- Politik
- ? Das SS-Wirtschaftsimperium und die deutschen Banken
Eine profitable Allianz
Trotz der Betonung des «schwarzen Terrors» im Untertitel geht es Peter Ferdinand Koch um die «zivile» Seite der SS, um ihre wenig bekannte, aber umfangreiche Wirtschaftstätigkeit. Diese überschnitt sich sehr viel mehr als bisher zugegeben mit der «normalen» Wirtschaftstätigkeit in NS-Deutschland. Bankiers, Wirtschaftsprüfer, Unternehmer, Industrie- und Handelskammern - sie alle handelten nicht nur auf NS- und SS-Kommando, sondern trieben im eigenen Interesse die «Arisierung» voran, legalisierten sie, eigneten sich ebenso vor schriftsmäßig wie Gewinn bringend jüdische Vermögen an. Und sie waren am Aufbau des SS-Wirtschaftsimperiums beteiligt.
Koch fasst zunächst die bekannte För derung der SS und der NSDAP durch die Spitzen der Wirtschaft zusammen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren zahlreiche patriotische Clubs und vaterländische Vereine durch Unternehmer gegründet worden. Privatbankier Enno von Marcard und HAPAG-Direktor Louis Leisler Kiep etwa luden dann 1930 Hitler im Namen der Hamburger Kaufmannschaft ins überfüllte Hotel Atlantic ein, «als die hanseatische NSDAP noch nicht einmal 200 Mitglieder zählte und die Parteikasse noch aus einem abgegriffenen Schuhkar ton bestand». Fritz Thyssen finanzierte 1930 die NSDAP-Zentrale in München und verschaffte Hitler im selben Jahr die Einladung in den Düsseldorfer Industrie- Club, was zum Durchbruch führte. Der Kölner IHK-Präsident und Privatbankier Kurt von Schröder, der 1933 die Reichskanzlerschaft Hitlers einfädelte, koordinierte bis Kriegsende die Wirtschaftsspenden für die SS: Zum «Freundeskreis Reichsführer SS» gehörten Dresdner, Deutsche und Commerzbank, Siemens, Puddingkönig Oetker und viele andere.
Gleichzeitig baute die SS ihr eigenes Wirtschaftsimperium auf. Oswald Pohl, Reichskassenverwalter der SS (und auch des Deutschen Roten Kreuzes), schob bis 1942 das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) zusammen. Hier zahlten deutsche Unternehmen die Entgelte für die KZ-Häftlinge ein, die von der SS als Zwangsarbeiter angemietet wurden. Schließlich koordinierte das WVHA über die Holding «Deutsche Wirtschaftsbetriebe GmbH» 63 SS-Firmen. Dazu gehörten Erholungsheime und Siedlungsgesellschaften, die Deutschen Erd- und Steinwerke, Baustoff- Zement- und Keramik firmen, das Mineralwasser «Apollinaris», Kunst- und Zeitschriftenverlage bis hin zur «Deutschen Briefkastenreklame». Generäle und SS-Funktionäre waren am Gewinn beteiligt. Oswald Pohl hielt per sönlich Anteile an 26 Unternehmen. Er bediente sich ausgiebig selbst und holte 46 Millionen RM heraus, die er in Wertpapieren bei der Dresdner Bank anlegte.
Koch schildert die Mitwirkung der Wirtschaftsprüfer. Die Deutsche Revisionsund Treuhand AG, 1890 von der Deutschen Bank gegründet, erstellte Wertgutachten für «Arisierungen», wobei auftragsgemäß das jüdische Betriebsvermögen stark herunter gerechnet wurde. So kamen etwa das Bankhaus Merck, Finck & Co. günstig an den Konkurrenten Rothschild, Schickedanz/Quelle an das Papierwerk Rosenfelder («Camelia», «Tempo») und die Deutsche Bank an das Amsterdamer Bankhaus Mendelsohn. Bei einer Vorstandssitzung der Deutschen Bank in ihrer Kölner Filiale am 2. November 1938 wurde bilanziert, die «Arisierung sei stark ins Stocken geraten», die Deutsche Bank habe erst «330 Objekte in arischen Besitz übergeleitet», die weitere Durchforstung des Kundenstamms auf «arisier bare» Betriebe sei zu beschleunigen.
