Grünes Licht für die Oper

»Barnes Dance« in den Sophiensaelen inszeniert Verkehrsströme als Musiktheater

Es gibt tatsächlich solch eine Kreuzung in Berlin. Friedrichstraße, Ecke Rudi-Dutschke-Straße. Von allen vier Ecken kommen die Fußgänger. Ihre Wege kreuzen sich auf der Straße, wenn die Ampeln ihnen Grün signalisieren. Entwickelt wurde dieses Prinzip der Verkehrsregelung in den 30er Jahren vom Amerikaner Henry Barnes, der sich in den USA mit den damals schnell zunehmenden Verkehrsströmen befasste.

Mit »Barnes-Dance« holt Nicolas Bussmann in den Sophiensaelen, die nach wie vor Experimentellem grünes Licht geben, die Kreuzungssituation auf die Bühne.

Für seine Inszenierung mit vier Schlagzeugern und sieben Sängern ist das »Spielfeld« quadratisch einrichtet. Der Boden ist entsprechend markiert. Ein großer, sich jeweils verfärbender Ballon symbolisiert die Ampel. Die Zuschauer, an allen vier Seiten sitzend, können gleichermaßen gut die Szenerie überblicken.

Bussmann hat es in der Regie so eingerichtet, dass in seiner Komposition nicht nur seine »Passanten«, sondern auch die Musiker für ihren Einsatz auf Lichtsignal reagieren. Martin Brandlmeyr, Tony Buck, Brendan Dougherty und Hanno Leichtmann zaubern geradezu mit ihren Instrumenten und machen eindrucksvoll das Stadtgeräusch lebendig. Es rumpelt, ächzt, donnert, kracht und quietscht. An der Kreuzung ist es laut. Nur nachts, wenn es so aussieht, als wenn die Stadt solch eine Kreuzung gar nicht braucht, da verstummen die Schlagzeuger fast. Eine überzeugende Nachtszene. Plötzlich sind Stimmen zu hören, die bei Tage im Verkehrsgeräusch chancenlos sind.

Die sieben Sänger, ebenso international besetzt wie die Musiker, sind in dieser modernen Straßenoper »bei Tage« unterwegs. Berlin ist das Gezeigte aber wohl nicht – alle gehen erst bei Grün. Immer wieder überqueren sie die Bühne im gleichen Ritual. Zumeist beachten sie sich nicht. Manchmal stoßen sie fast aneinander in der Mitte der Kreuzung. Einige führen Selbstgespräche, es gibt Dialoge, auch Annäherungsversuche. Ansonsten hat jeder in diesem Stück mit sich zu tun.

Eine von Ampeln geregelte Kreuzung ist eben ein Ort, an dem man aneinander vorbei geht. Hier verabredet man sich nicht. Man will das unsichere Gebiet so schnell wie möglich wieder verlassen. Es gibt zwei Szenen, in denen für einen Passanten die Zeit stehen zu bleiben scheint. Ihm sind Orangen aus der Tüte gefallen, die sich – imposanter Zufall – in ihrer eigenen Ordnung auf der Kreuzung anordnen. Bussmann zeigt, wie viel es dem Mann bedeutet, ob man ihm in dieser Situation hilft oder auch nicht. Auch gibt es Momente, in denen die Straße für den Verkehr gesperrt zu sein scheint. Da begegnen sich die Leute. Das Wort des anderen fortführend, lassen sich die Sänger dann aufeinander ein.

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Der Regisseur hat sich vor allem auf das Gefühl der Stadt eingelassen, in der alle Menschen einander fremd, doch gleichsam offen für Fremdes sind.
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Es entsteht der Eindruck, dass die Zuschauer von »Barnes Dance« mehr von den Sängern hören und mehr Menschliches, Personen charakterisierendes sehen und hören wollen. Bussmanns Passanten aber wirken zeitweise wie ferngesteuert. Es heißt von dem Komponisten, dass die Repräsentation von Gefühlen in der Musik für ihn ein immer wiederkehrendes Thema sei. Hier hat er sich mehr auf das Gefühl der Stadt eingelassen, in der alle Menschen einander fremd, doch gleichsam offen für Fremdes sind. Sind sie es vielleicht auch nur, weil sie es kaum wahrnehmen?

So stimmt die Szenerie und auch wieder nicht. Denn es gibt so viele kleine alltägliche Begegnungen, die eigentlich noch gar keine sind, die das Leben in der Stadt durch den einen kurzen Blick oder das eine winzige Lächeln, durch ein Ärgernis oder situationsbedingten Humor charakterisieren und dem Alltag auf diese Weise unterwegs seine Farbe geben. Sogar an einer Kreuzung. Dieses Menschliche ist in der Inszenierung nur vage angedeutet, zu schwach erkennbar

Bis 19.9., 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstraße 18, Mitte, Tel.: 27 89 00 30, Informationen unter www.sophiensaele.com

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