Für Famatina ist Wasser mehr wert als Gold

Das argentinische Bergdorf wehrt sich gegen das Projekt einer gigantischen Mine

  • Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein kleines Dorf in der argentinischen Provinz La Rioja leistet Widerstand. Die knapp 5000 Bewohner von Famatina wehren sich gegen eine kanadische Bergbaufirma, die nach Gold, Silber und Kupfer suchen will. In den nächsten Tagen sollen die Erkundungsbohrungen beginnen.

Die Gebirgskette der Sierra de Famatina bietet mit ihren über 6000 Meter hohen Bergen einige der höchsten Andengipfel Argentiniens. Bergbau ist in der Sierra nicht neu. Schon in den vergangenen Jahrhunderten wurden hier Gold- und Silbererze gewonnen. Doch die Tage der Goldschürferromantik sind vorbei. La Riojas Provinzgouverneur Luis Beder Herrera hatte im August ein Abkommen zur Erkundung von Lagerstätten mit der kanadischen Osisko Mining Corporation unterschrieben. Seither droht den Bewohnern Famatinas ein riesiger Tagebau unmittelbar vor ihrer Haustür.

»Sie wollen alles herausholen: Gold, Kupfer, Silber und seltene Erden«, sagt Carolina Suffich, Anwohnerin und Aktivistin aus Famatina. »Unsere Berge werden gesprengt und wir, 20 Kilometer davon entfernt, werden unter den Konsequenzen leiden: Vergiftungen, Wassermangel und all die Krankheiten, die durch die umherschwirrenden Schwermetalle verursacht werden«, fürchtet sie. Auf einem Gebiet von 40 Quadratkilometern sollen knapp 280 Tonnen Gold lagern. Unter Einsatz von Millionen Litern Wasser soll das Gold aus dem zermalmten Berggestein herausgewaschen werden.

Doch nicht nur für die Menschen in Famatina ist Wasser mehr wert als Gold. Seit Jahren wächst in den wasserarmen Provinzen entlang der Anden das kritische Bewusstsein gegenüber der Edelmetallgewinnung. Es sind vor allem nordamerikanische und chinesische Betreiberfirmen, die die Erze in gigantischen Minen aus den Bergregionen holen. Der Aufwand lohnt sich nur, weil ganze Gebirgsteile herausgesprengt, zermahlen und die Metalle mit relativ billigen Verfahren herausgelöst werden. Beim Goldauswaschen wird Zyankali benutzt.

Dennoch hatte La Riojas Provinzgouverneur Luis Beder Herrera im vergangenen August grünes Licht gegeben und das Abkommen zur Erkundung des Berges Famatina unterschrieben. Die Beteiligten hoffen, dass aus dem Berg mindestens ebenso viel herauszuholen ist wie aus der Mine La Alumbrera in der Nachbarprovinz Catamarca, der bisher größten Gold- und Kupfermine in Argentinien. Dagegen befürchten die Menschen in Famatina genau die Konsequenzen, wie sie die Betroffenen von La Alumbrera erleiden. Die Mine verbraucht täglich über 100 Millionen Liter Wasser und sorgt durch Boden- und Wasserverschmutzungen mit Schwermetallen ständig für Schlagzeilen. In Famatina haben sich deshalb Nachbarn unter dem Motto »El Famatina NO se Toca« (Der Famatina wird nicht angerührt) gegen die drohenden Minenprojekte organisiert. Die erste Blockade hatten sie 2006 am Berg General Belgrano errichtet. Damals wehrten sie sich gegen die kanadische Bergbaufirma Barrick Gold Corporation. Tatsächlich mussten die Kanadier wenig später den Rückzug antreten. »Das war ein wahrlich heldenhafter Volksaufstand«, erinnert sich Carolina Suffich.

Vor gut zwei Wochen wurden nun Mitarbeiter von Osisko in der Umgebung von Famatina angetroffen. Das kanadische Unternehmen will, wie vorgesehen, noch im Januar mit seinen Aktivitäten beginnen. Seither blockieren die Dorfbewohner die einzige Schotterpiste zum Berg und fordern von der Provinzregierung die Rücknahme des Abkommens. Ihre Zelte haben die bis zu 400 Anwohner auf einer Privatfinca neben der Piste aufgeschlagen, nachdem gegen acht Dorfbewohner wegen »Behinderung des freien Verkehrs« angezeigt wurden.

Gouverneur Beder Herrera lehnt jedoch bisher ein Gespräch ab. Stattdessen verteidigt er das Projekt, das nach seinen Worten in den kommenden 30 Jahren rund acht Milliarden Dollar für die Provinz abwerfen soll. Die gewaltsame Räumung der Blockade hat er ausgeschlossen. Doch an seiner Glaubwürdigkeit wird gezweifelt. Denn vor Amtsantritt hatte sich Herrera noch als Minengegner ausgegeben, inzwischen gilt er als oberster Bergbaulobbyist.

Sollten Famatinas Bewohner das Vorhaben tatsächlich verhindern, würde Osisko gegenwärtig rund zehn Millionen Dollar verlieren. Die Provinz La Rioja müsste auf eine Zahlung von rund 500 000 Dollar verzichten, in dieser Branche sind das Peanuts. Viel schwieriger dürfte es sein, die Absprachen und Zuwendungen zu bereinigen, über die niemand genau Bescheid weiß.

Famatinas Bürgermeister Ismael Bordagaray ist jedenfalls schon umgeschwenkt. »Die Mehrheit des Dorfes sagt Nein«, weiß Bordagaray. Deshalb habe er sich auf ihre Seite geschlagen. »Die Leute haben sich selbst organisiert«, fügt er hinzu, »und ihre Entschlossenheit ist sehr groß.«

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