Automobilkrise trifft Zulieferer hart

15 bis 20 Prozent Auftragseinbrüche in Ost wie West / Firmenpleiten drohen

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Kurzarbeitsregelungen brachten mehr als die Abwrackprämie, sagt die IG Metall. Der Verband der Automobilzulieferer sieht die kleinteilige Firmenstruktur in Thüringen als Teil des Problems.

Absatzprobleme und Kurzarbeit in der deutschen und europäischen Automobilbranche erfassen jetzt auch bundesdeutsche Zulieferer. Michael Militzer, Präsident des Branchenverbandes automotive thüringen und Chef des Eisenacher Zulieferers MITEC, erregte in den letzten Tagen Aufsehen mit seiner Warnung vor einem starken Auftragseinbruch. Der Branche, die mit 30 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 4,2 Milliarden Euro als größter Wirtschaftszweig im Freistaat gilt, drohe im vierten Quartal 2012 ein Minus von zehn Prozent. Bald stehe in manchen Betrieben Kurzarbeit an. Die Krisenfolgen seien indes unterschiedlich. »Wer viel für Renault, Peugeot, Opel oder die untere Preisklasse von VW liefert, ist angesichts schrumpfender Märkte in Südeuropa stärker betroffen als Betriebe, die überwiegend für die Premiumklasse produzieren.«

Angesichts der Branchenstruktur könne sich die Bewältigung der Krise in Thüringen besonders schwierig gestalten, sagt Militzer. Denn auch wenn einige Firmen Ableger großer Konzerne seien, handele es sich bei den meisten der 114 Mitgliedsbetriebe um Familienunternehmen. Viele seien Anfang der 1990er Jahre entstanden und stützten sich auf das in der DDR vorhandene Ingenieurwissen und Know-how. Die durchschnittliche Betriebsgröße liege in Thüringen bei 25 Beschäftigten, so Militzer. Im Westen sei sie deutlich größer.

Fusionen und Kooperationen seien überlebenswichtig, mahnt Militzer. Es sei »ein Zwang, dass wir uns vergrößern müssen«. Dies entspreche aber wenig dem mittelständischen Denken. Jeder wolle es »erst mal alleine versuchen« und keinem anderen Zugriff auf das Unternehmen gestatten.

Für die Zulieferer sei entscheidend, wie sie sich aus der letzten Absatzkrise 2008 und 2009 herausgearbeitet hätten und ob sie dabei Reserven geschaffen hätten, um die nächste Krise zu überleben. Es sei unwahrscheinlich, dass es alle schaffen. Nun drohe aber mehr als die Insolvenz einzelner Firmen. Denn für die Unternehmen, die es nicht schaffen, »steht auf dem Spiel, dass 21 Jahre Ostförderung faktisch für die Katz waren«, warnt Militzer.

2009 hatte die Bundesregierung mit der Abwrackprämie den Kauf neuer Pkw gefördert. »Die damit geförderten Kleinfahrzeuge sind relativ neu und lassen sich nicht nach drei Jahren schon wieder ersetzen«, so Militzer. Sinnvoller seien die gewerkschaftlichen Vorschläge zur Kurzarbeit gewesen.

Dass die Absatzkrise auch im Rhein-Main-Gebiet durchschlägt, berichtet ein hessischer IG-Metall-Funktionär. Firmen hätten mit Auftragsrückgängen von 15 bis 20 Prozent zu kämpfen. Einige Unternehmenschefs dächten bereits an Kurzarbeit und versuchten, mit dem Überstundenabbau Zeit zu gewinnen. Anderswo wurde Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich vereinbart.

Dass Schwarz-Gelb eine Ausnahmeregelung zur Kurzarbeit auflege wie die Große Koalition 2009, sei nicht in Sicht, so der Metaller. Damals hatten Ausnahmeregelungen die Firmen für die Dauer der Kurzarbeit bei der Sozialversicherung entlastet und das Kurzarbeitergeld verlängert. Viele Unternehmer hätten damals gelernt und begriffen, dass sie qualifizierte Beschäftigte durch Überbrückungsmaßnahmen halten müssten. Erfahrene Fachkräfte gibt es nicht »von der Stange«, so der Gewerkschafter.

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