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»Das sieht ja schlimm aus hier«

Lokaltermin in Heiligendamm, dem Austragungsort des turbulenten G8-Gipfels im Jahre 2007

Vor vier Jahren stand der kleine mecklenburgische Badeort Heiligendamm im Fokus der Weltöffentlichkeit. Die Mächtigen der Welt trafen sich im dortigen Grand Hotel zum G8-Gipfel. Streng abgeschirmt durch eine kilometerlange Sperranlage und tausende Polizisten. Welche Spuren hat dieses Großereignis in der »weißen Stadt am Meer« hinterlassen?
Wer kein Geld hat, muss eben draußen bleiben.
Wer kein Geld hat, muss eben draußen bleiben.

»Das sieht ja schlimm aus hier.« Entsetzt blickt ein Tourist auf die Reihe verfallener Villen an der Strandpromenade von Heiligendamm. Die heruntergekommenen Häuser – eigentlich bereits Ruinen – gehören zum Ensemble des »Grand Hotel Heiligendamm«. Also jenem Ort, an dem sich im Juni 2007 die damals mächtigsten Staatenlenker der Welt zum G8-Gipfel trafen. Auch zu jener Zeit schon rotteten die Villen der sogenannten Perlenkette in unmittelbarer Nähe zum Tagungsort vor sich hin. Der umtriebige Hotelbesitzer Anno August Jagdfeld ließ im Vorfeld des Treffens einfach die dem Veranstaltungsort am nächsten gelegene Villa abreißen. So konnte man das bröckelnde Elend vor den Augen der Weltöffentlichkeit einigermaßen verbergen. Nun wird die Villa wieder aufgebaut – originalgetreu. Schließlich steht die Perlenkette unter Denkmalschutz. Doch die roten Backsteine des Rohbaus passen so gar nicht zur »Weißen Stadt am Meer«, die Heiligendamm gern sein würde.

Das Trauerspiel um die insgesamt neun Villen der Perlenkette ist ein deutliches Indiz: Investor Anno August Jagdfeld hat sich überhoben. Sein im Jahre 1999 aufgelegter Fundus Fonds 34 sammelte Geld von etwa 2000 risikobereiten Anlegern für das Projekt Heiligendamm. Doch seit der Eröffnung im Jahre 2003 schreibt das Luxushotel rote Zahlen. Die Fondsanleger warten noch immer auf ihr Geld. Lediglich im Jahr des G8-Gipfels erzielte das Hotel ein ausgeglichenes Ergebnis. Sonst lag die Bettenauslastung meist unter 50 Prozent.

Wer heute durch Heiligendamm spaziert, kann sich kaum vorstellen, dass die Regierungschefs der mächtigsten Industrienationen hier zwischen Molli-Dampfbahn und Seebrücke die Probleme der Welt diskutierten. Nichts erinnert mehr an den Trubel, der hier vom 6. bis zum 8. Juni 2007 herrschte. Tausende Polizisten, die sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit Demonstranten lieferten. Das Hotel war mit einer zwölf Kilometer langen »Sperranlage« weiträumig gesichert worden: inklusive Stacheldraht, Bewegungsmelder und Kameras. Zudem gab es ein umfangreiches Demonstrationsverbot rund um den Gipfelort. Wer sich dem widersetzte, der wurde oft tagelang in große Gitterkäfige gesperrt. Trotzdem blockierten schließlich tausende Globalisierungskritiker die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm. Da halfen selbst die Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr nichts, mit denen man die Camps der Protestbewegung überwachte. Die Bilder von friedlichen Straßenblockaden überlagerten bald die hässlichen von den vorausgegangenen Ausschreitungen in Rostock, bei denen ein Auto brannte und mehrere hundert Menschen verletzt worden waren.

Die Kosten für dieses letztendlich sinnfreie, weil ergebnislose Stelldichein der Großen beliefen sich wohl auf mehr als 100 Millionen Euro. Ganz genau weiß das bis heute niemand.

Doch was blieb von diesem Großereignis in der Region? Immerhin erhoffte man sich damals einen Imagegewinn und zahlreiche neue Gäste für das strukturschwache Mecklenburg-Vorpommern.

Wer heute durch das kleine Heiligendamm läuft, wird durch nichts mehr an den Gipfel erinnert. Die Schmalspurbahn Molli dampft wie eh und je durch das Seebad, das eigentlich nur ein Vorort der Kreisstadt Bad Doberan ist.

Und das Hotel? Nach einem Rechtsstreit mit dem Namensinhaber firmiert das frühere Kempinski nun unter »Grand Hotel Heiligendamm«. Nirgendwo auf dem weitläufigen Gelände findet sich auch nur der kleinste Hinweis auf das G8-Spektakel. Den kurz geschnittenen Rasen vor dem Hauptgebäude ziert zwar ein großer Gedenkstein. Doch dieser erinnert nur an den mecklenburgischen Erzherzog Friedrich Franz I., der hier auf Anraten seines Leibarztes im Jahre 1793 »Deutschland's erstes Seebad« gründen ließ.

Spielt denn das Gipfeltreffen, das die Welt für drei Tage in Atem hielt, heute keine Rolle mehr? »Nein«, meint die Sprecherin des Hotels während eines Gesprächs in der geschmacklos teuer eingerichteten Lobby. »Der G8-Gipfel ist für unser Marketing nicht mehr relevant. Dabei dürften wir sogar das rechtlich geschützte Logo des G8-Treffens für unsere Werbung nutzen.« Aber das Hotel positioniere sich als »Wellness-Oase«, so die Sprecherin. Da passen Erinnerungen an den Trubel rund ums Gipfeltreffen nicht mehr ins Konzept.

Man bekommt das Gefühl, der Hotelleitung sei die Ausrichtung des Gipfels im Nachhinein peinlich. Sämtliche Erinnerungen an die acht Großen dieser Welt wurden getilgt. Devotionalien finden sich nirgendwo mehr: Weder die leeren Bierflaschen des George W. Bush noch die Zahnbürste von Nicolas Sarkozy.

Und hat das Hotel von der Ausrichtung des Gipfeltreffens profitiert? »Ab und zu haben wir noch Anfragen aus den USA. Dort wissen einige noch, dass wir das G8-Hotel waren«, so die Sprecherin. Allerdings dürften die Erinnerungen an Heiligendamm gerade in den USA nicht die Besten sein. Behauptete doch die Gattin des US-Präsidenten, Laura Bush, später, ihr Mann und etliche Mitglieder seiner Delegation seien in Heiligendamm vergiftet worden. Und der riesige Strandkorb, in dem sich die acht Staatslenker zusammen fotografieren ließen? »Der ist längst versteigert worden. Hier steht der jedenfalls nicht mehr«, betont die Sprecherin.

Was bleibt, sind die finanziellen Probleme des Grand Hotels. Daran konnte wohl auch der Gipfel nichts ändern. Zwar habe man im vergangenen Jahr einen Überschuss von etwa 800 000 Euro erwirtschaften können, beteuert die Hotelsprecherin. Allerdings sind das die ersten Überschüsse, die das Hotel bislang erwirtschaften konnte. Mehr als 200 Millionen Euro steckte Ernst August Jagdfeld in die »Weiße Stadt am Meer«. Dabei kam ein Großteil der Summe von privaten Anlegern und der öffentlichen Hand. Allein das finanzschwache Mecklenburg-Vorpommern bezuschusste dieses Refugium für Betuchte mit stolzen 50 Millionen Euro! Das Geld wurde schlecht angelegt. Rein rechnerisch steckte Jagdfeld eine Million Euro in jedes der 225 Zimmer. Als Kostentreiberin entpuppte sich Jagdfelds Frau, die für die Innenausstattung des Hotels zuständig war. Während Anna Maria Jagdfeld das Geld für teuren Tand verpulverte, verfielen vor dem Hotel die anfangs erwähnten Villen der Perlenkette. Trotzdem lassen es sich die Porschefahrer aus dem Münsterland in der selbst ernannten »Wellness-Oase« gut gehen. Während die einheimischen Servicekräfte zum Schnäppchenpreis schuften. Einen Betriebsrat für die etwa 300 Hotelangestellten gibt es nicht. Laut einer Erhebung des DGB arbeitet fast die Hälfte aller jungen Menschen Mecklenburg-Vorpommerns im Niedriglohnsektor, auch im Grand Hotel. Realkapitalistische Tristesse in der Nobelherberge.

Auf dem Weg zum Parkplatz dann doch ein Stück G8. Der Metallzaun, der das Hotelgelände weiträumig abschirmt, damit sich keine Einheimischen aufs Gelände verirren und die Kundschaft verschrecken, stammt offenbar von der Firma MZS. Jener Firma, die auch die Absperrungen für den Gipfel baute. Mit dem Zaun hat sich wohl auch der jahrelange Streit um das Wegerecht erledigt. Die Einheimischen müssen draußen bleiben.

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