Die Spur der Gewalt

E. L. Doctorow: »Alle Zeit der Welt«

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

Von den über ein Dutzend Büchern des 1931 geborenen E. L. Doctorow sind nicht mal die Hälfte auf Deutsch lieferbar. So überrascht es, dass Kiepenheuer und Witsch jetzt Erzählungen von ihm herausbringt, von denen ein paar sogar noch in einem 2006 erschienenen Band erhältlich sind, während einige seiner wichtigen Romane wie etwa »Das Buch Daniel« oder »City of God« vergriffen sind. Indes bietet der Band mit zwölf Texten, sechs bisher unveröffentlicht, auch eine motivische Werkschau Doctorows.

Zwei der neuen Erzählungen sind quasi Miniaturen der Romane »Billy Bathgate« und »City of God«. Letzterer erzählt von einem New Yorker Priester, aus dessen Kirche das drei Meter große Altarkreuz gestohlen und auf dem Dach einer Synagoge aufgestellt wird. Die Suche des Priesters, seine Glaubenszweifel, eine gescheiterte Liebe und der Kontakt zum Rabbi und dessen Frau werden in der Erzählung kurz angerissen. Wie in dem 2000 erschienenen Roman sind auch hier die stilistisch dichten Beschreibungen Manhattans einzigartig. Eine von Doctorows Stärken liegt darin, mit knappen Strichen großstädtische Sujets zu entwerfen, dabei soziale und ästhetische Aspekte zu verbinden. So auch im Anfang der 90er mit Dustin Hoffmann und Nicole Kidman verfilmten Roman »Billy Bathgate«, der eine New Yorker Gangstergeschichte aus den 30er Jahren erzählt. In der jetzt erschienen Erzählung schreibt Doctorow die »Liner Notes« zum Roman, fasst Teile der Handlung wie Kommentare zu Songtexten zusammen.

Aber auch in der längeren Erzählung »Jolene, ein Leben« findet sich ein grundlegendes Motiv aus Doctorows Werk: der Weg nach Westen und die ständige Neuerfindung der eigenen Identität. Erzählt wird von einer Frau, die als Jugendliche missbraucht wurde, in der Psychiatrie landete, floh, sich mit einem Tätowierer einlässt, ein schickes Leben in Las Vegas führt, jemanden aus der texanischen High Society heiratet und in Hollywood landet. Gewalt ist ein durchgängiges Motiv in dieser Geschichte. Schon Doctorows vergriffener Debütroman »Welcome to hard times« (dt: »Mordbrenner von Arkansas«), ein Wild-West-Epos, 1967 mit Henry Fonda verfilmt, handelte vom Gründungsmythos der USA, in dem Gewalt eine tragende Rolle spielt.

Neben seiner Vorliebe für historische Themen zeigt sich Doctorows sozialkritische Gegenwartssicht. So in der Erzählung um einen Mann, der sich in der Garage seines gutbürgerlichen Hauses versteckt, von seiner Familie für vermisst erklärt wird und sich monatelang aus den Mülltonnen der Nachbarschaft ernährt. In einer anderen Geschichte heiratet ein Mann gegen Bezahlung eine osteuropäische Migrantin, die so eine Green Card bekommt. Was zuerst nur ein Geschäft ist, wird bald zu einem Kampf der beiden um Begehren und Freiheit. Doctorows Figuren liegen immer im Widerstreit mit sozialen Konventionen, die aufgebrochen werden, um sie außer Kraft zu setzen.

E. L. Doctorow: Alle Zeit der Welt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger und Angela Praesent, Kiepenheuer und Witsch. 352 S., geb., 19,99 €.

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