Auf vieles gefasst

Improtheater »Im Freien Fall«

Sie habe den Tag am Müggelsee verbracht, sagt eine Zuschauerin auf die Frage von der Bühne. Umgehend entsteht eine Szene. Tatjana Bielke kommt als Sybille zum Strand und verknotet sich fast beim Umziehen. Darauf, dass sie am FKK-Strand landete, stößt sie erst durch den sich neben ihr aufbauenden Möchtegern-Macho, der die Schüchterne sofort anspricht.

Das ulkige Spiel gibt es in drei Varianten. In der Gesangsfassung tönt Oliver Ehrhardt, er sei Bruno Klein und kieke »nach'n längsten Frauenbein«. Beim Strand-Tanz darf sich das Weib zu lieblichen Klängen bewegen. Nachdem »Bruno« ansetzte, wechselt der Pianist überraschend den Musikstil. Hoppla! Ganz schön gemein. Aber typisch. Spielerische Provokation gehört als Inspiration zum Improvisationstheater. Mit Freude wird sie »Im Freien Fall« betrieben, ist Motor des Geschehens.

Die Spielart geht bis ins antike Griechenland zurück, wurde im Laufe der Jahrhunderte jedoch vom inszenierten Spielbetrieb gefressen. In den 1970er schuf Keith Johnstone in England Regeln für den »Theatersport«. Der verbreitete sich über die Welt. Es gibt heute noch Gruppen, die sich fest daran halten. Dazu entwickelten sich neue Formen mit Tanz, Musik, sogar Malerei.

Die Gruppe »Im Freien Fall« beginnt ihr Programm jedes Mal anders. Der erbarmungslose Abbruch ist typisch für sie. Nichts ist schlimmer als ein »Hänger« im improvisierten Spiel. Trifft's eine Szene, ist sie verloren. Zu viert sind sie zumeist auf der Bühne. Niemals spielen alle zugleich. Ein Spielleiter gehört nicht zum Konzept, er fehlt auch nicht. Zehn Mitspieler sind »Im Freien Fall« vereint. Professionelle Schauspieler von zahlenden Theatern und bühnenerfahrene Amateure mit Berufen vom Banker bis zum Verbraucherschützer. Schauspielerisch bilden sich alle permanent weiter, einzeln oder als Gruppe, erzählt Tatjana Bielke. Man sieht es. Als »Dienstälteste« seit 2003 kann sie auf Workshops bei Johnstone und Eugen Gerein verweisen.

Die Männer zeichnen sich durch Vielseitigkeit aus, bringen vor allem Schwächen des starken Geschlechts wunderbar an. Die Frauen sind dazu noch gut im Gesang, können wie Theda Blohm spontan herrlich zickig werden oder sich Extremforderungen stellen wie Gabriele Prissok, die den dunkelsten Humor besitzt. Aus dem Publikum kommen ulkige Einfälle. Man ist auf alles gefasst. Entschieden wird schnell.

Als die Gruppe als neuer Improtheater-Pilz aus dem Kulturmoos Berlins lugte, ließen sich ihre Zuschauer an einer Hand abzählen. Inzwischen muss man flink sein, um einen Platz zu ergattern, wenn sie im Zimmer 16 in Pankow oder im Café Tasso in Friedrichshain auftritt. Zu den Überraschungen gehört jeweils ein Song vom Musiker Jens Wenzel, der nach eigenen Angaben erste Werke auf einem Eierschneider schuf. Er komponiert und textet auf Zuruf. »Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem«, gab man im Tasso mal vor. Daraus wurde der Refrain für einen Song mit Ohrwurmqualität. Der Eintritt kostet nix. Am Ende wirft man Geld in den Hut.

Jeden 1. Freitag im Monat: Theater Zimmer 16, Florastr. 16, Pankow; jeden 3. Samstag im Monat: Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Friedrichshain, Beginn jeweils 20.30 Uhr, www.im-freien-fall.de

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