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»Dass die Jugend jetzt den Kanzler haut!«

Ulrich Sander über ohrfeigenverachtende Kommunisten, Klarsfeld und Kiesinger

Ulrich Sander ist Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN-BdA. Mit Beate Klarsfeld arbeitete der einstige Journalist bereits zusammen, bevor sie durch die Ohrfeige bekannt wurde, die sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU, davor: NSDAP) verabreichte. Mit Sander sprach für »nd« Thomas Blum.
Die Schallplatte zur Ohrfeige
Die Schallplatte zur Ohrfeige

nd: Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit Frau Klarsfeld?
Sander: Sie arbeitete in Paris beim Deutsch-Französischen Jugendwerk. In einer Zeitung war zu lesen, sie sei entlassen worden, weil sie den Bundeskanzler Kiesinger kritisiert hätte. In der französischen Zeitung »Combat« hatte sie in einem Artikel moniert, dass es jetzt einen Nazi gibt an der Spitze der Bundesrepublik Deutschland. Anfang 1967 war das. Ich habe ihr angeboten, mit ihr zusammenzuarbeiten, um ihr Anliegen noch mehr in den deutschen Medien zu platzieren.

Ulrich Sander
Ulrich Sander

Wie wurde das Engagement von Frau Klarsfeld damals von der bundesdeutschen Bevölkerung wahrgenommen?
Das wurde nicht besonders geachtet. Die Führung der DDR ist eingestiegen in das Thema, und die außerparlamentarische Bewegung (APO). Von dort wurde Klarsfelds Engagement zwar begrüßt. Ich erinnere mich an eine studentische Konferenz in Frankfurt, auf der sie ihre Ohrfeige ankündigte und fragte, ob man nicht mitmachen wolle bei so einer Aktion. Das fanden die meisten Studenten seinerzeit nicht gut, das fanden sie harmlos.

Warum?
Ihr Aufruf fand nicht die größte Unterstützung. Frauen führten nicht das ganz große Wort damals. Deshalb wurde sie auch nicht so ganz ernst genommen in diesen Kreisen. Doch sie hatte keine Scheu, sich auch mit Kommunisten zu treffen. Sie hatte das Prinzip: In einem Punkt gehen wir zusammen und in anderen Punkten eben nicht. Es war auch für einen Teil der Linken etwas kompliziert: Manche Kommunisten zum Beispiel - gerade wieder legal - haben gesagt, sie wollten nicht als gewalttätig erscheinen. Es gab Stimmen, die sagten, die Ohrfeige für Kiesinger, das sei Gewalt gegen Personen. Gewalt gegen Sachen sei zulässig, aber gegen Personen nicht. Dabei hat sie ihm doch nur eine geklebt, alles andere wäre nicht beachtet worden.

Wie kam es damals zu der Idee, eine kleine Schallplattenaufnahme zu machen, die die NS-Vergangenheit von Kiesinger dokumentiert und den Sinn der Ohrfeige erklärt?
Es gab das linke Schallplattenlabel »Pläne«, das Protest- und Ostermarsch-Lieder herausbrachte. Dokumentationen auf Schallplatten waren etwas ganz Neues: dass man politisch nicht mit einem Lied, sondern mit einer Rede eingreift. Ich habe das der Beate Klarsfeld vorgeschlagen, und die war auch Feuer und Flamme. Denn Sie müssen sehen: Es gab ja überhaupt kaum ein Medium für Antifaschismus. Es gab höchstens mal eine kleine Meldung in der Presse darüber, was sie macht. Aber größere Interviews überhaupt nicht. Wir haben auf der Platte an Klarsfelds Erklärung eine kleine Dokumentation gehängt. Da haben wir einen Schauspieler gehabt, der spricht Kiesinger-Texte. Damals hieß es, Kiesinger sei ein Mitläufer und kleiner Mitarbeiter gewesen. Und wir haben dokumentiert, was er alles so zu Papier gebracht hat.

Wie ist denn die Ohrfeige von der bundesdeutschen Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen worden?
Viele Bürger waren eigentlich schockiert über die APO, über das, was mit der Jugend los ist: dass die jetzt den Kanzler haut und auch sonst alle möglichen Sachen macht. Und über die sexuelle Revolution. Man hat überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, dass wir einen Kanzler haben, der ein Nazi war. Nach der Ohrfeige hat Klarsfeld gesagt: »Man kann leider in diesem Lande nur einen Skandal aufdecken, indem man einen Skandal anzettelt.« Und das stimmte ja auch. Die Aufregung über Nazis in hohen Ämtern war beschränkt auf einen kleinen Teil der Bevölkerung. In der Mehrheit hieß es: »Alle Länder haben doch ihre Verbrechen begangen«, »So ist der Krieg nun mal« usw. Das waren die Redensarten. Insofern löste Kiesinger nicht die allergrößte Unruhe aus. Das änderte sich dann schlagartig, im Wortsinne.

Das Tondokument im Internet unter: www.nd-aktuell.de/derfallk

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