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Herz und Intelligenz

Münster: Picasso und die Kommunisten

  • Von Alfons Huckebrink
  • Lesedauer: 4 Min.
Pablo Picasso: Lithografie (1962) zum Thema Abrüstung
Pablo Picasso: Lithografie (1962) zum Thema Abrüstung

Von deutschen Besatzern wird er - als Künstler bereits eine Berühmtheit - mit einem Ausstellungsverbot belegt. Wenige Tage nach der Befreiung von Paris tritt Pablo Picasso (1881-1973) der Kommunistischen Partei Frankreichs bei, der er bis zum Tode verbunden bleibt.

Warum wurde so einer Kommunist? Das mag sich mancher Besucher der ambitionierten Ausstellung »Picasso, die Kommunisten und das Theater« im Picasso-Museum zu Münster insgeheim fragen. Der Künstler selbst bezeichnet die Entscheidung als »logische Folge meines gesamten Lebens«. Er habe die Malerei nie als Zeitvertreib betrachtet, sondern wolle »mit der Zeichnung und den Farben zum Verständnis der Welt und der Menschen vordringen …«

Die Münsteraner Schau wartet auf mit 80 Zeichnungen, Grafiken, Fotos, dazu eine Serie von Handzeichnungen (1967) für das Buch »Picasso Theâtre« - Schätze des Musée d’art et d’histoire in Saint-Denis, heute ein vor allem durch das Stade de France bekannter Vorort von Paris. Im 20. Jahrhundert entwickelt sich der Ort zu einer Hochburg der Arbeiterbewegung und der Kommunisten. Picasso fühlt sich wie sein Dichterfreund Paul Éluard (1895-1952) dem Haus verbunden und schenkt ihm in den 50er und 60er Jahren zahlreiche Werke, die erstmalig in Deutschland zu bewundern sind. Darunter einige der bekannten Zeichnungen wie »Don Quichotte« (1955) oder »Der Friedenskreis« (1954). Motive, die heute auf Postkarten von Unicef oder der Éditions de l’Art et la Paix, denen er die Rechte überlässt, weit verbreitet sind. Farblithografien wie »Taube - Abrüstung« (1962) oder »Die Friedenstaube: Mann hinter Gittern« (1959), die Amnestie für die politischen Gefangenen des Franco-Regimes einfordert, haben als Poster die Wände vieler Studierzimmer geschmückt und strahlen immer noch diese mitreißende Energie aus. Auch »L'Humanité«, der er Werke wie den schelmisch blickenden »Weihnachtsmann« (1957) überlässt, profitiert vom Schaffen Picassos. Die Faksimiles ihrer Titelseiten werden in Münster zu einer beeindruckenden Wandansicht komponiert. Und das Motiv vom bekannten »Tuch für das Weltfestival der Jugend und Studenten für den Frieden in Ostberlin« (Farbdruck auf Baumwolle, 1951) wirkt erstaunlich aktuell.

Klar, er ist auch Aushängeschild, dessen Kunstverständnis sich an der Doktrin reibt. Picassos Porträt vom jungen Stalin etwa, 1953 kurz nach dessen Tod in »Les Lettres Françaises« veröffentlicht, löst in Frankreich und bei sowjetischen Kommunisten einen Entrüstungssturm aus, da es in nichts die Sehgewohnheiten des Personenkults bedient. Der Herausgeber Louis Aragon (1897-1982) muss sich verantworten und in der nächsten Ausgabe entschuldigen.

Lässt sich der politische Picasso von einem unpolitischen absondern? Ist es von Bedeutung, ob etwa die »Friedenstaube« von einem Mitglied der KP gezeichnet wurde? Irgendwann wird man wehmütig berührt von der Retrospektive auf jenen historischen Augenblick, als Kommunisten, geadelt mit dem Blut der Widerstandskämpfer, die Hoffnungen der befreiten Völker auf Frieden und ein besseres Leben artikulieren, als kommunistische Künstler an der Ikonographie der Menschheitsträume schaffen. Die innige Freundschaft zu Éluard stellt einen weiteren Schwerpunkt und die Keramikvase (1950), die er dem Freund anlässlich der Hochzeit mit Dominique - Picasso war Trauzeuge - schenkte, ein Glanzstück der Ausstellung dar. Der Dichter feiert in L’Humanité Picassos Schritt: »Ich habe mich von der Herzensgüte und der Intelligenz Picassos überzeugen können, der dem französischen Volk dankte, indem er der Größten seiner Parteien beitrat, nämlich derjenigen der Füsilierten.« Die Wochen später bei den ersten Wahlen zur Nationalversammlung mit 26,12 Prozent zur stärksten Partei wird.

Picasso und seine Partei(nahme): eine museale Beziehung? Die Zeiten änderten sich gründlich, reizen aber zur Frage: Welche linke sozialistische Kraft besäße heutzutage eine derartige Ausstrahlung, dass sich Künstler und Intellektuelle vom Range eines Picasso, Éluard oder Aragon von ihr angezogen fühlten?

»Ich leite ein Theater in Ost-Berlin, das Berliner Ensemble …« Den sorgfältig gestalteten Katalog beschließt ein anrührender Brief Bert Brechts, November 1953, in dem er Picasso um die Erlaubnis nachsucht, das Motiv der Friedenstaube zu Werbezwecken, »besonders auch an der Universität West-Berlins«, verwenden zu dürfen, und gesteht, »dass wir Ihre Taube seit Gründung des Theaters als Vorhangzeichen benutzen«. Eine Antwort des »lieben Genossen« ist nicht vermerkt.

Picasso, die Kommunisten und das Theater. Picasso-Museum Münster. Bis 18. 8., Di-So 10-18 Uhr.

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