Entzaubert, verliebt

Markus Bäuchle räumt mit Klischees über das Traumland Irland auf

  • Martin Hatzius
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer auf dem Dubliner Airport landet, mag sich beim ersten Betreten irischen Bodens fühlen wie in einer futuristischen 3D-Animation. Der Terminal 2, im Krisenjahr 2010 eröffnet und 600 Millionen Euro teuer, wirkt mit seinen blitzblanken Böden und Fassaden, streng rechtwinklig gezogenen Abfertigungslabyrinthen, schicken Cafés und Geschäften so reinlich, funktional und konsumistisch, als wäre er vom Flatscreen einer Werbeagentur auf jene Insel projiziert, von der es heißt, sie leuchte in 40 Grüntönen. Hier aber leuchten, statt Gras, nur Stahl und Glas.

Grün, immerhin, ist die Farbe des Aufstellers mit der Aufschrift »The Gathering«, das die Neuankömmlinge schon in der Halle mit den Gepäckbändern willkommen heißt. Dank Reiselektüre, Markus Bäuchles gerade erschienenem Buch »Irland. Ein Länderporträt«, bin ich informiert: Das »Irish Gathering« (Irische Zusammenkunft) ist eine Kampagne der Regierung. »Diaspora-Iren gleich welcher Blutverdünnungsstufe waren aufgerufen, im Jahr 2013 unbedingt nach Irland zu reisen, um dort Irland und alles Irische zu feiern«, schreibt der deutsche Wahl-Ire, » - und die Insel mit Dollars zu fluten«. Der Autor des brandaktuellen Irland-Buches hat nicht etwa im Sinn, das verklärte Inselbild vieler Deutscher mit noch mehr grünen Tupfern zu versehen. Stattdessen räumt er entlang harter Fakten insbesondere aus dem letzten Jahrzehnt, entlang launiger Anekdoten und historischer Ausdeutungen mit Klischees über das Land und seine Leute auf - ohne je seine Liebe zu beiden zu leugnen.

Geld braucht dieses Land dringend, das sich innerhalb kürzester Zeit von »Europas Armenhaus« zum Bauboom- und Wirtschaftswunderland aufgeblasen hatte, nur um ab 2008 in eine ökonomische Schockstarre zu fallen und nunmehr unterm Sparzwang der Troika zu ächzen. Wer um die Geschichte der irischen Besatzung durch England, um die Befreiungskämpfe und die bis heute gegenwärtigen Kränkungen weiß, der ahnt, wie straff die neuerlich von außen angelegten Zügel ins Fleisch vieler Iren schneiden müssen. Bäuchle zitiert den Gewerkschaftssekretär David Begg: »Die Briten mit ihrem Empire haben uns wenigstens eine schöne Architektur hinterlassen. Die Troika hinterlässt nur Ruinen.«

Die durchsichtige Regierungsstrategie jedenfalls, zur Finanzakquise (und zum Wohlgefallen der Wächter) auf den Herkunftsstolz der Millionen irischen Auswanderer und deren Nachkommen zu setzen, kam nicht bei allen gut an. »Der irische Hollywood-Schauspieler Gabriel Byrne«, weiß Bäuchle zu berichten, »sprach sogar von Betrug und warf der Regierung den Missbrauch der Diaspora aus niederen Geldmotiven vor.« Für »typisch irisch« hingegen darf man die Reaktion des Ryanair-Chefs halten. Obgleich seine Fluglinie gewiss von der Kampagne profitiert, taufte Michael O›Leary »The Gathering« mit bösem Humor in »The Grabbing« um - das große Grapschen.

Der Stolz der Iren und Irgendwie-Iren auf ihre »Irishness« hat eine lange Tradition. Zur Zeit der Unabhängigkeitsbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die zur Gründung der Republik Irland unter Abspaltung des Nordostens führte, erlebte die irisch gälische Sprache - seither Pflichtfach an den Schulen, obwohl es nur noch wenige Muttersprachler gibt - ein politisch motiviertes Revival. Ebenso erging es den Nationalsportarten Hurling und Gaelic Football. Außerhalb der Inselgrenzen weitgehend unbekannt, vermögen sie es in Irland noch immer, wahre Massenbegeisterung auszulösen. Andererseits ist dieser spezifische Nationalstolz längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. Auf dem Weg über die vierspurige Autobahn, die noch vor wenigen Jahren ein breiterer Feldweg war, hören wir im Radio einen Werbespot für Produkte mit dem Label »Guaranteed Irish«, das, so heißt es ganz offen, die heimische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt ankurbeln soll. Mich erinnert das an das Trommelwirbeln für »Ostprodukte« in den Neunzigern.

Markus Bäuchle schildert Irlands »Achterbahnfahrt in die Moderne« so rasant, dass einem schon beim Lesen schwindlig wird. Vom steilen Bedeutungsverlust der katholischen Kirche, von der damit einhergehenden Enttabuisierung der Abtreibung, der Homosexualität, des Suizids, von Alkoholismus und Fettleibigkeit, von Botox-Partys und gravierenden Mängeln im Gesundheitssystem, von Luxussucht und Kriminalität, von Zuwanderung und stillem Rassismus, vom Pub-Sterben und von der Distanz urbaner Iren zu jener traditionellen Kultur, die vielerorts nur noch für Touristen gepflegt wird, erzählt der Autor. Zur Vor- und Nachbereitung einer Reise lohnt sich dieses Buch - sofern man etwas über das wirkliche, widersprüchliche Leben in Irland erfahren will - allemal mehr als die gängigen Bände mit romantischen Bildern von unberührter Landschaft.

Als Ziel einer Flucht vor dem wirklichen, widersprüchlichen Leben allerdings empfiehlt sich dieses Land noch immer genauso gut wie 1957, als Heinrich Bölls »Irisches Tagebuch« erschien, das für Hugo Hamilton »überhaupt kein Buch über Irland« war. »Es war ein Buch über all das, was in Deutschland damals fehlte«, zitiert Bäuchle den deutsch-irischen Schriftsteller. Wem heute ein atemberaubend schöner Ort fernab aller Hektik fehlt, der wird in Irlands Weiten noch immer fündig. Trotz seiner Gier und Kraft ist es nicht einmal dem gefräßigen »Celtic Tiger« der Boomjahre gelungen, diese Traumlandschaft mit ihren unendlichen Weide- und Brachflächen, formenreichen Bergmassiven und schroffen Klippen ernsthaft zu beschädigen. Auch das kann ein Resümee der Lektüre - und einer Reise - sein.

Markus Bäuchle: Irland. Ein Länderporträt. Ch. Links, 208 S., brosch., 16,90 €.

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