Werbung

Nichts weniger als Gott

»An experiment with an air pump« im English Theatre fragt nach Grenzen für die Wissenschaft

Zwischen Anmaßung und Gewissensbissen: Wissenschaftler
Zwischen Anmaßung und Gewissensbissen: Wissenschaftler

Wie viel Moral braucht die Wissenschaft? Beantworten kann und will das Stück »An experiment with an air pump« im English Theatre Berlin (ETB) diese Frage nicht. Vielmehr lässt der Wissenschaftskrimi der englischen Dramatikerin Shelagh Stephenson den Zuschauer frei entscheiden, indem er auf zwei Zeitebenen die Frage nach ethischen Grenzen in der Forschung zur Diskussion stellt – zwar recht umfänglich, doch atmosphärisch stark und durchaus spannend.

Dramaturgisch geschickt verknüpft Stephenson die Geschichte des aufgeklärten Wissenschaftlers Fenwick und seiner Familie in der Umwälzungszeit 1799 mit der des Ehepaars Tom und Ellen 1999. Als Schnittstelle dient das Haus im nordenglischen Newcastle, in dem Familie Fenwick lebt und das die Genetikerin Ellen 200 Jahre später geerbt hat – und in dem sich beider Geschichten schließlich überlagern, als Handwerker im Keller die Überreste einer jungen Frau finden.

Seinen Titel hat das zweite Stück der Reihe »Science & Theatre«, einer Kooperation von ETB und FU Berlin, von dem stimmungsvollen Gemälde »Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe« entliehen, das der englische Maler Joseph Wright of Derby um 1768 schuf. Es zeigt eine kleine Gesellschaft im Kerzenlicht, die gebannt auf einen Vogel in der Glaskugel einer Vakuumpumpe starrt. Das Bild habe sie so fasziniert, dass sie schon als Kind beschloss, »nichts weniger sein zu wollen als Gott«, erklärt die weibliche Hauptdarstellerin Julie Trappett, während sie über die Bürouniform der Gegenwart – weiße Bluse, schwarzer Rock, Pumps – ein rauschendes mattgrünes Kleid mit Reifrock und tiefem Ausschnitt zieht. Per Kostüm verwandelt sich so die zweifelnde Genforscherin Ellen in Fenwicks kühl-ironische Ehefrau Susannah.

Während draußen der hungrige Mob tobt, liebt es der Hobby-Wissenschaftler, Familie und Gäste mit Experimenten zu beeindrucken und über den Zusammenhang von Forschung, Fortschritt und Demokratie zu debattieren. Sein Adlatus Armstrong, versessen auf Leichen-Sektionen, versucht derweil, Magd Isobel zu verführen – nicht aus Liebe, wie sie glaubt, sondern weil er ihren buckeligen Rücken untersuchen will. Sein kalter Wissensdrang führt zur Tragödie.

200 Jahre später, am Silvesterabend 1999, wird das Haus erneut Schauplatz von Querelen: Genetikerin Ellen, eine Koryphäe auf dem Gebiet pränataler Diagnostik, ringt mit ihrem Gewissen: Soll sie das Jobangebot einer Biotech-Firma annehmen und ihre Forschungsergebnisse in bare Münze umsetzen, oder verkauft sie damit ihren Glauben? Und sind die Bedenken ihres Mannes Tom ehrlich, oder ist der arbeitslose Dozent einfach nur frustriert?

Jede Menge Fallstricke moralischer und menschlicher Natur sind in diesem Stück zu einem spinnennetzartigen Konglomerat geknüpft, in dem sich die Protagonisten mehr und mehr verheddern. Neben der Frage, wie viel Ethik die Forschung braucht und verträgt, stehen Religiosität und Aberglauben, die Rolle der Frau und der Zusammenhang zwischen Physik und Politik auf dem Prüfstand.

Trotzdem ist die Inszenierung in der Regie von Günther Grosser nicht zur trockenen Abhandlung geraten, sondern fesselt als Mix aus Sozialdrama, Wissenschaftskrimi und Gesellschaftsstudie. Trockener Witz paart sich mit genauer Beobachtungsgabe, die Darsteller agieren großartig unprätentiös bis in die letzte Nebenrolle. Geschickt gelöst ist das Bühnenbild von Tomas Fitzpatrick, das durch Beleuchtungstricks und mit einem in der Tür eingearbeiteten Schrank voller Forschungsrequisiten aus dem 18. Jahrhundert die Zeitsprünge bildlich macht.

Einziger Minuspunkt ist neben einigen Längen in dem Drei-Stunden-Stück die zumindest für Deutsche schwer verständliche Sprache, die voll altenglischer Ausdrücke und schottischem Dialekt steckt. Trotzdem wünscht man sich unbedingt eine Fortsetzung dieser »Science Plays« von English Theatre und Universtität.

Bis 11.2., 15.-19. und 22.-27.2., 20 Uhr, English Theatre, Fidicinstr. 40, Kreuzberg; Karten unter Tel. 030-691 12 11 oder per E-Mail: tickets@etberlin.de,

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung