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Geistige Nahrung auf Rädern

Per Fahrrad wirbt der Musiker Heinz Ratz um mehr Gastfreundschaft für Flüchtlinge

  • Von Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 6 Min.
Der Liedermacher Heinz Ratz ist auf Tour: im Winter, per Rad. Er spielt in 70 Städten – und besucht noch mehr Flüchtlingslager. Ziel seiner langen Reise ist mehr Gastfreundschaft für Neuankömmlinge in diesem Land.
Draußen vor dem Tor: Das Schlimmste für Flüchtlinge sei ihre Isolation, sagt Musiker Heinz Ratz (o.). Auf seiner Tour, die bis April dauert, unterstützen ihn Menschen wie »Quartiermacherin« Gesche Glück (m.) und Ali Moradi (u.) vom Sächsischen Flüchtlingsrat.
Draußen vor dem Tor: Das Schlimmste für Flüchtlinge sei ihre Isolation, sagt Musiker Heinz Ratz (o.). Auf seiner Tour, die bis April dauert, unterstützen ihn Menschen wie »Quartiermacherin« Gesche Glück (m.) und Ali Moradi (u.) vom Sächsischen Flüchtlingsrat.

Pläne sind dazu da, im Zweifelsfall verworfen zu werden. An diesem Tag sollte Heinz Ratz durchs Erzgebirge fahren: Hügel rauf, Hügel runter, 85 anstrengende Kilometer per Fahrrad von Chemnitz nach Dresden. Doch während draußen Graupelschauer niedergehen, sitzt Ratz in der ehemaligen Kaserne in Döbeln, die heute ein Flüchtlingsheim beherbergt, und hört eine dieser tristen Lebensgeschichten, die ihn seit Tagen begleiten. Der hagere Mann gegenüber ist aus dem Kaukasus geflohen, genauer: vor dem Krieg im Kaukasus. Der Agraringenieur kam mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland, um Sicherheit zu finden.

Geistige Nahrung auf Rädern

Er fand stattdessen eine »Wohneinheit« im Heim. 25 Quadratmeter, die sie zwar wohnlich herzurichten versuchen, die aber doch ein karges Notquartier bleiben. An den Wänden sind Pokale aufgereiht, die der Sohn als Boxer für den örtlichen Sportverein errang; daneben hängen Fotos der Tochter, die am Gymnasium ausgezeichnet wurde. Die Eltern sitzen derweil und warten: darauf, dass ihr Zufluchtsland es auch ihnen erlaubt, zu arbeiten. Das nötige Papier kommt nicht – seit acht Jahren. Auch Besuch sei selten, sagt der Mann. Als er erfährt, dass Ratz Musiker ist, blüht er auf: Er spiele selbst ein Instrument. Ratz holt eine CD. »Zuhören und mit den Leuten sprechen ist wichtiger als Radfahren«, sagt er. Dann schwingt er sich, viel später als geplant, doch noch auf sein Fahrrad. Eine Stunde hat er noch, dann warten die Techniker für das nächste Konzert.

Geistige Nahrung auf Rädern

Die Tour, zu der Ratz am 6. Januar in München aufbrach, ist ein Marathon. In 70 Städten wollen der 42-jährige Liedermacher und seine Band »Strom & Wasser« bis Anfang April spielen. Das allein würde zehren. Ratz aber hat sich mehr vorgenommen: Er will die Strecke per Fahrrad bewältigen. Ein Kraftakt: Über 5000 Kilometer stünden am Ende auf dem Tacho.

Die Schinderei im Sattel ist kein Selbstzweck: Sie soll – daraus macht Ratz kein Hehl – Aufsehen erregen. Allerdings geht es weniger um den Verkauf von CDs und Tickets als vielmehr um Politik. Der Musiker, der in seinen Konzerten die zerstörerische Wirkung des Kaufrauschs anprangert, das teuflische Grinsen von Dieter Bohlen geißelt und sich erregt, wie Wohlstandsbürger über Armut klagen können, ist entsetzt über den Zustand der Welt, die als Ort voller Kriege und Umweltsünden in die Nachrichten schwappt. Ignorieren will er die Botschaften nicht mehr; sie erscheinen ihm, schreibt Ratz, ebenso als Vorboten einer Katastrophe wie Signale, die ihm sein Körper einst sandte, als der Krebs kam: »Dass ich damals auf die Ahnungen hörte, rettete mein Leben.« Also will er auch die Vorboten der gesellschaftlichen Desaster nicht mehr ignorieren. Er wolle, sagt er, »versuchen, eine Revolution zu starten in diesem Land«.

