Gewöhnung an Sozialabbau

Ist Occupy gescheitert?

nd: Sie haben gesagt: Occupy war in Deutschland ein Strohfeuer. Warum?
Ullrich: Occupy ist mit einer großen Aufmerksamkeit gestartet, mit einer Welle von Protesten und Camps. Davon ist nicht viel übriggeblieben. Die Mehrzahl der Camps ist geräumt. Es gibt vielleicht noch kleinere Camps, aber so wie man die Bewegung anfangs wahrgenommen hat, ist sie zumindest in der Bundesrepublik erst einmal weg.

Warum hat Occupy es nicht geschafft, sich zu etablieren?
Die Gründe des Scheiterns hängen mit dem Kern dessen zusammenhängt, was Occupy ausmacht: Der Unzufriedenheit mit der Politik sollte mit der Besetzung öffentlichen Raums und neuen Formen zu diskutieren etwas entgegengesetzt werden. Wenn man aber Protest auf Dauer stellen will, dann kommt man nicht umhin, Protestziele zu formulieren. Das hat Occupy nicht geschafft und auch nicht, organisatorische Strukturen aufzubauen.

Also: selbst schuld, Occupy?
Es sind nicht nur die inneren Faktoren. Die meisten Camps würde es noch geben, wären sie nicht geräumt worden. In den USA kümmern sich Occupy-Aktivisten in lokalen Netzwerken beispielsweise um Miet- oder Gesundheitsfragen. Das gibt es im kleineren Rahmen auch hier.

Warum haben es Sozialproteste hierzulande so schwer?
Das liegt mit an der tief verwurzelten Sozialpartnerschaftsideologie. Gewerkschaften, Bewegungen, Kirchen sind in der Bundesrepublik wenig radikal und wenig konfliktfähig. Zudem gibt es eine »Gewöhnung« an Sozialabbau. Ich glaube, dadurch empfinden viele Menschen Protest nicht als legitim, sondern betrachten ihre eigene Situation eher als Unglück. Was fehlt ist, dass die Einzelnen für sich und dann auch kollektiv organisiert sagen: »Wir wollen ein besseres Leben.«

Peter Ullrich ist Soziologe und derzeit Gastwissenschaftler am WZB-Berlin.

Fragen: Jörg Meyer

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