Keine Verbesserungen in Sicht

Kolumbianische Gewerkschaften lehnen Freihandelsabkommen mit USA ab

  • Jeroen Kuiper, Bogotá
  • Lesedauer: 3 Min.
In Kolumbiens Hauptstadt Bogotá protestieren seit Monaten ehemalige Beschäftigte, die wegen Krankheit fristlos und ohne Versorgung entlassen wurden.

Schon seit neun Monaten ist er jetzt schon hier in seinem Zeltlager, gleich gegenüber dem Eingang der US-Botschaft in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Er, das ist Jorge Parra, Präsident der Gewerkschaft Asotrecol. Er ist ehemaliger Mitarbeiter der General-Motors-Fabrik in Bogota, wo er jahrelang Chevrolets für den kolumbianischen Markt zusammenbaute. Bis er und seine Kollegen krank wurden: Rückenprobleme, RSI (»Mausarm«) ... Dann war Schluss. Parra und 67 seiner Kollegen wurden fristlos entlassen. Sie bekamen keine Abfindung, keine ärztliche Unterstützung, nichts. Jetzt läuft der 38-jährige Familienvater mit einer Krücke herum und protestiert gegen die Vorgehensweise seines Ex-Arbeitgebers. Parra ist frustriert. »Es ist eine Schande, wie wir von General Motors behandelt wurden. Und das, obwohl GM 2008 nach der Krise im Automobilsektor von dem amerikanischen Staat übernommen wurde. Der Betrieb gehört also dem amerikanischen Volke.«

Parra und seine Kollegen haben es nicht leicht. Regen, Wind und Kälte in Kolumbiens Hauptstadt nagen an der Moral der Männer. Parra: »Wir sind 68 erkrankte Mitarbeiter, die unrechtmäßig entlassen wurden. Wir kämpfen für eine Abfindung, für Anerkennung, für Respekt. Mittlerweile wurde ein kolumbianischer Arbeitsinspektor, der mit GM zusammen gegen uns arbeitete, vom Dienst suspendiert. Aber ansonsten haben wir noch nicht viel Konkretes erreicht. Wir wurden sogar schon von einigen Marines der US-Botschaft bedroht. Unbekannte beschmierten unsere Autos. Unsere Häuser mussten wir verlassen, die Hypothek können wir nicht mehr zahlen.«

Für Parra ist es hart zu hören, dass US-Präsident Barack Obama Mitte April während des Amerikagipfels im kolumbianischen Cartagena verkündete, er könne das Freihandelsabkommen zwischen Kolumbien und den Vereinigten Staaten, das am 15. Mai in Kraft trat, nur unterschreiben, weil es im vergangenen Jahr »große Fortschritte« im Bereich der Menschenrechte in Kolumbien gegeben habe. Für Parra ist das fast wie eine Beleidigung. »Das Freihandelsabkommen ist für uns als erkrankte Mitarbeiter von General Motors eine Beleidigung, weil unseren Rechten als kolumbianischen Arbeitern ständig Gewalt angetan werden, nicht nur unsere Arbeitnehmerrechten, sondern auch unseren Menschenrechten.«

In der Tat ist von einer Verbesserung der Einhaltung der Menschenrechte in Kolumbien wenig zu spüren, was auch der wichtigste Grund für US-Gewerkschaften wie AFL-CIO war, sich gegen das Freihandelsabkommen auszusprechen. Kolumbien ist seit Jahren das weitaus gefährlichste Land weltweit für Gewerkschafter. Mindestens 2800 von ihnen wurden in den letzten fünfzehn Jahren ermordet. Auch 2011 wurden Dutzende Gewerkschafter umgebracht. Die Aufklärungsrate von Morden liegt in etwa bei zwei Prozent; in der Praxis gibt es also fast einen Freibrief zum Morden.

Auch Aidee Moreno, verantwortlich für Menschenrechte bei der Gewerkschaft FENSUAGRO (Landwirtschaft) in Bogotá, ist über den Freihandelsvertrag verbittert. »Viele Landwirtschaftsbereiche werden es mit dem Freihandelsabkommen schwerer haben; wie der Reis-, Mais- und Milchsektor, denn durch billigen Import aus den USA werden die Preise für unsere Landwirtschaftsprodukte sinken. Nur die internationalen Unternehmen und die Wirtschaftsbosse werden mit dem Abkommen gewinnen. Ansonsten werden wir immer mehr Arbeitsverträge auf Zeit und niedrigere Gehälter sehen. Es hat sich in Sachen Sicherheit für Gewerkschafter in letzter Zeit nichts verbessert. Vor allem auf dem Land verschlechtert sich die Sicherheitslage eher. Auch jetzt werden Gewerkschafter bedroht. Vor kurzem ist wieder einer von uns verschwunden.«

Moreno weiß nur allzu gut wovon sie redet. Seit 2002 wurden wegen der politischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten ihrer Familie zuerst ihr Ehemann, dann ihre Mutter und danach ein Bruder ermordet. Eine Nichte von ihr ist schon seit Jahren verschwunden. Selber verlässt sie nur unter Personenschutz ihr Büro. Moreno: »Von der Polizei habe ich wenig zu erwarten. Der Schutz wird von der kommunistischen Partei finanziert. Wie ich mit meiner Arbeit weitermachen kann? Ach, man gewöhnt sich daran. Ansonsten gibt es nur einen Weg vorwärts: weiter mit dem Kampf.«

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