Rom und Berlin

Berlusconis medialer Militarismus und die Zukunft

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Geschichte des Feudalismus ging keineswegs irgendwann zu Ende, seine Ausdrucksform ist heute in wesentlichem Maße die Kontrolle des Fernsehens. Berlusconis Italien gibt das Beispiel eines medialen Militarismus, der an eine Warnung Adornos erinnert: Der »Traum von der Allmacht«, den das technische Wunder Fernsehen genährt habe, werde einzig und allein »wahr als vollendete Ohnmacht« - nämlich jener, die von diesem Medium Beihilfe zur praktischen Demokratie erwarteten. Von einer neuartigen Strategie in Bezug auf Berlusconis Meinungsmonopolismus sprach der Schriftsteller Umberto Eco dieser Tage in mehreren Veröffentlichungen. Der Trick des »Unternehmers, der nebenberuflich Staatspapiere unterschreibt«, liege in einer forciert betriebenen Balance von strengster Fernsehzensur durchs eigene Imperium Romanum und wohlgefälliger Toleranz gegenüber wenigen oppositionellen Zeitungen. So herrscht Freiheit dort, wo sie kaum zur Kenntnis genommen wird, und Dirigismus da, wo die Wahrnehmung von Millionen Menschen just das für Welt und wichtig und richtig hält, was über den Schirm kommt. Berlusconis Medianet umfasst drei landesweite TV-Sender, womit er zum größten privaten Fernsehanbieter des Landes wurde. Dank seines politischen Amtes hat er entscheidenden Einfluss auf Personal und Programm in den drei staatlichen Sendern »Rai«. Er besitzt Italiens größte Filmverleihfirma und auch die größte Werbeagentur, die 60 Prozent der Werbeetats Italiens auf sich vereint. Zudem führt er einen der großen Buchverlage. Der italienische Premier ist vielleicht der erste wirkliche Politiker der europäischen Zukunft, indem er das dem vorigen Jahrhundert gehörige Machtkonzept des militär-industriellen Komplexes auf den modernen Schauplatz von Invasion, Besatzung, Krieg überleitet - der politischen Diktatur folgt im 21. Jahrhundert die mediale. Schon lange prophezeite man, so schreibt Eco, »dass man in der Gegenwart, vielleicht von einigen zurückgebliebenen Ländern der Dritten Welt abgesehen, keinen Panzer mehr brauche, um einen Staatsstreich durchzuführen, sondern dass es genüge, die Radio- und Fernsehsender zu besetzen. Jetzt ist der Lehrsatz bewiesen«. Und es darf durchaus als Bestätigung dieser Regel aufgefasst werden, wenn umgekehrt, wie im Falle Schwarzenegger, die medialen Stars die Regierungsbänke besetzen. Dass jene Realität, die man per Fernsehen serviert bekommt, doch gar nicht so tatsächlich sei, wie sie sich ausgibt - dieser Verdacht scheint heutzutage nur noch rudimentär seinen Widerspruch anzumelden. Fernsehen ist der herrschende Diener des Abtriebs, mit dem ein längst vernuttetes Informationsbedürfnis befriedigt wird. Exakt in der Berieselungsfunktion, von der keine Nachrichtensendung ausgenommen ist, liegt die immer klüger und brutaler genutzte Chance, Fernsehen quasi familien- und wohnzimmerfreundlich zu einem Politikum zu erheben, dessen gnadenlose Ausmaße von Manipulation momentan nur geahnt werden können. Berlusconis direkte, schroffe, selbstbewusst spreizende Art, sich den Staat telepopulistisch einzuverleiben, macht es leicht, die italienischen Verhältnisse für unübertragbar zu halten. Man muss aber nicht erst das Beispiel Putin heranziehen, um die inneren Verwandtschaften zwischen einer sowjetisch geprägten und einer in westlicher Demokratie verankerten imperialen Haltung festzustellen. Jeder beruhigende Verweis auf eine italienische Spezifik ist mit Vorsicht zu betrachten. Natürlich ist Berlin kein Rom. Aber liegt nicht auch hier zu Lande bereits eine Geschichte des Fernsehens vor, die eine mähliche Aushöhlung des Demokratischen widerspiegelt? Weil sie nämlich politische Meinungsbildung längst auch zu einer Chimäre gemacht und vor allem, über Jahre hinweg, eine entscheidende Koalition geschaffen hat - zwischen denen, die manipulieren, und denen, die das tägliche Brot dieser Manipulation in immer mehr und immer schmackhafteren Sorten geradezu verlangen. Lange nach dem Irak-Krieg und also erst, als die Kriegsgründe von Bush und Blair offen als Lüge gehandelt wurden, hörte man zum Beispiel aus deutschen Fernsehsendern selbstkritische Stimmen: Man habe im Vorfeld dieses Krieges zu stark pro-amerikanisch kommentiert, man habe objektiv bleiben wollen und sich dabei zu sehr einer gewissen Bevölkerungs-Stimmung gebeugt - die durch solche »objektive« Berichterstattung aber doch erst maßgeblich erzeugt und betont zu einem Ausweis für moderne politische Vernunft entwickelt wurde. Kriegsgegner gerieten unter dieser »Stimmung« zu absonderlich weltfremden Gesellen mit offenbar perverser Neigung zur Saddam-Verehrung. Das Fernsehen ist deshalb Hauptwaffe und deshalb neuer Militarismus, weil es seinen Adressaten, uns allen (!), ein Zerrbild der Wirklichkeit vermittelt, das eine Grundbedingung der Demokratie in Frage stellt, die ohnehin utopisch bleiben muss und deshalb besonders leicht negiert werden kann: Es geht ja eigentlich darum, dass das Mitglied einer demokratischen Gemeinschaft einigermaßen rational und unmanipuliert am politischen Entscheidungsprozess teilnimmt, auf der Basis von autonomen und frei erworbenen Informationen. Und ohne, dass sich unvermeidbare Zwänge auftun. Die Massenkommunikation jedoch schafft immer heftiger einen unwiderstehlichen Antrieb, politischer Bewusstheit auszuweichen - dies lässt das wichtigste Anzeige-Instrument unserer freiwilligen Unterwerfung unter die Manipulation mühelos erkennen: die Fernbedienung. Gäbe es die nicht, aber trotzdem die Unzahl der Programme, müssten wir also ständig aufhüpfen (und wir würden aufhüpfen!), dann hätte es wohl nie zu einem solchen Boom der Fitness-Studios kommen müssen. Berlusconi strahlt: Wer das Fernsehen hat, gewinnt die Tour. Unsere Vorstufe heißt: Wer im Fernsehen ist, gewinnt eine Etappe. Irgendwann scheitert Berlusconi. Was aber nur heißt: Sein grobes Beispiel schafft Schulen der Verfeinerung.

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