Ohne Abschluss kein Job

Weiterbildungen für Erwerbslose fallen Sparpolitik zum Opfer

Immer weniger Erwerbslose haben einen Berufsabschluss, trotzdem gibt es immer weniger Geld für Weiterbildungen. Ein Teufelskreis.

Ohne Ausbildung kein Beruf - aber ohne Job auch keine Chance auf Ausbildung. So lassen sich aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zusammenfassen, die »nd« vorliegen. Immer mehr erwerbslose Menschen haben demnach keine abgeschlossene Berufsausbildung, dennoch werden Weiterbildungsmaßnahmen für Arbeitslose weiter zurückgefahren.

Im Jahr 2003 hatten laut den BA-Zahlen 34,3 Prozent aller Erwerbslosen keinen Berufsabschluss, im Jahr 2012 waren es bereits 41,9 Prozent - das sind 1,2 Millionen Menschen. Von den Arbeitslosengeld-II-Beziehern hat sogar über die Hälfte keine abgeschlossene Ausbildung.

Zwischen Ost und West gibt es aber deutliche Unterschiede: So besaßen 2012 zwei Drittel der Erwerbslosen in den neuen Bundesländern einen Berufsabschluss, in Westdeutschland waren es nur 42 Prozent. Das zeigt erstens, dass der Arbeitsmarkt auch 23 Jahre nach der Wende geteilt ist und zweitens, dass in Ostdeutschland aufgrund der teils flächendeckend fehlenden Wirtschaftsstruktur auch eine abgeschlossene Ausbildung nicht vor Erwerbslosigkeit schützt.

Auch gesamtdeutsch droht sich die Situation weiter zu verschärfen: Laut einer Studie des DGB, die im Sommer 2012 veröffentlicht wurde, leben in Deutschland rund 2,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Ausbildung. Von diesen Ungelernten haben zwar 1,2 Millionen einen Arbeitsplatz, meist aber in schlecht bezahlten Branchen wie im Bau- oder Gastgewerbe.

Dennoch wurde die berufliche Weiterbildung in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgefahren: Hatten im Jahr 2003 - vor der Einführung von Hartz IV - noch fast 30 Prozent der von Erwerbslosen absolvierten beruflichen Weiterbildungen einen Berufsabschluss zum Ziel, waren es 2012 nur noch 13,8 Prozent. Für Erwerbslose, die Arbeitslosengeld II bekommen, stehen die Chancen auf eine abschlussorientierte Weiterbildung sogar noch schlechter: Gerade einmal zwölf Prozent der von ihnen absolvierten Fortbildungen sind solche, die mit einem Berufsabschluss enden sollen.

Zudem bekommen immer weniger Erwerbslose überhaupt die Chance auf berufliche Weiterbildung: Im Jahr 2009 nahmen 631 992 der bei den Jobcentern gemeldeten Personen an einer solchen Maßnahme teil, drei Jahre später waren es mit 308 432 weniger als die Hälfte. Im selben Zeitraum sank jedoch die Arbeitslosigkeit nur um rund 15 Prozent.

Die Situation ist Ausdruck der schwarz-gelben Sparpolitik: 2010 fuhr die Koalition die Mittel für aktive Arbeitsmarktpolitik nochmals drastisch zurück. Insgesamt sollen so bis 2014 rund 20 Milliarden Euro weniger ausgegeben werden.

Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Sabine Zimmermann, spricht von einer »arbeitsmarktpolitischen Geisterfahrt« der Regierung. Diese müsse sich fragen lassen, »wie die Kahlschlagpolitik in der Weiterbildung mit dem regelmäßigen Wehklagen über einen vermeintlichen Fachkräftemangel« zusammen passe.

Die BA scheint das Problem immerhin erkannt zu haben: Im Februar wurde ein Brief von Vorstand Heinrich Alt öffentlich, in dem er die Jobcenter auffordert, Zehntausende Hartz-IV-Bezieher zwischen 25 und 34 in die Lehre zu schicken. Bis 2017 könnten so 100 000 junge Männer und Frauen einen Berufsabschluss erreichen, schrieb Alt. Es sei wichtig, in abschlussorientierte Aus- und Weiterbildung zu investieren. LINKEN-Politikerin Zimmermann fordert deshalb einen »Rechtsanspruch auf berufliche Weiterbildung«.

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