Dass das Land auf derlei Erweckung nicht gewartet hat, weiß Ratz. Vor drei Jahren machte er auf die Probleme Obdachloser aufmerksam, indem er 960 Kilometer rannte: »Ich dachte, wir laufen zu sechst los, und wenn wir ankommen, sind wir Tausende.« Sie seien immer noch sechs gewesen. »Die Revolution«, sagt er sarkastisch, »blieb aus«, auch, als er ein Jahr später in Flüsse stieg, um schwimmend auf deren schlechten Zustand aufmerksam zu machen. Nun läuft der dritte Teil des Projekts, das der Musiker einen »moralischen Triathlon« nennt. Diesmal geht es um die Situation von Migranten, die vor Kriegen und Armut nach Deutschland fliehen – um danach oft jahrelang in schäbigen Unterkünften ausharren zu müssen, ohne Arbeit, Perspektive und jenes Papier, das ihnen das Bleiben erlaubte. Die Revolution dürfte auch diesmal ausbleiben – obwohl er ein Rad Marke »Utopia« fährt. Immerhin: Just am Tag, als Ratz nach Sachsen kommt, lockert der Freistaat die Residenzpflicht, die es Flüchtlingen zuvor verbot, die Grenzen eines Landkreises ohne Genehmigung zu passieren.

Es ist ein Lichtblick auf einer Tour, die, vorsichtig formuliert, ein ehrgeiziges Vorhaben ist: Tausende Kilometer per Rad sind kein Pappenstiel – erst recht im Winter. Zwar schreibt der Musiker, auch ein Flüchtling könne sich ja »nicht aussuchen, wie das Wetter sein wird«. Doch vereiste Wege lassen selbst seine Spike-bewehrten Reifen rutschen. Zudem fand sich Ratz in einem Dilemma: Das Radfahren raubt Zeit, die bei Besuchen in den Heimen fehlt. »Manches lernt man erst, wenn man auf dem Weg ist«, sagt er. Seine Lehre: Weniger radeln, mehr reden.

Was er tagsüber hört, berichtet er abends den Besuchern der Konzerte. Er erzählt von fünf Männern, die seit Jahren zusammen im Zimmer eines bayrischen Heims leben müssen – auf zehn Quadratmetern. Er berichtet von der Verpflegung in einem Heim, wo man jeden Tag wählen kann: »zwischen Hühnchen mit Reis und mit Kartoffeln.« Er schildert die »Magazinverpflegung«, bei der Flüchtlingen Lebensmittel und Hygieneartikel zugeteilt werden – mit der Folge, »dass jeder das gleiche Deo hat«. Das Schlimmste, sagt Ratz, sei die Isolation: Die Migranten leben oft weit entfernt von Städten, ohne Kontakt zur Bevölkerung. Derlei Ausgrenzung müsse überwunden werden: »Wir wollen diesen Menschen geistige Nahrung bringen.«

Die Besucher der Konzerte honorieren dieses Anliegen: Sie berappen reichlich Spenden, die wie die Eintrittsgelder der Tour in die Arbeit mit Flüchtlingen gesteckt werden. Musiker könnten in Heime gehen, dort lebenden Kindern Musikunterricht ermöglicht werden, der bei zehn Euro Taschengeld pro Woche nicht zu finanzieren ist, sagt Ratz. Initiativen wie der Sächsische Flüchtlingsrat sind angetan. »Ratz erklärt in einfachen und klaren Worten, worüber wir seit Jahren reden«, sagt dessen Chef Ali Moradi, der zudem erfreut registriert, dass auch Journalisten bei der Gelegenheit über Flüchtlinge schreiben – die manche allerdings leider »Asylanten« nennen.

Im Grunde ist Ratz' Anliegen auf einen einfachen Nenner zu bringen. Er möchte erleben, was er als Kind erfahren hat und bei dieser Tour wieder genießt: Gastfreundschaft. In den 70er Jahren gerieten er und seine Eltern in die Wirren des Nahost-Kriegs und anschließend von Konflikten in Peru, denen sie nur dank der uneigennützigen Hilfe von Bekannten entkamen – eine Erfahrung, die ihn heute die Schicksale von Flüchtlingen besser verstehen lässt. Die Tour wiederum wäre nicht zu absolvieren, wenn es nicht Menschen gäbe, die sich unterwegs um Quartier, Verpflegung und praktische Dinge des Lebens kümmern, wie die Studentin Gesche Glück, die in Chemnitz für die Musiker gekocht, Zimmer in ihrer und einer Nachbarwohnung freigeräumt und »schon Tage vor dem Konzert Bettwäsche gewaschen« hat. Ratz sagt, man müsse Flüchtlinge »so empfangen, wie auch wir uns den Empfang in einem fremden Land wünschen würden«. Enge, Arbeitsverbot und Abschottung gehören nicht dazu.

Ratz will seinen Teil beitragen und weiter »geistige Nahrung« in die Heime bringen. Falls er dabei am Ende nicht 5000 Kilometer im Sattel zurückgelegt haben sollte, schmälert das sein Anliegen wohl kaum. Der Umstand, dass er den Ritt per Rad in Angriff nimmt, öffnet sogar verschlossene Türen. Er dürfe, erfährt Ratz, ein Heim im Norden besuchen, das sonst nie Gäste einlasse. Der Leiter, heißt es, sei passionierter Radler.

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