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Obdachlose als Missionsobjekt

Weltanschaulicher Konflikt um Trägerwechsel bei Einrichtung MUT am Ostbahnhof

Die Arztpraxis und Tagesstätte für Obdachlose am Ostbahnhof wurde zu Ende Juli nächsten Jahres gekündigt. Grund ist der Trägerwechsel. Bisher wird die Einrichtung, in der Obdachlose kostenlos von Ärzten und Zahnärzten behandelt werden und sich in geheizten Räumen mit Tee und Suppe aufwärmen können, von der MUT GmbH betrieben. Das ist ein mit der Ärztekammer verbundenes Unternehmen. Anfang Dezember informierte die MUT GmbH ihren Vermieter, das kirchliche Verwaltungsamt, über den bevorstehenden Trägerwechsel.

Neuer Träger für die seit elf Jahren bestehende Obdachlosenhilfe wird ab Januar der Humanistische Verband sein. Dieser Verband führt etwa Jugendfeiern durch, den Lebenskundeunterricht an Berliner Schulen und bietet Sterbebegleitung und Trauerreden für Konfessionslose an. Nach Angaben des Humanistischen Verbandes haben die Senatsverwaltung für Soziales sowie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, die die Obdachlosenhilfe zu großen Teilen finanzieren, den Trägerwechsel begrüßt.

Einzig der Vermieter, die Kirche, akzeptierte den Trägerwechsel nicht. In den vergangenen Tagen war kein Sprecher des kirchlichen Verwaltungsamtes erreichbar. Gegenüber der »Berliner Morgenpost« erklärte dessen Leiter Ralf Nordhauß, er lehne den Humanistischen Verband als Träger ab. Grund seien Teile der Satzung des Verbandes, der sich in der Öffentlichkeit oft kirchenkritisch äußert. Die Kirche will die Einrichtung für Obdachlose fortführen - mit einem kirchlichen Träger.

Bettina Lange, bisherige Geschäftsführerin der Obdachlosenhilfe, ist empört. »Mit der Kündigung wird nicht nur ein jahrelanges, komplikationsloses Mietverhältnis gekündigt, sondern auch das solidarische Verständnis in der Landschaft der freien Träger. Die Kirche bricht einen weltanschaulich-ideologischen Konflikt vom Zaun. Es ernüchtert uns, erkennen zu müssen, dass sich hinter der Fassade der christlichen Nächstenliebe scheinbar nichts anderes verbirgt als der ideologische Eigennutz zur Mission.«

Manfred Isemeyer vom Humanistischen Verband fordert die Kirche zu Gesprächen auf. Sein Verband sei seit Jahren ein zuverlässiger und vertrauenswürdiger Partner. »Die Aussage des Kirchlichen Verwaltungsamtes, mit uns prinzipiell nicht zusammenarbeiten zu wollen und die Einrichtung stattdessen - ohne vorherige Gespräche mit den Betroffenen zu führen - an einen diakonischen Träger zu übergeben, ist ein ungeheuerlicher Vorgang.« Neue preiswerte Räume in der Nähe des Ostbahnhofes zu finden sei schwierig und Obdachlose erreiche man am besten in Bahnhofsnähe.

Kritik kommt auch vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Dessen Geschäftsführer Oswald Menninger fordert die Kirche auf, die Kündigung zurückzunehmen und den Humanistischen Verband als Träger zu akzeptieren. Menninger sagt: »Es geht nicht an, dass ein Vermieter darüber bestimmt, wer über staatliche Mittel verfügen darf und wer nicht. Der Humanistische Verband ist bestens geeignet, die Wohnungslosenarbeit weiterzuführen.«

Die Kündigung kommt zu einer Zeit, da die Obdachlosenarbeit immer schwieriger wird. In Berlin gibt es geschätzte 10 000 Wohnungslose und nur 5000 Schlafplätze. Der Sozialstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Carsten Engelmann (CDU), hatte unlängst angekündigt, Räume zu beschlagnahmen, um der Zahl Hilfesuchender Herr zu werden.

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