Werbung

Jetzt wird beim Personal gegeizt

Media-Saturn kündigt Stellenabbau an und will die Preise weiter drücken

Sie stehen für Preiskampf und aggressive Werbung wie »Geiz ist geil«. Jetzt wird der Elektronikhändler Media-Saturn von seiner eigenen Firmenpolitik eingeholt. Eine neue Geschäftsstrategie soll die Rettung bringen.

Bis zu 3000 Stellen sollen bis Jahresende eingespart werden, Entlassungen soll es nicht geben. Das gab die Firmenzentrale in Ingolstadt in dieser Woche bekannt. 2100 Stellen werden in Frankreich wegfallen. Hier zieht sich Saturn aus dem Handel zurück. Die restlichen Stellen sollen nach Unternehmensangaben nicht wiederbesetzt werden. Tatsächlich sei ein Großteil der Stellen bereits gestrichen, sagt ver.di-Handelsexperte Hubert Thiermeyer vom Landesverband Bayern gegenüber ND. Die Gewerkschaft sieht sich überrascht von der neuen Ankündigung: »Es ist uns unklar, warum Media-Saturn jetzt mit dieser Meldung an die Öffentlichkeit geht«, sagt Thiermeyer.

Die Elektronikketten Media-Markt und Saturn, die zum Metro-Konzern gehören, »werden jetzt von den Geistern eingeholt, die sie selbst gerufen haben«, so der Gewerkschafter. Um weitere Preissenkungen in den Läden umsetzen zu können, will Media-Saturn eine halbe Milliarde Euro in den nächsten drei Jahren einsparen, gab die Geschäftsführung am Dienstag bekannt. Thiermeyer rechnet mit weiteren Stellenkürzungen.

Denn beide Unternehmen heizen mit ihrer neuen Verkaufsstrategie den Preiskampf und damit letztlich den Verdrängungswettkampf weiter an. Die neue Strategie setzt in erster Linie auf den Verkauf im Internet. Mit dem Start der deutschen Online-Shops von Saturn im Oktober 2011 und Media Markt im Januar 2012 sollen immer mehr Artikel in den Märkten der beiden Ketten zu den selben Preisen wie im Internet verkauft werden. Und sie sollen unter den Internet-Durchschnittspreisen angeboten werden. Damit drehen die Verkaufsketten selbst die Preisspirale weiter nach unten. Das werde zunächst die Lieferanten treffen, befürchtet ver.di. Doch auch Stellenkürzungen in den Filialen schließt die Gewerkschaft nicht aus. »Sie werden Opfer ihrer eigenen Strategie«, schlussfolgert Thiermeyer.

Nachdem es innerhalb des Unternehmens lange umstritten war, zukünftig auf den Internetmarkt zu setzen, dringt jetzt auch der Mutterkonzern Metro auf eine Neuausrichtung: »Kein Geschäftsmodell der Welt ist für die Ewigkeit«, sagte Metro-Finanzvorstand Olaf Koch zu den geplanten Veränderungen. Er räumte ein, dass die Elektroniktochter des Düsseldorfer Konzerns mit ihrer geplanten Online-Offensive spät dran sei. Zuvor hatte das Unternehmen erstmals rote Zahlen geschrieben. Im zweiten Quartal 2011 verbuchte Media-Saturn einen operative Verlust von 44 Millionen Euro. In der Vergleichszeit des Vorjahres war noch ein operativer Gewinn von 41 Millionen Euro verbucht worden.

Media-Saturn beschäftigt weltweit 68 000 Mitarbeiter, 27 000 davon in Deutschland. Seit Jahren versucht ver.di, die Beschäftigten in der Gründung von Betriebsräten zu unterstützen. In den rund 220 Filialen gibt es bei Saturn etwas 20 Betriebsräte, bei Media-Markt sind es nur drei. »Wir fordern die Beschäftigten in dieser Situation auf, ihre Rechte wahrzunehmen und Betriebsräte zu gründen«, erklärt Thiermeyer. Die Gewerkschaft hat immer wieder insbesondere bei Media-Markt eine Politik der Einschüchterung kritisiert, wenn in Filialen Betriebsräte gegründet werden sollten. Angesichts der aktuellen Situation sei es an der Zeit, sich zu organisieren.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung