Business as usual

Im New Yorker Finanzviertel erinnert nur wenig an die Lehman-Pleite

  • Von Max Böhnel, New York
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein paar Häuserblöcke nördlich vom »Times Square« fällt das grauschwarze Gebäude mit der Hausnummer 745 auf der 7th Avenue nicht auf: im Erdgeschoss ein teurer Schokoladen, daneben ein piekfeiner Herrenausstatter, rechts ein »Super Runner’s Shop« mit Turnschuhen ab 150 Dollar - für diese New Yorker Gegend keine Besonderheit. Der Haupteingang führt in ein angenehm gekühltes Atrium, wo der neue Gebäudebesitzer, die Bank Barclays, in großen Lettern auf sich aufmerksam macht. Nichts weist auf den früheren Besitzer hin. Der in schwarzes Zwirn gekleidete Empfangschef beantwortet kurz, aber höflich neugierige Fragen. Nein, er habe nicht bei Lehman gearbeitet. Nein, niemand habe hier jemals einen Hinweis auf die Riesenpleite erwogen. »Alles vergessen also?« - »Ja, alles vergessen.« Drei freundlich nickende Barclays-Banker haben keine Zeit für Interviews.

Auch vor dem einstigen »Welthauptquartier« von Lehman Brothers gibt es keinen Hinweis auf die Ereignisse vor fünf Jahren, die einen weltweiten Finanz-Erdrutsch zur Folge hatten. Doch Überraschung: Es ist einfach, für einen kleinen Menschenauflauf zu sorgen. Eine Kamera genügt - schon stellt sich ein Wachmann mit seinem plärrenden Walkie-Talkie fuchtelnd vor die Linse. »No pic-tures«, brüllt er, »weisen Sie sich aus!« Dabei stehe ich auf dem öffentlichen Gehsteig und knipse das Gebäude. Nirgendwo ist ein Fotografierverbot ausgewiesen.

Auf der 7th Avenue dröhnen Lkw und die berühmten gelben Taxis vorbei. Fußgänger bleiben stehen, denn ich beharre lautstark auf meinem Recht, ein Allerweltsgebäude in Manhattan abzulichten. »Gehen Sie sofort auf die andere Straßenseite«, fährt mich der gut 30-jährige Wachmann an. Dann ist er verschwunden. Ein Taxifahrer, der die Szene beobachtet hat, erläutert rauchend, seit »9/11« seien die Sicherheitsvorkehrungen am Gebäude verschärft worden. »Und als Occupy Wall Street kam, sind sie völlig durchgedreht.« Selbst Taxifahrer brauchen seitdem eine Genehmigung, wenn sie hier parken wollen. »Die Banker können Demonstrationen nicht leiden. Und für Proteste gibt es nach wie vor gute Gründe.«

Von Midtown Manhattan zur Wall Street dauert es mit der U-Bahn 20 Minuten. Die Hochhausschluchten werfen Schatten auf den Straßenzug, der für den Autoverkehr gesperrt ist. An der Ecke Broad Street befindet sich der Sitz der Börse. In dem altehrwürdigen Säulenbau wird seit über 200 Jahren gehandelt, anfangs mit Getreide- und Viehkontrakten, später mit Aktien. Fotografierende Touristen beherrschen das Bild. Um die Ecke finden sich dann doch Hinweise auf Lehman: Zwei in Anzügen gekleidete Mittdreißiger erzählen beim Verzehr von Stullen von ihren Erfahrungen. Jeffrey Stine, der für die Börsenwebseite thestreet.com arbeitet, hatte sich kurz vor dem Crash bei der Investmentbank beworben. Zu einem Vorstellungsgespräch kam es dann nicht mehr. Er sei damals, als er von der Pleite erfuhr, nach Midtown gefahren und habe »Hunderte fluchende und schluchzende Entlassene« beobachtet, wie sie das Lehman-Gebäude verließen. »Manche waren völlig blass im Gesicht, andere hatten rot unterlaufene Augen«, erinnert sich Stine. Er selbst habe damals, obwohl Absolvent der Harvard Business School, »keinen blassen Schimmer« von den Gründen für den Zusammenbruch gehabt. »Bis heute ist nicht genau klar, wie das passieren konnte«, fügt sein Arbeitskollege Jake Cassidy hinzu. Er sei sich aber sicher, dass es zu einem erneuten Crash nicht kommen werde. »Die Banken haben heute viel mehr Eigenkapital und wurden die meisten spekulativen Schmutzpapiere los. Da sind viele Sicherungen eingebaut worden«. Stine stimmt zu, schränkt aber ein: »Da muss noch viel mehr passieren.« Gemeint sind die gigantischen Wall-Street-Banken, die »heute eigentlich völlig unreguliert schalten und walten«.

Die beiden legen eine Pause ein und sagen dann im Duett den Reim der Skeptiker auf: »Too big to fail, too big to jail, too big to curtail« (zu groß, um sie scheitern zu lassen, zu groß, um sie einzuknasten, zu groß, um ihnen die Flügel zu stutzen). Business as usual eben.

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