Die «Arisierungs»-Gutachten wurden häufig über die IHK vermittelt, allein die Berliner IHK vermittelte 1002. In den Jahren 1934 bis 1938 stieg die Dividende der viel beschäftigten Wirtschaftsprüfer von der Deutschen Treuhand auf 12 Prozent. Nach dem Krieg machten sie unbehelligt‹ weiter, das Unternehmen hieß ab 1979 KMG (Klynveld Main Goerdeler), seit 1986 KPMG (Klynfeld Peat Marwick Goerdeler). Ausführlich geht Koch auf den Arisierungs-Spezialisten Paul Binder ein, der von der Deutschen Treuhand zur Dresdner Bank wechselte. Er begutachtete und «prüfte» für die SS Unternehmen in Estland, Litauen und Lettland. Nach 1945 wurde er Vorstandsmitglied des CDU- Wirtschaftsrates und einer der «Wirtschaftsweisen».
Die Deutsche Bank, an deren Spitze inzwischen Hermann Josef Abs gerückt war, finanzierte über ihre «Deutsche Überseeische Bank» die Auslandsorganisation (AO) der NSDAP und damit eipen Teil des deutschen Spionagedienstes. Die AO kontrollierte auch die Außenhandelskammern der IHK bzw. des DIHT. Abs versorgte sie ebenso mit Devisen wie die ausländischen Botschaften des NS-Regimes z.B. in Südamerika. Der Deutschbanker rühmte sich, «den deutschen Reichsvertretungen drüben Mittel zuzuführen, ohne dass freie Devisen von Deutschland aus herausgegeben werden mussten». Auch die Züricher Filiale der Deutschen Bank war bei solchen Geschäften und für verdeckte Finanzoperationen der SS behilflich.
Koch gibt keinen systematischen Einblick in das Wirtschaftsimperium der SS und die Verbindung zur «normalen» Wirtschaft, aber die einzelnen Einblicke sind erhellend. Die Quellenlage ist schwierig, viele Firmenarchive sind immer noch geschlossen. Deutlich wird aber, dass die Behauptung, «die Wirtschaft» sei zur Zusammenarbeit mit NSDAP und SS «gezwungen» worden, nicht stimmt. Und Koch zeigt auch, dass die SS mehr als eine reine Terrororganisation gewesen ist; sie war auch eine Wirtschaftsorganisation, deren Methoden sich von der «normalen» Unternehmen kaum unterschied.
Die NS-Vernichtungspolitik wäre ohne administrative Erfassungs- und Sor tiertechniken, ohne Volkszählungen und Aussonderungen nicht möglich gewesen. Götz Aly und Karl-Heinz Roth zeigen in «Die restlose Erfassung», wie der Rück fall in die Barbarei mit den Methoden einer modernen Bürokratie vorbereitet wurde (Fischer, 174 S., 18,90 DM)
Provokant-bissige Aufsätze über «Deutschlands Standortvorteil bei der Bewältigung der Vergangenheit» bietet der von Wolfgang Schneider herausgegebene Band «Wir kneten ein KZ». Her mann L. Gremliza, Günter Jacob, Joachim Rohloff, Rayk Wieland u.a. sezieren die vergangenheitspolitischen Debatten der letzten Jahre: Entschädigung der Zwangsarbeiter, Wehrmachtsausstellung, Holocaust-Mahnmal, Goldhagens «Hitlers willige Vollstrecker» bis hin zum ersten Kriegseinsatz deutscher Soldaten nach 1945, zu deren Beteiligung an der NATO- Aggression gegen Jugoslawien (Konkret Verlag, 176 S., 22,80 DM).
In Buchhandlungen stapeln sich die Biografien berühmter Sportler. Der ostdeutsche Sportjournalist Klaus Ullrich vermisst jedoch die Namen jener, die über Lorbeer und Medaillen den Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung nicht vergaßen, so Bronislaw Czech, Werner Seelenbinder, Rubin Carter, Nikolai Trussewitsch. In «Sie spielten gerade Car men...» erinnert er an sie und viele andere (96 S., 9,90 DM).
Peter-Ferdinand Koch: Die Geldgeschäfte der SS. Wie deutsche Banken den schwär zen Terror finanzierten. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2000. 288 S., geb., 39,90 DM.
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