Werbung

Mathematiker im Dienste Gottes

nd STECKBRIEF - Einer war's (176)

Der Sohn eines Steuerjuristen fiel schon als Kind durch seine außergewöhnliche Begabung auf. Als er drei Jahre alt war, starb seine Mutter, und der Vater übernahm die Erziehung seines einzigen Sohnes selbst. Da dieser sich zunächst nicht mit Mathematik beschäftigen sollte, verbarg man vor ihm alle Bücher mathematischen Inhalts. Doch damit wurde die Neugier des Zwölfjährigen erst recht geweckt, der ohne Buch und die Hilfe eines Lehrers zahlreiche Sätze der euklidischen Geometrie selbstständig entdeckte.

Der Vater sorgte nun dafür, dass sein Sohn in Kontakt mit bekannten Gelehrten und deren Ideen kam, um daraus neue Geisteskraft zu schöpfen. Die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Bereits mit 16 verfasste der von uns Gesuchte eine Arbeit über Kegelschnitte, die sogar Mathematiker in Erstaunen versetzte. Drei Jahre später erfand er eine Rechenmaschine, um seinen Vater, der inzwischen Steuereintreiber geworden war, bei der Arbeit zu unterstützen. Als 24-Jähriger begann er mit einer Reihe von Untersuchungen zum atmosphärischen Luftdruck, der, wie er feststellte, mit der Höhe abnahm. Außerdem gelang ihm der Nachweis, dass man in der Natur ein Vakuum erzeugen konnte. Namhafte Philosophen hatten dies zuvor bestritten.

An religiösen Dingen war er bis dahin wenig interessiert. Das änderte sich, als er und seine jüngere Schwester die Lehren eines Bischofs kennenlernten, die auf eine Reform der katholischen Kirche zielten. Doch erst nach einem schweren Unfall mit einer Pferdekutsche hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis und gewann die Überzeugung, dass die wahre Aufgabe des Geistes darin bestehe, Gott zu dienen. Der Zettel, auf dem er seine neu gewonnenen Einsichten festhielt, war ihm so wichtig, dass er ihn in das Futter seines Mantels nähte und zeitlebens bei sich trug.

Später ging er, wie zuvor schon seine jüngere Schwester, in ein Kloster, um so seine Frömmigkeit zu demonstrieren. Abgeschieden von der Welt entwarf er ein gewaltiges philosophisches Gedankengebäude und brachte es mit großer sprachlicher Eleganz zu Papier. Viele seiner weitsichtigen Äußerungen, die teilweise erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden, findet man bis heute in Zitatensammlungen. Zum Beispiel: »Der Mensch ist weder Engel noch Tier, und das Unglück will es, dass, wer einen Engel aus ihm machen will, ein Tier aus ihm macht.« Oder: »Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne die Macht; die Macht ist tyrannisch ohne die Gerechtigkeit.« Zwar hielt er als Wissenschaftler den Glauben an Gott für vernünftig. Zugleich betonte er jedoch, dass die rationale Erkenntnis durch die »Logik des Herzens« zu vervollkommnen sei. Denn: »Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.«

Während sein Geist sprühte, wurde sein Körper immer schwächer. Wie schon als Kind litt er auch als Erwachsener ständig unter Unwohlsein und Schmerzen. Gleichwohl versagte er sich jegliche Bequemlichkeit und kümmerte sich um alle seine Bedürfnisse selbst. Am Ende ging er sogar soweit, Gott dafür zu danken, dass dieser ihm ein so schweres Schicksal auferlegt habe. Denn Krankheit, so glaubte er, sei »der einzige eines Christen würdige Zustand«.

Nachdem es ihm noch einmal gelungen war, ein kompliziertes mathematisches Problem zu lösen, zog er sich aus der Wissenschaft zurück. In den letzten Jahren seines Lebens verteilte er Almosen an die Armen und gründete mit einem Freund ein Droschkenunternehmen, um in seiner Heimat den ersten öffentlichen Nahverkehr zu organisieren. Derweil verschlechterte sich seine Gesundheit so sehr, dass er vorsorglich den eigenen Hausstand verkaufte. Seine Beschwerden - Schwindel, Erbrechen und rasende Kopfschmerzen - führen Mediziner heute auf eine Hirnhautentzündung zurück, an deren Folgen er im Alter von 39 Jahren starb.

Wer war's?

Für drei Gewinner dieser Folge stellt der campus Verlag »Freiheit statt Kapitalismus« von Sahra Wagenknecht zur Verfügung.


Der Publizist, nach dem wir letztes Mal fragten, war:

Jenny Julia Eleanor Marx, ab 1884 Eleanor Marx Aveling, genannt »Tussy«.

Gewonnen haben:

Gerhard Nichterlein, Jena;

Anneliese Reinhardt, Weinböhla;

Helga Karolewski, Berlin.

Die Gewinner sind mit der Veröffentlichung ihrer Namen einverstanden.

Einsendeschluss: 10.

September (Poststempel)

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung