Ulla Unseld-Berkéwicz: Es brennt: kalte Dusche

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Man sieht der jeweiligen Zeit an, welche Menschen an ihr scheitern werden. In den Zeiten der Kalküle muss scheitern, wer flammt wie ein Feuer. Feuer kennen keine Ordnung, ihre Zungen wollen ja kein Zaun werden. Ulla Unseld-Berkéwicz, vom Landgericht Berlin soeben als Geschäftsführungs-Führerin des großen, großartigen Suhrkamp Verlages abgesetzt (sobald das Urteil rechtskräftig wird), war eine Flammende.

Seit Jahren tobte der Streit zwischen ihr und Hans Barlach, dem Chef der Minderheitengesellschafter im Verlag. Ein Streit, wie Feuer mit Wasser streitet. Barlach war für die Berkéwicz das Wasser. Bei so einem Krieg wird Munition gesammelt, bis die Bombe platzen kann. In diesem Falle: eine Berliner Privatvilla als Verlags-Repräsentanz, unglückliche Verquickung der Kostenposten, ach, irgendwelcher Finanz- und Bilanzekel. Feuer hüpft hier- und dorthin, jetzt könnte es sein, dass die Berkéwicz-Verlagszukunft ins Wasser fällt.

Ulla Unseld-Berkéwicz sprach einst von »ein paar armen Meinungsseelen«, die immer vor der Tür stehen. Diese Meinungsseelen hat sie immer ertragen müssen. Als sie Frau des Verlegers wurde. Als sie die Frau des Verlegers war. Als sie die Witwe des Verlegers sein musste. Als sie den Verlag zu leiten begann. Die Schauspielerin, die Schriftstellerin, die Suhrkamp-Chefin. Sie hat etwas schön Hexisches - was lodert, das schreckt auch ab. Und holte die auf den Plan, die sich Sorgen machten, um die Idee, den Verlag, die Autoren, das Erbe. So viele Sorgen wie Leute, die sich Sorgen machen, gibt es meistens gar nicht. Dachte man bei Suhrkamp und machte sich offenbar zu wenig Sorgen um die Rechtlichkeit mancher Dinge.

Ulla Unseld-Berkéwicz, geboren 1951 in Gießen, war am Theater, sie heiratete den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der 2002 starb. Sie hat über das Sterben, die Einsamkeit, das Weiterexistieren unter kühleren Sternen ein wahrhaftheißes Buch geschrieben, »Überlebnis«; sie gab die Gedichte von Peter Handke heraus, darin jene »Meinungsseelen« vorkommen, die züngelten, als seien sie selber von Feuer: als die Diadochenkämpfe im Hause Suhrkamp tobten, als Autoren gingen, als mit männlicher Methodik an weiblicher Macht gerüttelt wurde, als entschieden war, dass das Frankfurter Heiligtum Suhrkamp an die Spree ziehen würde. Lebendigkeit statt Heiligtum.

Die Berkéwicz hat just mit dieser Entscheidung Reaktionen ausgelöst, die aller Welt, jedenfalls der ostdeutschen, Einschneidendes erzählten: Es tut auch der alten Bundesrepublik weh, wenn sie zu Ende geht. Schadenfreude will man das nicht nennen, wirklich nicht, aber etwas von störrischem Gestern-Geist hat es doch gehabt, was da in Frankfurt am Main über die plötzlich schwankende Bühne ging. Dahinein, in diesen plötzlich herrischen Geist der Starre, fuhr die Flammende mit ihrer Beherztheit hinein, und sie muss stets ein gutes Verhältnis zu ihrer Kraft, zu ihrem Selbstwertgefühl gehabt haben, so vieles durchzustehen. Nun wirkt ein Gerichtsurteil wie ein Löschzug. Es brennt verhext bei Suhrkamp: kalte Dusche.

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