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»Ich werde den Augenblick nie wieder los...«

Amerikanischer Publizist beschreibt die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919

  • Lesedauer: 4 Min.

In dem Buch »morgen ist weltuntergang - BERLIN IN DEN ZWANZIGER JAHREN«, jetzt erschienen im Nikolai Verlag, beschreibt der amerikanische Publizist Otto Friedrich die Ereignisse vom 15. Januar 1919:

Die Zuflucht blieb nur einen Tag lang unentdeckt. Ein Nachbar informierte die Polizei über die Fremden im Haus, und um neun Uhr abends an jenem 15 Januar kam eine Abteilung Gardekavalleristen in die Wohnung und verhaftete die Flüchtigen. Die Gardekavallerie-Schützendivision hatte ihr Hauptquartier im Eden-Hotel am Zoo aufgeschlagen, wohin die drei Gefangenen zum Verhör gebracht wur-

den. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verschwanden nach einem Spießrutenlauf durch eine drohende Menschenmenge und eine dichte Postenkette von Soldaten in einer Suite im zweiten Stock, während Wilhelm Pieck wartend auf dem Flur zurückblieb. Das Verhör durch Hauptmann Waldemar Pabst begann ziemlich formell, doch, wie man sich denken kann, blieb es nicht dabei. Nein, ich werde den Augenblick nie wieder los, wie man die arme Frau niedergeschlagen und umhergeschleift hat, sagte eines der Zimmermädchen später... Als das Verhör von Liebknecht und Luxemburg beendet war, erweckte Hauptmann Pabst den Anschein, als wolle er die beiden ins Un-

tersuchungsgefängnis Moabit bringen lassen, wo bereits einige andere Anführer der Aufständischen inhaftiert waren. In Wahrheit hatten Pabst und die Gardekavallerieschützen vor, die Angelegenheit schnell und brutal zu beenden. Die beiden mißhandelten Gefangenen wurden einzeln zu einem Seitenausgang des Eden-Hotels geführt, wo ein stämmiger Husar namens Otto Runge mit seinem Gewehr auf sie wartete. Liebknecht kam als erster durch die Tür, und Runge schlug ihm seinen Gewehrkolben über den Kopf. Die Gardeschützen warfen Liebknecht in ein bereitstehendes Auto und rasten in Richtung Tiergarten davon. Dann kam Rosa Luxemburg, von den Mißhandlungen, die sie bereits erlitten hatte, halb betäubt. Wiederum schlug Runge mit seinem Gewehrkolben zu, und die Gardeschützen warfen die Sterbende in einen zweiten Wagen.

Das erste Auto, mit Liebknecht und sechs Offizieren, hielt in einem dunklen Nebenweg des Tiergartens. Die Offiziere gaben vor, der Wagen habe eine Panne. Sie stießen Liebknecht auf die Straße, wo ein gewisser Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Hartung ihn erschoß. Die sechs Offiziere schleppten die Leiche wieder in den Wagen und lieferten sie als Leiche eines unbekannten Mannes in einem nahegelegenen Leichenschauhaus ab. Beim Rapport im Eden-Hotel berichteten sie Hauptmann Pabst, daß sie ihren

Gefangenen beim Fluchtversuch erschossen hätten.

Rosa Luxemburg war schon zu schrecklich zugerichtet, als daß die Soldaten im zweiten Wagen gleichermaßen mit ihr hätten verfahren können. Ein gewisser Leutnant Karl Vogel jagte ihr ohne weitere Umstände eine Kugel in den Kopf Dann fuhren die Offiziere zur Lichtensteinbrücke und warfen die Leiche in den Landwehrkanal. Auch sie hatten eine fragwürdige Geschichte parat. Im Eden-Hotel gaben sie an, ihr Wagen sei von einer aufgebrachten Menge angehalten worden, die Rache an der berüchtigten Kommunistenführerin nehmen wollte. Sie hätten ihre Gefangene dem Mob überlassen und wüßten nicht, was mit ihr geschehen sei. Nachdem diese Geschichte publik gemacht wurde, gab es eine zeitlang Gerüchte, Rosa Luxemburg sei noch am Leben und warte in einem Versteck

auf den richtigen Zeitpunkt für eine siegreiche Rückkehr in die Schlacht um Berlin. Erst vier Monate später wurde ihre aufgeschwemmte und beinahe schon unkenntliche Leiche an einer Schleuse des Landwehrkanals angespült.

Friedrich Ebert war entsetzt über die Morde. Er ordnete eine gerichtliche Untersuchung an, die freilich nahezu ergebnislos blieb. Lediglich der Husar Otto Runge wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Er saß mehrere Monate wegen Mordversuchs ein. Leutnant Vogel, der Mörder von Rosa Luxemburg, wurde überführt, gesetzwidrig eine Leiche beiseite geschafft zu haben, aber er floh nach Holland und wurde schließlich begnadigt. Hauptmann Pabst, der bis 1970 unbescholten lebte, gab zu, die Erschie-ßungen gebilligt zu haben, beharrte jedoch bis zum Schluß darauf, daß sie eine Exekution gemäß Kriegsrecht gewesen seien.

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