Der Mann, der Blitze sammelt

RICHARD RIEDIGER: Wie der 79-jährige Hobbyarchäologe auch Ehrfurcht vor den kosmischen Urkräften bekam

Bei Gewitter ziehen sich viele am liebsten die Decke über den Kopf. Nicht so Richard Riediger. Voller Vorfreude sitzt der pensionierte Stadtgärtner am Fenster und schaut den Blitzen zu. Denn der 79-Jährige aus dem Übach-Palenberg bei Aachen hat ein ziemlich elektrisierendes Hobby: Er sammelt Blitze.

nd: Blitze sammeln - wie bitte soll das denn gehen?!
Riediger: Ich sammele Spuren, die Blitze im Boden hinterlassen. Aber das müssen Sandböden sein, in Muttererde funktioniert das nicht. Schlägt ein Blitz in Quarzsand ein, entstehen Strukturen, die außen nur angehärtet sind und deswegen rau bleiben. Aber innen sind diese Röhren spiegelglatt - nämlich da, wo der Blitz durchgezischt ist. Denn im Grunde ist das ja Rohglas, schließlich ist Quarzsand der Rohstoff für die Glasherstellung.

Die Formen dieser »Fulgurite« - vom lateinischen Wort »fulgur«, zu deutsch: »Blitz« - variieren zwischen verschrumpelten Würsten und verhungerten Ingwerknollen .
Ist der Sand nass, gibt es bloß eine kurze Röhre. Ist dem Gewitter eine Trockenperiode vorausgegangen, saust der Blitz durch, bis er eine feuchte Schicht erreicht. Um sich dann vollständig zu entladen. Im Schnitt sind Blitzröhren zwischen sieben und zehn Zentimeter lang.

Welche Farbe haben diese Röhren denn?
Das kommt auf den Sandboden an. Meist sind die Blitzröhren hell, tendieren ins Weißliche, können aber durchaus auch dunkel sein, das zeigen Exemplare aus der Sahara.

Wie haben Sie Ihre erste Blitzröhre gefunden?
Per Zufall. Mein Haupthobby ist die Archäologie. Und als ich deswegen eines Tages bei uns in der Gegend die Teverener Heide durchstreift habe, sah ich etwas auf einer Sanddüne liegen. Erst wusste ich gar nicht, was das war, habe alle möglichen Theorien aufgestellt. Bis ich mich dann mal bei niederländischen Geologen schlau gemacht habe. Von denen hatte ich vorher in der Zeitung gelesen, die waren nämlich auf ein ähnliches Exemplar in einer belgischen Sandgrube gestoßen.

Und seitdem graben jetzt auch Sie fleißig.
Nein. Die finde ich erst, nachdem sie von Regen und Wind freigelegt worden sind.

Ihr spektakulärster Fund?
Eine Zwei-Meter-Röhre. Und die ist mehrfach gezackt, genau wie der Blitz mit seinen Nebenverästelungen in der Atmosphäre. Am Ende hat diese Röhre sogar eine Art Trichter ausgebildet. Als ich das Stück entdeckte, guckte das nicht mehr als vier oder fünf Zentimeter aus dem Boden. Ich fing an, die Röhre mit den Händen freizulegen, bis ich merkte, dass die immer tiefer ging. Ich musste mir erst mal ordentliches Werkzeug besorgen, und einige Tage später habe ich das Riesending vollständig ausgebuddelt.

Fühlen Sie sich den Urkräften des Kosmos nahe?
Da krieg ich schon ein bisschen Ehrfurcht. Denken Sie allein an meinen Zwei-Meter-Blitz: Mit der Energie, die der freigesetzt hat, wäre man selbst in 30 Meter Abstand sofort tot gewesen.

Das Leben ist demnach nicht ungefährlich für einen Blitzjäger.
Wenn ich ehrlich bin: Bei Gewitter bin ich noch nie rausgegangen. Und auch gleich danach hat es keinen Sinn, weil ich nichts finden würde. Ich warte in aller Ruhe ab, bis die Erosion ihren Job erledigt hat und die Blitzröhren an der Erdoberfläche zum Vorschein kommen.

Und falls einen doch mal ein Gewitter im Freien überrascht - was raten Sie uns als ausgewiesener Blitzexperte?
Machen Sie es wie ich: so schnell wie möglich in die nächste Kneipe! Das ist am sichersten.

Gespräch: René Gralla

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