direktion bekannt gegeben, dass bis Jahresende erneut 800 Stellen gestrichen werden sollen – diesmal gibt es kein Angebot, dies durch weitere Zugeständnisse aufzuhalten.

Beim Reifenhersteller Continental in Clairoux herrscht seit vier Monaten Friedhofsruhe auf dem Werkgelände. Dabei hatte die Direktion 2007 die Erhaltung des Werks zugesichert, wenn die Beschäftigten einer 40-Stunden-Arbeitswoche zustimmen, obwohl die gesetzliche Norm bei 35 Stunden liegt. Geholfen hat es nicht. Ende 2009 wurde die Schließung angekündigt, begründet mit der Krise und mangelnden Aufträgen. »Wir sind schlichtweg betrogen worden«, konstatiert Ex-Betriebsratsmitglied Antoine De Costa.

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