Mördersuche nach Brandanschlag

Drei Tote und 17 Verletzte in Neuköllner Hinterhaus / Rettung mit Sprüngen aus dem Fenster

  • Von Stefan Engelbrecht, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Dramatische Szenen im Morgengrauen in Berlin-Neukölln: Flammen schlagen lichterloh aus den Fenstern eines Hinterhauses in der Sonnenallee, Hilferufe schallen über den Hof bis auf die viel befahrene Straße in Sichtweite des Hermannplatzes.

Kurz nach 6 Uhr am Samstagmorgen versucht ein 28-Jähriger Mann, sich schwer verletzt mit einem Sprung aus dem ersten Stock zu retten. Er stirbt kurz darauf in einem Krankenhaus. Die Feuerwehr bläst umgehend mehrere Luftkissen auf, so dass sich Bewohner mit Sprüngen aus den Fenstern in Sicherheit bringen können. Über aufgestellte Leitern klettern andere hinunter in den betonierten Hinterhof. In der Wohnung finden die Rettungskräfte bei den Löscharbeiten die Leichen einer 26-jährigen Frau und ihres erst zehn Tage alten Babys. Die schreckliche Bilanz: Mit Mutter und Kind sowie dem Bruder der Frau wurden drei Mitglieder der bosnischen Familie bei dem Wohnungsbrand in Neukölln getötet. 17 weitere Mieter des Hauses wurden verletzt, insgesamt 31 Personen mussten in Sicherheit gebracht werden. Auch Stunden nach dem Brand sitzen einige davon noch in einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe. Seelsorger und Ärzte kümmern sich um die unter Schock stehenden Menschen, die zum großen Teil türkische und bosnische Wurzeln haben.

Wie es nun mit ihnen weitergeht, ist noch unklar. Mindestens acht Personen mussten zunächst in Notunterkünften untergebracht werden, da ihr Zuhause unbewohnbar ist. Noch am Samstagmittag erhärtete sich bei den Behörden der Verdacht, dass das Feuer möglicherweise vorsätzlich gelegt wurde. Als Brandherd identifizierten die Ermittler einen im Treppenhaus abgestellten Kinderwagen. Es werde jetzt wegen Mordes und schwerer Brandstiftung ermittelt, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner am Sonntag. Zeitungen berichteten davon, dass auch ein Brandbeschleuniger eingesetzt wurde. Dies sei Gegenstand der Ermittlungen, sagte Steltner.

Diese Entwicklung war der Angestellten der Bäckerei im gleichen Häuserblock rund zwei Stunden nach dem Alarmruf noch nicht bekannt. Ihr ist der Schock immer noch anzusehen. Sie alarmierte gegen 6 Uhr die Feuerwehr. Es riecht noch nach Qualm in der Backstube. Die hinteren Räume führen direkt in den Hof. Noch immer steigt eine kleine Rauchwolke aus einem der eingeschlagenen Fenster im ersten Stock. Bis in die dritte Etage sind Brandspuren zu sehen. »Ich habe Rauch bemerkt und dann die Schreie der Frauen gehört«, erzählt die junge Frau. Daraufhin habe sie sofort zum Telefonhörer gegriffen. Nach etwa 20 Minuten seien die Einsatzkräfte vor Ort gewesen.

Der 28-jährige Emir Salcinovic wurde von seinem Bruder angerufen, der in dem Hinterhaus im ersten Stock wohnt. »Er war sehr aufgeregt und rief, dass überall Rauch ist und ich schnell kommen soll«, berichtete er. Die Wohnung des Bruders liegt direkt neben der besonders betroffenen Wohnung der Familie, die bei dem Brand getötet wurde. Er habe die drei nur flüchtig gekannt. Auch die Familie seines Bruders musste in ein Krankenhaus gebracht werden. Die Sonnenallee liegt mitten im Herzen des türkisch und arabisch geprägten Neukölln. Die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt.

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