Versöhnung im Hause Bettencourt

Frankreich: Nur noch Exminister Woerth hat nach Parteispendenaffäre mit Justiz zu tun

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Ob Weihnachten, das Fest der Harmonie, bei der Versöhnung von Mutter und Tochter Bettencourt eine Rolle gespielt hat, ist nicht bekannt. Liliane Bettencourt, die milliardenschwere Erbin des Kosmetikkonzerns L’Oréal, und ihre Tochter Françoise Bettencourt-Meyers haben dieser Tage bekannt gegeben, dass sie alle Anzeigen und Klagen, die sie gegeneinander eingereicht hatten, zurückziehen.

Die Tochter wollte ihre 87-jährige, leicht verwirrte Mutter entmündigen lassen, weil der Verdacht bestand, dass sie durch Personen ihrer Umgebung manipuliert, ausgenutzt und ausgeplündert wurde. Vor allem richtete sich der Vorwurf gegen den Fotografen, Maler und Schriftsteller François-Marie Banier, einen Freund der Familie, der von der hochbetagten Witwe mit Bargeld, Kunstwerken, Lebensversicherungen und einer Seychellen-Insel im Wert von insgesamt mehr als 900 Millionen Euro bedacht worden war.

Der Manipulation und persönlichen Bereicherung verdächtig war auch der Chef der Vermögensverwaltungsfirma Téthy, Patrice de Maistre. Der stand im engen Kontakt mit dem seinerzeitigen Schatzmeister der Regierungspartei UMP Eric Woerth, für den er offenbar illegale Spenden der Familie Bettencourt zugunsten der Parteikasse organisierte. Mit Hilfe de Maistres brachte Woerth seine eigene Frau als hoch bezahlte Mitarbeiterin bei der Firma Téthy unter, zum Dank setzte sich der Minister für die Auszeichnung des Vermögensverwalters mit dem Orden der Ehrenlegion ein. Da Patrice de Maistre auch Auslandskonten der Familie Bettencourt verwaltete, die dem Fiskus gegenüber nicht deklariert worden waren, wurde er zudem der Beihilfe zur Steuerhinterziehung verdächtigt. Die Verstrickungen von Minister Woerth machten den Familienstreit zum politischen Skandal.

Was wie eine Kopie der US-Fernsehserie »Dallas« begonnen hatte, erschütterte die französische Politlandschaft bis hin zum Elysée. Da Woerth inzwischen als Arbeitsminister eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der umstrittenen Rentenreform spielte, hielt Präsident Nicolas Sarkozy trotz aller Schuldbeweise monatelang an seinem Minister fest. Erst als das Reformgesetz verabschiedet und die Streikwelle abgeflaut war, schob er Woerth geräuschlos ins Abseits.

Zu den Verlierern der Versöhnung von Mutter und Tochter Bettencourt gehören neben Woerth auch Banier und de Maistre, die Hausverbot bei der L’Oréal-Erbin bekommen haben. Im Gegenzug zu der Verpflichtung, seine Verleumdungsklage gegen Françoise Bettencourt-Meyers zurückzuziehen, darf der Fotograf zwar Geld und Kunstwerke behalten, aber die Lebensversicherungen werden gekündigt und aus dem Testament der Mutter wurde er auch getilgt. Dadurch verringert sich die Summe der Schenkungen an ihn von reichlich 900 auf »nur« 300 Millionen Euro.

Patrice de Maistre wird an der Spitze der Vermögensverwaltungsfirma Téthy durch Jean-Pierre Meyers, den Ehemann von Françoise Bettencourt-Meyers, ersetzt. Dieser Deal war in den vergangenen drei Monaten durch die Anwälte der Beteiligten ausgehandelt worden. Präsident Sarkozy und die Regierung waren an einem solchen Kompromiss interessiert und dürften diesbezügliche Hilfe und Druck ausgeübt haben, denn es ging um die Zukunft eines der größten und bekanntesten Konzerne Frankreichs. Wäre durch den Konflikt die Aktienmehrheit der Familie Bettencourt aufgesplittert worden, hätte der Schweizer Nestlé-Konzern, bisher Minderheitsaktionär, eine Schlüsselrolle und die Chance bekommen, L’Oréal handstreichartig zu übernehmen. Das zu verhindern, war Präsident Nicolas Sarkozys dringender Wunsch.

Das war ihm letztlich auch das Bauernopfer Woerth wert. Gegen diesen laufen die Ermittlungen der Justiz wegen illegaler Parteienfinanzierung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung weiter. Möglicherweise wartet auf ihn ein Prozess vor dem Staatsgerichtshof, einem Sondertribunal, das über Straftaten urteilt, die Minister in Ausübung ihres Amtes verübt haben. Doch bis dahin dürfte noch einige Zeit vergehen.

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