Fett durch Antibiotika?

  • Von Reinhard Renneberg, Hongkong, und JoJo Tricolor, Cherville
  • Lesedauer: 2 Min.
Zeichnung: Chow Ming
Zeichnung: Chow Ming

In den USA werden Nutztiere behandelt so ähnlich wie wir im Krankenhaus! Was - sooo gut? Naja, eher so schlecht! Nämlich: wenig Platz und ständige Antibiotika-Gaben. Das Krankenhaus will uns natürlich schnellstens gesund machen; US-Farmer wollen dagegen Tiere schnellstens fett mästen.

Nach der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming fanden in den 1940ern Antibiotika-Forscher heraus, dass niedrige Penicillin-Dosen als Nebeneffekt das Gewicht von Versuchsmäusen erhöhen. Bei dem riesigen lebensrettenden Nutzen des Medikaments war diese Nebenwirkung zu verschmerzen. Doch pfiffige Bauern begannen recht bald, diesen Effekt bei der in Amerika entstehenden industriellen Mast einzusetzen!

In den 1980ern wurde es dann ganz selbstverständlich, den Futtermitteln Antibiotika beizumengen. Weitere 30 Jahre später gehen sagenhafte 80 Prozent der verkauften Antibiotika in den USA an die Pharmer, pardon: die Farmer! Davon wird natürlich das Mikrobiom der Verdauungsorgane beeinflusst. Dieses wimmelnde Ökosystem in uns Säugetieren beherbergt Milliarden von Mikroben und wirkt sich auch auf unseren Gesundheitszustand aus. Dort wird von der Verdauung über Allergien bis zur Abwehr pathogener Mikroben vieles reguliert und entschieden.

Martin J. Blaser und sein Team an der New York University machten einen Versuch, bei dem sie Mäuse regelmäßig mit der auf ihre Körpergröße umgerechneten Menge Antibiotika-Futter versorgten (»Nature«, Bd. 488, S. 621). Das Ergebnis: Nach sieben Wochen war deren Mikrobenwelt im Bauch total verändert und sie hatten 10 bis 15 Prozent an Körperfett zugelegt!

Die Antibiotika scheinen entweder die vorhandenen Mikroben zu befähigen, mehr Energie aus der Nahrung zu beziehen oder die vorhandenen durch »effektivere« zu verdrängen. Oder beides - Ergebnis ist jedenfalls mehr Fett im Körper, das dieser gut einlagern kann.

Der noch bedrohlichere Effekt sind die entstehenden antibiotikaresistenten Bakterienstämme. Vor allem deshalb sind in der EU seit Anfang 2006 Antibiotika als Futterzusatz verboten. Bereits seit 1995 ist es Veterinären in Dänemark untersagt, vom Verkauf der Antibiotika an Landwirte finanziell zu profitieren. Vorher war das durchaus lukrativ.

Es gibt also viele Gründe, warum die Amis zu 63 Prozent übergewichtig sind. Im Grunde schießen sich diese dicken Cowboys selbst in den Fuß, wenn sie ihr Fleisch in Tierfabriken mit Antibiotika »anreichern«. Der Kreis schließt sich ...

Diese Fehler haben die Europäer hoffentlich rechtzeitig erkannt. Stimmt die Hypothese von Martin Blaser, so könnte uns zumindest diese Form der Amerikanisierung erspart bleiben. Das wäre dann echt einen zweiten Nobelpreis für die EU wert!

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